Kaffee und Recycling – Prämierte Nachhaltigkeits-Initiativen (1): Kaffee zu Pilzen

Es ist das russische Roulette der automatischen Kaffeezubereitung: Wen trifft es, wenn der Vollautomat meldet „Bitte Satz-Behälter leeren!“? Immerhin eine höflich formulierte Bitte, was jedoch nicht dazu beträgt die Beliebtheit dieses Jobs zu erhöhen, insbesondere dann nicht, wenn über die braunen Presskuchen bereits ein pinkfarbener oder grünlicher Pilz-Teppich wuchert! Und Schimmelpilze sind nicht unbedingt essbar, es sei denn auf oder in Käse. Wie man hingegen mit den bei der Kaffeeverarbeitung anfallenden Abfallprodukten sinnvoll umgehen kann, zeigt eine Initiative der Zero Emissions Research & Initiatives (ZERI).

Kaffee-Abfall zurück zum Ursprung?
Bedenkt man, dass nur etwa 15 % des Frischgewichts als Röstkaffee in der Kaffeemühle landet, um diesem dann ‚lediglich’ die so geschätzten Aromen und Wachmacher zu entlocken, kann man diese Art der Rohstoffnutzung schon als ineffizient bezeichnen. Wer einmal in einem der etwa 80 Kaffee produzierenden Länder weltweit Gelegenheit hatte, bei der Verarbeitung dabei zu sein, der weiß, wie viel Rohstoff in der Regel ungenutzt verrottet, verbrannt oder wie stark belastetes Wasser in meist kleinen Wasserläufen verklappt wird.

Klärteich in der Kaffeeverarbeitung in der Region Sidamo/Äthiopien

Klärteich in der Kaffeeverarbeitung in der Region Sidamo/Äthiopien

Bauern und Biobranche behaupten zwar gerne, dass in der biologischen Kaffeeerzeugung die entstehenden Abfallprodukte als Kompost wieder verwertet würden. Streng genommen müssten diese Abfälle sogar am Ursprungsort wieder ausgebracht werden.

Kaffee-Pulpe wird in Klärteiche gespült

Kaffee-Pulpe wird in Klärteiche gespült

Glauben würde ich das gerne, ich habe aber noch keinen Kaffeebauern gesehen oder gesprochen, der seinen Kaffee-Kompost, d.h. das Fruchtfleisch der Kaffeekirsche, die 10 Kilometer von der Verarbeitungsstation der Kooperative zurück in den Kaffeewald oder die Pflanzung getragen hätte. Auch die Spelze oder Parchment, die vor dem Export z.B. in Addis Abeba, wo der Kaffee zu Exportkaffee verarbeitet wird, anfällt, wird wohl kaum die 500 Kilometer Weg zum Bauern zurück finden.

Krisen bringen Innovationen (mit kleinem Gruß an die Autoindustrie)
Lieber realistisch bleiben und die Abfallprodukte dort verwerten, wo sie entstehen. Zum Beispiel zur Pilzproduktion. Die Idee dazu reicht zurück nach Kolumbien und die Kaffeekrise Mitte der 1990er Jahre. Viele Kaffeebauern standen vor der Wahl: Kaffee oder Kokain? Der Umstand, dass hochwertige Shiitake Pilze auf den koffeinhaltigen Resten der Kaffeeverarbeitung dreimal schneller wuchsen als auf herkömmlichen Substraten, und die Abfälle der Pilzverarbeitung zudem hochwertige Viehfutter abgeben, machte Carmenza Jaramillo und seinem Verband der kolumbianischen Kaffeeproduzenten die Entscheidung leichter, weiter auf Kaffee zu setzen. Geschätzte 10.000 Arbeitsplätze haben die ‚Kaffeepilze’ seither in Kolumbien generiert.

Kaffeeabfall als Jobmotor: Bis zu 50 Millionen Farm-Jobs in Entwicklungsländern?
Durch diese Form der Abfallverwertung könnten mindestens 2 neue Jobs in jeder Kaffeebauernfamilie generiert werden: Einer in der Pilzproduktion und ein weiterer in der Tierhaltung mit Pflanzenabfällen, die eine Stallhaltung erleichtern und negative Folgen durch Überweidung reduzieren helfen würde. Bei 25 Millionen Kaffeekleinbauern weltweit ein immenses nachhaltiges Ernährungs- und Wertschöpfungspotenzial, das auch auf andere abfallreiche landwirtschaftliche Produktionsbereiche übertragen werden kann.

Für ihr Engagement erhielt ZERI 2009 den Sustainability Award des Amerikanischen Spezialitätenkaffeeverbands SCAA.

Hier gibt’s eine kleine YouTube-Dia-Hommage zum Projekt.

Inzwischen haben laut ZERI zwei amerikanische Jungunternehmer die Idee aufgegriffen, um inmitten der Stadt Oakland, Kalifornien eine Pilzzucht auf Kaffeepulpe von Starbucks- und Peets-Produktionen aufzubauen. Ob die Idee damit wieder Sympathiewerte einbüßt?

3 Trackbacks

  1. [...] ich bereits in einem früheren Beitrag im April berichtete, fällt bei der Kaffee-Verarbeitung eine relativ große Menge organischer [...]

  2. [...] Kosmetikprodukt – in Form von Kaffee-Öl, als Brennstoff – in Form von Biogas oder Briketts, als Pilzsubstrat oder als Klimaschutz – der Baum im naturnahen [...]

  3. [...] Kaffee-Business, Barista- und Cupping-Trainings, aber auch mit Umweltthemen, wie der Erzeugung von Pilzen aus Kaffeeabfällen, wovon auch in unserem Blog schon die Rede war. Zielgruppe dürften überwiegend Kunden von [...]

Kommentieren

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mittels * markiert.

*
*