Aufmerksame Kaffeegenießer sollten es schon bemerkt haben: In Deutschland taucht gehäuft das Zertifizierungslabel der Rainforest Alliance (RA) auf. Es ziert in zunehmendem Maße beispielsweise Kaffees von Kraft-Jacobs, Tchibo oder Starbucks. Toll, denkt der umweltbewusste Käufer, endlich hat sich die Notwendigkeit der Förderung des öko-ethisch verantwortlichen Kaffeeanbaus auch bei den Brachenriesen herumgesprochen. Und die Sprecher dieser Unternehmen werden tönen, dass sie ja schon immer dafür und überhaupt die Ersten waren, die sowieso….
Wie viel sind 30 Prozent und von was?
Wenn ich mir die Produkte besagter Marken nun genau anschauen, dann lese ich zum Beispiel auf dem Rainforest-Label von Tchibo Privat Kaffee African Blue:
„Mindestens 30 % zertifizierter Kaffee“. So, also „mindestens“ - könnte mehr sein, dürfte aber eigentlich nicht weniger sein.
Wenn ich also nicht genau draufschreiben kann wie viel, dann kann ich auch schlecht wissen, ob es nicht auch weniger sind als 30 %, oder? Ist doch logisch! Nein?!
Die Logik der Verdummung
Ich behaupte doch! Da hatte doch dieser Tage ein Kaffeebauer auf der Coffee Conference Miami University in Oxford, Ohio eine Vertreterin Rainforest Alliance gefragt, ob er denn nicht einen bestimmten Prozentsatz nicht zertifizierten Kaffees unter seinen zertifizierten Kaffee mischen könne, und wenn ja wie viel denn. Die Vertreterin antwortete darauf, dass sowohl Erzeuger als auch Kaffeehändler bis zu 10 % nicht zertifiziert Ware untermischen könnten.
So bestünde also die Möglichkeit, dass in 100 % RA-zertifiziertem Kaffee, tatsächlich nur 81% (Verdünnungsfaktor 0,9 beim Erzeuger x Faktor 0,9 beim Händler = 0,81) zertifizierte Bohnen enthalten sind, bei 30% zertifiziertem Kaffee könnten es also sogar nur 24,1 % (30 % x 0,81) sein.
Wenn man nun auch noch weiß, dass ein Erzeuger auch nur 80% der Kriterien des RA-Standards erfüllen muss, um eine Zertifizierung zu erreichen, dann ist schon Maß der Verwässerung erreicht, dass man von einer homöopathische Verdünnung sprechen könnte.
Die öko-ethische Gürtellinie
Dass derartige Zertifizierungen in erster Linie auf business-orientierte Kaffeeplantagen abzielen und nicht auf Kleinbauernsysteme, die 80 % der weltweiten Produktion ausmachen, mag angesichts dieser Verschleierungsstrategie schon fast nebensächlich erscheinen. Offensichtlich geht es hier doch darum, die ökologisch-ethische Gürtellinie auf Kniehöhe abzusenken, um denjenigen Unternehmen Marktanteile abzugraben, die eine ursprünglich gute Idee wirklich voran zu bringen wollen.
Was jetzt noch fehlte, wäre ein Label im Stile von „FAIRTRADE-zertifiziert”, versehen mit der Ergänzung “mindestens jede vierte Bohne nicht aus Kinderarbeit“. Spätestens dann wäre jedem von uns klar, dass die Zertifizierung ein Glaubwürdigkeitsproblem hat - ein hübsches Oxymoron übrigens….








5 Kommentare
Ich frage mich gerade ob es mir egal ist, wenn 20% meiner Ware nicht zertifiziert sind oder 20% der Gesamtproduktionsmenge?! 100% ist einfacher
Wenn man sich anschaut, wer mit dem Label “Rainforest Alliance” wirbt, dürfte einem recht schnell klar sein, dass da etwas nicht stimmen kann.
Bei den Mengen, die Tchibo, Jacobs und Co. abnehmen, ist es für mich kaum vorstellbar, dass diese 100%ig “RA” sein sollen. Die Frage, die dahinter steht: gibt es überhaupt soviele Anbauflächen weltweit, um diesen Bio-Kaffee zu produzieren?
Es ist doch wie im Lebensmitteleinzelhandel: die EG Bio Verordnung wurde auch verwässert, um der gestiegenen Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln überhaupt nachkommen zu können. Und dass Länder wie China mittlerweile weltgrösste Produzenten von Bio-Lebensmitteln sein sollen, ist schon irgendwie schizophren.
Für mich ist die “RA” reines Marketing - und für den interessierten Kunden ein Grund, diese Kaffees zu meiden.
Johannes
Danke für den Kommentar, Johannes,
in China steht die Umweltpolitik vor einer Trendwende. Die gegenwärtigen Probleme nicht wahrzunehmen, wäre desaströs.
Aus dieser Sicht ist der Bioanbau sicher psoitiv zu bewerten. Andererseits wird bei den in China zur Verfügung stehenden Flächen so mancher europäische, kleine, aufrechte Biobauer in den Ruin getrieben.
Die angeblich fehlenden Bio- und Fairtrade-Qualitäten sind ein oft genanntes, dadurch aber nicht weniger fadenscheiniges Argument, auf ausreichende Standards keinen Wert zu legen. So lange darauf nicht bestanden und dafür nicht bezahlt wird, ist es kein Wunder, dass diese Flächen nicht existieren. Und so lange wiederum den meisten Verbrauchern ein kleiner bunter Aufdruck reicht, um das Gewissen zu beruhigen, wird sich daran auch nichts ändern.
Till, danke für den Kommentar. Es sind aber nicht einmal die fehlenden Flächen oder Mengen in Bio-Qualität, sondern schlichtweg Pfennigfuchserei und Gier, die einen größeren Marktanteil von zertifizierten Produkten verhindern! In Äthiopien beispielsweise sind Dutzende Kooperativen biozertifiziert, aber nur maximal 20 % der zertifizierten Kaffees können als solche vermarktet werden, 80% gehen als konventionelle Ware in den Mainstream-Markt.
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