Eindrücke vom MARKTPLATZ FÜR ENTWICKLUNG in Washington, Teil III: Kaffeewald-Patenschaften in Äthiopien – neue Modelle zur Walderhaltung

Dass Äthiopien die Heimat des Arabica-Kaffees ist, ist längst keine Insiderinformation mehr. Doch was kümmert es den Kaffeetrinker? 96 % der Weltproduktion entstammen anderen Anbauregionen. Immer noch wird weithin ignoriert, dass in Äthiopien Bergregenwäldern eine genetische Vielfalt schlummert, deren Wert in dreistellige Millionenbeträge reicht und unsere Abhängigkeit von den Reagenzgläsern der Gentechnik-Labors bisher in Grenzen hält. Dennoch sind die noch verbleibenden ursprünglichen Kaffeewälder in zunehmendem Maße Übernutzung und Abholzung ausgesetzt. Die letzten werden vermutlich in spätestens 10 Jahren verschwunden sein. Gibt es Erfolg versprechende Strategien zum Erhalt dieses Weltkultur- und Naturerbes?

Wir sollten mehr tun als uns zurücklehnen und einen Cappuccino aus nachhaltig erzeugtem Kaffee und konventioneller Milch stilgerecht zu genießen. Was hatte denn gleich das große Krombacher ‚Saufen für den Regenwald’ gebracht? 83 Quadratkilometer Regenwald (wie auch immer) geschützt. Die Fläche der dafür geleerten Bierkästen entspricht vermutlich fast der Fläche des dadurch geschützten Waldes, vom ökologischen Fußabdruck des Bieres mal ganz zu schweigen. Ich kenne bisher kein Beispiel, bei dem die Anwendung allein marktwirtschaftlicher Prinzipien ausgereicht hätte, wirksamen Naturschutz durchzusetzen oder zu finanzieren. Es wäre als wenn wir Schwarzwaldbauern verpflichteten, aus dem Verkauf von Ziegenkäse die Kosten für die von uns gewünschte Offenhaltung der Landschaft zu bestreiten. Oder wenn wird forderten, das Gehalt von Lehrern aus dem Taschengeld ihrer Schüler, oder erfolgsbezogen aus deren späteren Gehältern zu finanzieren (obwohl, vielleicht keine sooo schlechte Idee…). Bauern in Entwicklungsregionen, die Natur erhalten (sollen), sind Dienstleister an der Gesellschaft, die auch als solche bezahlt werden müssen. Auch wir sind Nutznießer dieser Leistung. Nachfolgend stelle ich eine Idee vor, die als Testmodell für globale Verantwortlichkeit dienen könnte: Die Kaffeewald-Patenschaft.

Erst seit etwa 5 Jahren finden sich äthiopische Waldkaffees, gerne auch etwas irreführend als ‘Wildkaffee‘ bezeichnet, in den Regalen des Feinkost- und Fairtrade-Handels. Unter dem Motto „Schutz durch Nutzung“, einer gut gemeinten Intention, sollten die Inwertsetzung dieser Kaffees zur Erhaltung der stark gefährdeten äthiopischen Bergregenwälder beitragen. In der Praxis ist dies nur sehr kleinräumig und v.a. mehr durch Implementierung von abgestimmten Waldnutzungskonzepten denn durch Vermarktung von Kaffee gelungen. Regional gesehen hat die mittlerweile erhöhte Nachfrage nach äthiopischen Kaffees in Kombination mit gestiegenen Weltmarktpreisen und problematischen sozio-ökonomischen und politischen Strukturen vor Ort dem Wald mehr geschadet als genutzt.

Unsere im Rahmen des CoCE-Projektes erarbeiteten Forschungsergebnisse zeigen, dass Waldnutzer und Bauern den Kaffeeanbau im Wald intensivieren, zu Lasten des Waldbestandes, der Artenvielfalt, des Mikroklimas und des Wasserhaushaltes. Wir schätzen, dass beispielsweise in der Region Kafa zwei Drittel bis über 80 % der verbliebenen Waldbestände einer Nutzung unterliegen und somit als deutlich beeinträchtigt gelten dürften. Auch die in den letzten Jahren eingeführten Zertifizierungssysteme, wie z.B. EU-Wildzertifizierung oder Fairtrade zeigen hier nur wenig Wirkung. Die Ursachen hierfür sind vielschichtig: Zum einen fehlen den Zertifizierungsunternehmen eine ausreichende Anzahl von Fachleuten, um die Zielsetzungen und Anforderungen der Zertifizierung bis zum Bauern hin zu kommunizieren und durchzusetzen. So kann die gegenwärtige Zertifizierungspraxis zerstörerische Waldnutzung genauso wenig wirklich infrage stellen wie system- oder kulturimmanente Diskriminierungspraktien.

Offen bleibt auch, wie ethisch-moralischen Grundsätze von Gleichberechtigung, Gerechtigkeit und Fairem Handel durchgesetzt werden können, wenn die äthiopische Regierung grundlegende Menschenrechtkonventionen nicht ratifiziert (was die USA im übrigen in noch geringerem Umfang getan haben) oder in nationales Recht umsetzt und entsprechende Bemühungen von NGOs sogar gesetzlich unterbinden will. Hinzu kommt, dass verkrustete post-kommunistische Organisationsstrukturen weithin ein Klima von Misstrauen begünstigen. Auch übersteigen die der Zertifizierung zugrunde liegenden Anforderungen teilweise weit das Verständnis und die (finanziellen) Möglichkeiten der lokalen Bevölkerung, die zu großen Teilen nicht alphabetisiert, geschweige denn qualifiziert sind. Insgesamt drängt sich der Eindruck auf, dass die Zertifizierung von Waldkaffee in der Realität mehr der Schaffung von Marktzugängen dient, als der Erhaltung des Waldes oder der Verbesserung der Lebenssituation der Produzenten.

Auf Grundlage dieser Ergebnisse, hat sich auch unter einigen äthiopischen Interessensvertretern die Erkenntnis durchgesetzt, dass die sicherlich gewünschte und erforderliche Waldkaffeezertifizierung in ihren Anforderungen und Leistungen viel mehr an lokale Bedürfnisse und Möglichkeiten angepasst werden muss. Richten sich bisherige Zertifizierungen eher an Kaffee als landwirtschaftliches Produkt, so zielt die angestrebte Form der Zertifizierung auf Kaffee als extensives Waldprodukt ab. Seine kommerzielle Nutzung ist bisher nur durch eine den Wald verändernde Bewirtschaftung möglich. Ein Teil der ‚störenden’ Schattenbäume und konkurrierendes Unterholz werden eliminiert, um die Bestandsdichte an Kaffeesträuchern und somit den Ertrag zu steigern. Steigende Marktpreise, wie auch Preisprämien über Zertifizierung, die ja zunächst an die verkaufte Produktmenge gekoppelt sind, erhöhen den Anreiz, eine ehemals extensive Nutzung zu intensivieren – und der Wald schwindet! Und das ist die Marktwirtschaft!

Unsere derzeit noch in Entwicklung befindlichen Anforderungen, die später der Standard-Familie des Forest Stewardship Councils (FSC) angegliedert werden sollen, verlangen dem Waldnutzer aktive Walderhaltung und –regeneration ab, erlauben ihm aber auch eine Nutzung in kontrolliert, begrenztem Umfang.

Die so zu erwartenden Ertragseinbußen müssen über Premium-Preise im Spezialitätenhandel aber auch durch neuartige Finanzierungskonzepte zu Biodiversitätserhaltung kompensiert werden. Unser Team aus Wissenschaftlern und Entwicklungsberatern steht hierfür bereits in engem Kontakt mit Kaffeeunternehmen, die bereit sind, selbst Verantwortung zu übernehmen und neue Wege der Vermarktung zu gehen: PES – ‚Payments for Environmental Services’ heißt das Schlagwort, übersetzt soviel wie ‚Zahlungen für Umweltdienstleistungen’. Dienstleister sind in diesem Falle lokale Waldnutzer. Sie verpflichten sich dem Erhalt des Weltkulturerbes ‚Kaffee’ in seiner ursprüngliches genetischen Vielfalt und seines ursprünglichen Lebensraumes, was ihnen, unabhängig vom Ertrag, eine Flächenprämie garantiert.

Diese nicht aus Steuergeldern, sondern von Kaffeeunternehmen und/oder Verbrauchern als unmittelbare Nutznießer finanzierte Prämie, bedeutet für die lokalen Familien bei bisher durchschnittlich 150 Euro Jahreseinkommen eine wichtige Cash-Einnahme und stellt somit eine wesentliche Verbesserung ihrer Lebensgrundlage dar. Ermöglicht wird diese Dienstleistung aber auch durch Betreuung, Umweltbildungs- und Beratungsleistungen fachkundiger einheimischer NGOs. Zusätzlich dazu wird aber auch die Vermarktung einer streng limitierten Menge Waldkaffee ermöglicht und gewährleistet, was wiederum eine langfristige Einkommenssicherheit bedeutet. Die neu konzipierte Zertifzierung soll dieses Modell kontrollieren und auszeichnen.

Die Vermarktung des Konzepts erfolgt u.a. in Form von Kaffeewald-Partnerschaften, die dem Paten oder Partner (Kaffeehandels oder Endverbraucher) somit nicht nur die moralische und finanzielle Mitverantwortung für ein Stück Kaffeewald übertragen, sondern ihm im Gegenzug einen auch den raren, unvergleichlichen Genuss eines wirklich authentischen Produktes bieten – eine 4(Four)-Win-Situation für den Wald, die lokalen Waldnutzerfamilien, den Kaffeehandel und den Gourmet.

Für den Entwurf dieses innovativen Ansatzes wurde das CoCE-Team als Finalist des Weltbank Development Marketplace Grant Competition nominiert.

Kontakt:
Jörg Volkmann
Evolve Consulting for Sustainable Development
volkmann@evolve-sustainable-development.de

Ein Trackback

  1. Von Kaffee, Klima und Konsum am 20.11.2008 um 00:00

    [...] wenn Sie den Wald “in Ruhe lassen”. Ausführliche Informationen dazu gibt es in diesem Artikel. Aber, zuvor hören Sie doch erst einmal ins Vital-Gespräch rein… viel Spaß [...]

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