Geballter Unfug über Bio-Kaffee bei ABSOLUT BIO!

Manchmal fehlen einem einfach die Worte!  So geschehen, als ich bei www.absolut-bio.de den Beitrag “Bio-Kaffee – gesunder Wachmacher (Anmerk.: die Links sind nicht mehr aktuell) vom 27. März gestoßen bin. In diesem Beitrag wird der Leser in solch geballter Form dessinformiert, dass einem um die Zukunft der Wissensvermittlung via Internet wahrlich bange werden muss!

So heißt es in besagtem Beitrag (Anm.: alle Zitat aus diesem Beitrag sind fett gedruckt):

Warum sollte man Bio Kaffee den normalen Sorten vorziehen? Es gibt drei Argumente, die für den Bio-Kaffee sprechen.

Zum einen ist es moralischer. Gerade in der Kaffeeindustrie herrscht immer noch ein Missbrauch von Arbeitskräften. Preise werden gedrückt und Arbeiter betrogen. Da fast alle Bio-Kaffee-Produkte in die Fair Trade Kategorie fallen, leistet man ganz nebenbei seinen Beitrag zu gerechterem Handel:

Was ist mit Missbrauch von Arbeitskräften konkret gemeint?

Was heißt: Preise werden gedrückt? Die Kaffee-Preise werden erstens weitgehend von den Börsen in New York (Arabicas) resp. London (Robustas) bestimmt, und zweitens gehört es einfach zum völlig normalen Geschäftsgebaren, dass jeder an einem Geschäft beteiligte versucht, den eigenen Vorteil, den eigenen Profit zu maximieren, in dem er u.a. versucht, so wenig als möglich zu zahlen. Wer drückt nach Meinung des Autors aber wem gegenüber die Preise: Der Zwischenhändler gegenüber dem Bauern? Der Händler/Exporteur gegenüber dem Zwischenhändler? Der Plantagenbesitzer gegenüber den Lohnarbeiter/innen? Der Importeur gegenüber dem Exporteur? ….? Hier werden vom Autor komplexe Zusammenhänge auf ein "hier die Guten, dort die Bösen" reduziert.

Ich gebe dabei außerdem zu bedenken, dass es zur sich alljährlich wiederholenden Routine gehört, dass Bauern ihre Kaffees möglichst so lange zurückhalten, bis höhere Preise gezahlt werden, und dass Exporteure die Kaffee gerne so lange zurückhalten, bis sie höhere Preise zu erwarten sind, wobei Importeure oder Röster gerne auch mal gegeneinander ausgespielt werden (was ganz besonders in Äthiopien beliebt ist). So einfach wie vom Autor dargestellt funktioniert der Kaffeehandel nicht.

Was heißt außerdem: Arbeiter werden betrogen? In welcher Form betrogen? Natürlich kann ich mir denken, dass gemeint ist, dass Arbeiter um ihren gerechten Lohn betrogen werden. Aber: ich kenne ganz konkrete Fälle in Äthiopien, in denen die Kaffee-Bauern von ihren eigenen Kooperativen-Dachverbänden um die  Margen für Bio- und fairen Handel betrogen wurden! Was würde der Autor dazu sagen?

Dass "fast alle Bio-Kaffee-Produkte in die Fair Trade-Kategorie fallen" erstaunt mich. Woher hat der Autor diese Information? Es gibt zwar zunehmend doppelt oder gar dreifach zertifizierte Kaffees, aber da möchte ich schon genaue Zahlen sehen!

Außerdem: Ich halte es für unzulässig zu sagen, Bio-Kaffee sei "moralischer", weil die meisten Kaffees sowieso "in die Fair Trade Kategorie" fallen. Hier werden 2 Dinge argumentativ zusammengewürfelt, die inhaltlich gesehen grundsätzlich nichts miteinander zu tun haben!

Drittens steht, wie fast immer bei Bio-Produkten, die eigene Gesundheit im Vordergrund. Bio-Kaffee ist meistens von der Arabica-Sorte. Dieser Kaffee wird im Gegensatz zum normalen “Robusta” Kaffee erst ab Höhenlagen von 800 Metern angebaut. Die Höhe verfeinert das Aroma des Arabica-Kaffees, außerdem enthält dieser bei gleicher Wirkung viel weniger Koffein als die geläufigere Sorte:

Man höre: Die eigene Gesundheit steht im Vordergrund! Warum steht nicht auch die Gesundheit der Kaffee-Bauern resp. der Lohnarbeiter im Vordergrund!?

Bio-Kaffe ist meistens von der Arabica-Sorte: Zunächst: Coffea arabica ist keine Sorte, sondern eine Art! Dass in der Tat vorwiegend Arabicas bio-zertifiziert sind, hat sich historisch so entwickelt und kann man stehen lassen, auch wenn es zunehmend mehr bio-zertifizierte Robustas gibt.

… außerdem enthält dieser [Arabica] bei gleicher Wirkung viel weniger Koffein als die geläufigere Sorte [Robusta]. Was heißt "geläufigere Sorte"? Laut Deutschem Kaffeeverband beträgt der Robusta-Anteil an der Kaffee-Weltproduktion lediglich 40%, ein Anteil, der in dieser Höhe erst es in den letzten beiden Jahrzehnten durch den massiven Robusta-Anbau in Vietnam erzielt werden konnte! Den Rest des Satzes, dass Arabica "bei gleicher Wirkung viel weniger Koffein" habe, mag verstehen wer wolle!!?? In der Tat hat Robusta-Kaffee mehr (in etwa doppelt so viel) Koffein als Arabica, aber wie kann dann bei Arabica "die gleiche Wirkung" erzielt werden? Ich kann da wirklich nicht folgen.

Große Firmen wie Starbucks verwenden übrigens nur Robusta-Kaffee, wem von deren Kaffee regelmäßig schlecht wird, der sollte mal Arabica probieren:

Starbucks kauft und röstet ausschließlich Arabica-Kaffees! Erst im letzten Jahr musste der WWF seine Beschuldigung, Starbucks würde illegal angebauten Robusta aus dem Bukit Barisan Selatan-Nationalpark in Südost-Sumatra kaufen als falsch zurücknehmen. Starbucks konnte glaubhaft versichern, dass das Unternehmen in seiner gesamten Geschichte noch niemals Robusta gekauft habe! 

Arabica-Kaffee wird außerdem nass aufbereitet, das ist aromaschonender und schmeckt besser:

Grundsätzlich: Die Aufbereitung hat nichts mit Kaffee-Art zu tun! Speziell in Brasilien und Äthiopien liegt der Anteil an sonnengetrockneten Arabicas weit höher (in Äthiopien ca. 75%) als der von gewaschenen Kaffees!

Dass gewaschener Kaffee "aromatischer und besser schmeckt" kann so nicht stehen gelassen werden. Entscheidend auf die geschmackliche Qualität eines Kaffees wirkt sich neben den biologischen und ökologischen Gegebenheiten in hohem Maße die Qualität der jeweiligen Aufbereitung aus! Es gibt mittlerweile grandiose sonnengetrocknete Kaffee (wie z.B. unseren "Yirgacheffe special" oder den "Hufashi"), die viele gewaschene Kaffees geschmacklich hinter sich lassen. Und wieso das Waschen von Kaffee "aromaschonender" sein soll, ist wieder eines der großen Rätsel, die uns der Autor aufgibt!

Schlussendlich ist noch zu sagen, dass wirklich hochwertiger Kaffee in der Trommel geröstet worden ist, statt industriell in fünf Minuten bei 400 Grad wird hier über 20 Minuten bei 220 Grad geröstet. Deswegen hat Bio-Kaffee auch viel weniger Bitterstoffe, was sowohl für das Aroma, als auch für die Verträglichkeit sehr gut ist:

Also, um ehrlich zu sein, ich habe jetzt keine Lust mehr weiter zu schreiben! Um all das, was in diesen beiden Sätzen falsch ist klar zu stellen, müsste ich einen halben Roman schreiben. Nein, das mache ich jetzt nicht mehr! Vielleicht findet sich ja jemand, der noch genügend Energie hat, sich dem zu widmen. Es ist eben weitaus einfacher, irgendeinen Unsinn in die Welt zu posaunen, als "die Welt" wieder von diesem Unsinn zu befreien.

Zuletzt nur noch eine Anmerkung zu folgendem Zitat:

Wenn ein Bio- Sticker auf dem Kaffee klebt, heißt das nicht, dass er alle diese Voraussetzungen auf einmal erfüllt. Fair Trade, Arabica-Sorte, Nasse Aufbereitung und Trommelröstung sind für mich jedoch Komponenten, die alle zusammen den perfekten “Bio”-Kaffee ausmachen.

Anmerkung: Wenn ein "Bio-Sticker auf dem Kaffee klebt", dann heißt das, er ist bio-zertifiziert – und sonst absolut nichts! 

Ein Kommentar

  1. Gast
    Veröffentlicht am 08.04.2011 um 14:38 | Permanenter Link

    Und so ein Unfug steht auch noch bei Google für “Bio Kaffee” ganz vorne. Da sollte man sich zumindest mal überlegen, vielleicht den 2.Link im ersten Satz wieder zu entfernen. Vielleicht den Ersten auch, der führt ohnhin ins Leere ;-)

    Es wäre ansonsten ziehmlich kontraproduktiv, finde ich. Auf der einen Seite Kritik zu üben und auf der anderen Seite mit einem Link dafür zu sorgen, dass der Unfug-Beitrag ganz oben gerankt wird.

Ein Trackback

  1. Von Donnerstagslink #52 am 21.08.2008 um 09:16

    [...] Auch wenn die Autoren von Maskal.de manchmal etwas “brachial” argumentieren, das Fachwissen ist da. Nicht so bei manch´ ahnungslosen Schreibern: Geballter Unfug über Bio-Kaffee. [...]