Bio-Kaffee am Ende? Oder: Am Ende muss es billig sein!

Es war einmal eine Zeit, als die Kaffeepreise so am Boden waren, wie die Bauern, die diesen Kaffee produzierten. Der Kunde jubelte: Kaffee war fast billiger, als das Wasser zum Aufbrühen.
Dann regte sich das schlechte Gewissen der Konsumgesellschaft - die Fair Trade Bewegung bekam Aufwind.

Aldi-Logic
Außerdem sollte Kaffee ‘bio’ verstärkt werden - man versprach Aufpreise von 40 % auf konventionellen Kaffee. Wer dieser ‘man’ war, will heute niemand mehr wissen, denn heute liegen die Aufpreise bei 20 % - dank ‘Aldi-Logic’ - oder ‘Geiz ist Geil’-osphie. Constantin Kaloff von der Hamburger Werbeagentur Jung von Matt ist übrigens stolz auf diesen Slogan - für mich der ungekrönte Unsatz des Jahrzehnts. Jetzt geben Tausende von Kaffeebauern in Mittelamerika den Bioanbau auf und setzen wieder auf Pestizide und Kunstdünger, gemäß nach dem Motto: Ihr trinkt jetzt wieder das Zeug, was ihr auch verdient!

Wer Dacia bezahlt, darf nicht Mercedes erwarten
Szenenwechsel: Im Lagerhaus von FEDECOCAGUA, der mit 20.000 Bauern größten guatemaltekischen Kooperative, lagen 225 Tonnen Biokaffee. Ständig klingelt das Telefon von Gerardo de Leon, dem Verkaufsleiter. Bei 2 US-Dollar pro Pfund liegt sein Preis, 50 Cents über dem derzeitigen Marktpreis, aber zu wenig, um wirtschaftlich Bioanbau zu betreiben. Etwa 10 % der Biokaffee-Bauern Mittelamerikas, woher 75 % des Biokaffee-Anbau in der Welt stammen, sind in den vergangenen Jahren zu konventionellem Anbau zurück gekehrt, schätzt das CATIE (Center for Tropical Agricultural Research and Higher Education) in Costa Rica.

Für Gerardo de Leon bedeutet dies, dass er den Kaffee seiner Bauern demnächst als konventionellen Kaffee verkaufen muss. Die Nachfrage für Biokaffee ist da, aber nicht der Preis, den er kostet. Da beschwert sich Starbucks, das gerade mal 3 % seines Bedarfs aus Biokaffee deckt, dass die verfügbaren Mengen an Biokaffee zu gering seien - und vergisst hinzu zu fügen, “für den Preis, den wir bereit sind zu zahlen”. Im Prinzip ist der Markt bzw. der Kunde schuld, der das so will: Er will immer mehr für immer weniger. Wohlstand durch Wachstum nennen es die einen - ich nenne es einfach: Gier. Man stelle sich vor, alle wollen Mercedes fahren, aber nur für Dacia bezahlen. Wenn das mal nicht bald soweit kommt….

500 Euro für die Genehmigung von 250 Kilo Bio-Kaffee
Zusätzliche Hindernisse erwarten den Bio-Kaffee in Deutschland. Da haben wir selbst im letzten Jahr einen wunderbaren Bio-Kaffee einer Kleinbauernkooperative in Nepal entdeckt und schließlich auch “door-to-door” importiert - 250 Kilo, um genau zu sein. Es sollte ein Anfang gemacht werden, um den Markt zu testen und das Produkt hier bekannt zu machen.

Leider musste der Bio-Kaffee aber “konventionell” reisen - denn Nepal gehört dummer Weise zu den Drittländern, die nicht über Rechtssysteme im ökologischen Landbau verfügen, deren Gleichwertigkeit mit den EG-Rechtsvorschriften anerkannt sind; und für den Import von Bio-Produkten aus solchen Ländern muss bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung eine so genannte “Vermarktungsgenehmigung” beantragt und von selbiger Anstalt erteilt werden. Und das kostet rund schlappe 500,- Euro - pro Jahr und Produkt (!), auch wenn nur eine einzige Kaffeebohne oder Ananas importiert werden würde. In unserem Fall wären das bei 250 kg rund 2,- Euro pro Kilo gewesen - weshalb wir auf das Bio-Zertifikat verzichtet haben (und weshalb wir uns langsam fragen, warum wir eigentlich noch bio-zertifiziert sind)!

Das bedeutet: Kleinmengen von Bioprodukten werden faktisch von Handel ausgeschlossen bzw. - wie unserem Fall - gelangen notgedrungen als konventionelle Ware in den Handel. Solche Produkte dürfen selbstverständlich nicht als bio bezeichnet werden, obwohl die Erzeuger für die Zertifizierung bezahlt haben!

Bio goes underground
So kommt es zu der paradoxen Situation, dass erheblichen Mengen von am Ursprungsort zertifizierten Bioprodukten als billigere konventionelle Ware in den Handel gelangen, weil letztendlich der Kunde nicht bereit ist, die Mehrkosten von Anbau und Zertifizierung zu tragen. Der Kunde isst und trinkt also möglicherweise bio und weiß es nicht, oder er will bio essen, glaubt aber nur Zertifikaten, für die er aber eigentlich nicht bezahlen möchte.

So fördern die Wachstumsziele der Bio-Branche genau die Mechanismen, denen sie ursprünglich entgegen wirken wollten: Statt Kleinstrukturen Großunternehmen, die auf Profitmaximierung und Verdrängungswettbewerb ausgerichtet sind. Und die arbeiten im - z.B. im Kaffeegeschäft - bisweilen mit folgender Methode: “Ok, wir kaufen 5 Container Bio-Kaffee von euch. Dafür gebt ihr uns aber bei den 20 Containern konventionellem Kaffee einen schönen Rabatt!” Da sag` noch einer, die Großen würden keinen Bio-Kaffee kaufen!

8 Kommentare

  1. bioprodukt versand
    Veröffentlicht am 22.01.2010 um 13:30 | Permanenter Link

    Es ist schon lange nicht mer Bio drin, wenn Bio drauf steht. Das Bio-Siegel, gerade im Bereich Kaffee, ist zu einfach zu erlangen und wird nicht nachhaltig und dauerhaft kontrolliert.

  2. Veröffentlicht am 22.01.2010 um 16:42 | Permanenter Link

    Oh, da kann ich leider gar nicht zustimmen! Ein Großteil der Kleinbauern zumindest in Afrika und Asien arbeiten ohnehin ohne Pestizide und Kunstdünger, schon allein aus Kostengründen. Wären die Anforderungen höher, gäbe es gar keinen Bio-Kaffee mehr, bestenfalls von Großplantagen - und das ist schon ein Widerspruch in sich. Faktisch ist ein Großteil der Kaffeeproduktion biologisch - nur darf es nicht draufstehen - weil unsereins die Kosten für Zertifizierung nicht bezahlen will.

  3. Veröffentlicht am 22.01.2010 um 16:46 | Permanenter Link

    @bioprodukt versand

    Na, das ist jetzt doch eine sehr pauschale Behauptung! Also wenn ich mir anschaue, wie aufwendig die Beantragung eines Bio-Zertifikats ist und wie (teilweise über-)penibel die Inspektionen z.B. bei uns selbst durchgeführt werden, dann muss ich der geäußerten Behauptung entschieden widersprechen. Und warum sollte das Bio-Zertifikat bei Kaffee leichter zu bekommen sein als bei anderen Produkten? Das erschließt sich mir nicht. Und wie es in den Anbauländern aussieht. Nun ich weiß auch von Fällen, in denen nicht alles ganz koscher lief. Aber wie bei so vielem hört man meist nur über Dritte, weshalb ich mich diesbezüglich jedes Kommentars enthalte. Wenn die Kontrollen jedenfalls überall so verlaufen sollten wie bei uns, dann müsste überall bio drin wo bio drauf steht! Aber wie gesagt: Konkretes weiß ich nur über uns, weshalb ich auch nur über uns eine klare Aussage treffe und treffen kann. Alles andere ist für mich persönlich Spekulation, weshalb ich - da wiederhole ich mich gerne - mit der oben gemachten Behauptung nicht übereinstimmen kann.

  4. Veröffentlicht am 22.01.2010 um 23:49 | Permanenter Link

    Auch von meinen Schweizer Röstereien hatte ich Bio Kaffees im Sortiment. Diese habe ich rausgenommen, da es sich überhaupt nicht rechnet, für eine Erst-Zertifizierung EUR 300,00 zu zahlen und danach jährlich ebenfalls EUR 300,00 - für einen Blick ins Regal während der Zertifizierung.

    Meine Bio Kaffees wurden verpackt angeliefert, ich lagerte zwischen, bis ich sie an den Kunden weiterverkaufte. Ich berühre das Grundprodukt nicht, verändere es nicht. Und trotzdem soll ich dafür zahlen. Ich habe die Bio Kaffees wieder aus dem Webshop verbannt. Leider.

    Johannes

  5. Veröffentlicht am 24.01.2010 um 18:35 | Permanenter Link

    @ Johannes

    Hallo Johannes,

    besser kann man die Konsequenzen aus der traurigen Zertifizierungs-Wirklichkeit, von der insbesondere die kleinere Händler oder Röstereien betroffen sind, nicht aufzeigen!

    Vielen Dank für Deinen Kommentar!

    Hans

  6. Veröffentlicht am 29.01.2010 um 00:38 | Permanenter Link

    Am Ende muss es billig sein, weil am Ende bleibt es weiterhin so, dass wir im Westen - oft - die Entscheidungsträger sind und bleiben.

    > Wer Dacia bezahlt, darf nicht Mercedes erwarten

    Das Problem ist u.a., dass Daimler würde sich von Afrikaner, Kubaner, Kolumbianer oder Indonesier bestimmen, was ein Mercedes in Afrika zu kosten hat. Aber wir im Westen bestimmen weiterhin, was Produkte aus fremden Ländern zu kosten haben.

    > Da beschwert sich Starbucks, das gerade mal 3 %
    > seines Bedarfs aus Biokaffee deckt, dass die
    > verfügbaren Mengen an Biokaffee zu gering seien -
    > und vergisst hinzu zu fügen, “für den Preis, den
    > wir bereit sind zu zahlen”

    Und soeben erhielten sie großes Lob aus Wien, weil sie so sozial verantwortungsvoll voran Beispiel setzen.

  7. Veröffentlicht am 29.01.2010 um 15:15 | Permanenter Link

    das sollte selbstverständlich heissen:

    “Daimler würde sich von Afrikaner, Kubaner, Kolumbianer oder Indonesier NICHT bestimmen lassen, …”

  8. Veröffentlicht am 13.02.2010 um 03:31 | Permanenter Link

    Wenn es um berechtigte Preise auf globaler Ebene geht - nicht nur für den Kaffehandel, versteht sich - sollte Man es vielleicht entspannter angehen, auch wenn ein Frustrationspunkt erreicht sein mag. Es ist dennoch gut, wenn man Beispiele findet, die das Ganze klarer schildern, damit mehr dafür getan wird, dass die Finanzen global gerechter verteilt werden. Und ein Beispiel habe ich soeben gefunden.

    1949 musste der Verbraucher über 22 Stunden für ein Pfund Kaffee arbeiten.

    1958 waren es über 4 Stunden

    1985 nur noch rund eine Stunde

    2003 gerade noch 15 Minuten.

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