Espresso und Kaffee: Bleibt der Genuss auf der Strecke? Oder: Was ist so hip an einem “Eskimo-Flip”?

Bleibt der Genuss bei Espresso und Kaffee auf der Strecke?” Eine seltsam anmutende Frage in Zeiten eines ungebrochen “New Wave”- Kaffeebooms, der seit einigen Jahren zwar nicht unbedingt Tsunami-gleich über die deutschen Lande einbricht, der aber in immer wieder neuen Wellen die einheimische Koffeinlandschaft doch bereits erheblich unter Wasser gesetzt hat! Oder sollte man nicht vielmehr sagen: “unter Milch gesetzt hat”?

Angesichts täglich aus dem Boden sprießender neuer Coffee Shops und Kaffeeröstereien sollte es auf die Frage, ob der Genuss bei Espresso und Kaffee auf der Strecke bleibt, eigentlich nur eine einzige Antwort geben: Nein! Denn wie sonst ließe sich der Boom, der in Form von Spezialitäten-Kaffees, Vollautomaten und Siebträgermaschinen auch die privaten Haushalte erfasst hat, sonst erklären? Kaffee bzw. Espresso muss also schmecken! Oder ist es gar nicht Kaffee bzw. Espresso die schmecken, sondern vielmehr die zahlreichen Mixgetränke, die gemeinhin als “Kaffeespezialitäten” bezeichnet werden?

Der erste Kaffee-Exporteur, mit dem ich vor vielen Jahren in Addis Abeba zusammensaß, war Geoffrey Wetherell, ein älterer Herr englischer Abstammung und Eigentümer von “Ambassa”, einem der angesehensten und größten Kaffee- Exportunternehmen in Äthiopien. Im Verlaufe eines langen, sehr interessanten Gesprächs, sagte er schließlich: “Die Leute, egal wo, wissen doch gar nicht mehr, wie Kaffee eigentlich schmeckt! Die Röstzeiten sind auf der einen Seite viel zu kurz, so dass die Kaffees übersäuert sind, und auf der anderen Seite geben die Leute Milch und Zucker hinzu und behaupten, das sei Kaffee!” Geoffrey Wetherell hat nicht nur Recht, es ist seit dem Gespräch, das wir führten, noch extremer geworden: In der neuen Kaffeewelt fließen seit dem Startschuss durch Starbucks zwar nicht Milch und Honig, aber Milch und Sirup im Überfluss!

Es waren die beiden Sätze des alten Engländers, die von da an meinen Weg bestimmten! REINER KAFFEEGENUSS – darauf kommt es in erster Linie an! Deshalb ist auch die Spezialitätenkaffee-Bewegung fundamental wichtig! Aber dem steht die “Neue Kaffeekultur” massiv im Wege! Hier scheint es, so könnte man den Eindruck gewinnen, nur eine Maxime zu geben: Rein in Kaffee und Espresso was gerade zur Hand ist; Hauptsache man macht damit auf sich aufmerksam! Das handhaben die kleinen Coffee-Shops und –Ketten nicht anders als die großen: „Flavour Shots“ mit Vanille-, Haselnuss-, Lebkuchen (!) oder „Gourmet Sirup Caramel“ … alles rein. Das ist natürlich völlig in Ordnung, und so lange all diese trendigen Mixe getrunken werden, und offensichtlich mit Genuss getrunken werden, gibt es nichts zu daran nörgeln. Mich interessiert nur die Frage: Was hat all dies mit gutem (!) Kaffee und Espresso zu tun? Und ist dafür ein guter Kaffee oder Espresso überhaupt notwendig?

Als meine Frau mich kürzlich fragte, wie denn mein “Iced Coffee” von McDonald´s, der gerade als Sommerhit angepriesen wird (und so was muss ich natürlich sofort ausprobieren!) geschmeckt habe, fiel mir nichts anderes dazu ein als : “Ziemlich viel Etwas mit wenig Geschmack!” Ich hatte den Verdacht, tatsächlich einen echten “Eskimo-Flip”, wie wir als Jugendliche zu sagen pflegten (und den ich heute natürlich “Inuit-Flip” nennen würde) erwischt zu haben: Wasser mit viel Eiswürfel. Aber milchig-braun war`s schon!

Warum also machen McDonald´s (Slogan: „Kaffee-Spezialitäten. Aus bester Bohne …“), Starbucks (Die in der Tat respektable Rohkaffees einkaufen) und andere einen solchen Aufstand bezüglich ihrer verwendeten Kaffee-Top-Qualitäten (garniert mit allerlei das Gewissen der Kundschaft beruhigenden Zertifikate wie Fairtrade oder Rainforest Alliance), wenn der Kunde am Ende einen “Inuit-Flip” in den Händen hält? Ich konnte für mich selbst noch keine geschmacklich überzeugende Antwort finden. Die damit zu erzeugende Aufmerksamkeit in der Bevölkerung ist allerdings zweifelsohne wesentlich größer als bei einem 08/15-Kaffee. Eines aber wird dabei ganz deutlich: die (neuen) “Kaffeespezialitäten” bieten den (neuen) Spezialitätenkaffees die Stirn! Man könnte auch sagen: Der “coffee to go” läuft dem “coffee to sit” auf und davon. Worin liegt nun das Geheimnis der “Kaffeespezialitäten”? Oder anders gefragt: Was ist so hip an einem “Inuit-Flip”?

Mixgetränke gibt es schon lange und fast überall, sei es nun ein österreichischer „Pharisäer“, ein thüringischer „Holzländer Rumkaffee“ oder einfach ein klassischer französischer „Café au lait” (Milchkaffee). Dabei handelte es sich stets um weitgehend regionale oder länderspezifisch begrenzte Erscheinungen. Doch der Coffeeshop-Boom entfachte plötzlich und in mehrfacher Hinsicht eine gänzlich andere Dynamik und Expansionsgeschwindigkeit: waren es zunächst die traditionellen Mixgetränke wie Café au lait, Cappuccino oder Latte Macchiato, die quer durch die Lande und Länder zum Markenzeichen der neuen Kaffeekultur wurden, so zogen bald immer wieder mit enormer Geschwindigkeit, neu erfundene Mixgetränke unbeirrbar nach; und ein Ende ist nicht absehbar.Es ist, als sei eine Büchse der Pandora geöffnet worden.

Die Spezialitätenkaffee-Bewegung, einst eingeläutet vom SCAA (“Specialty Coffee Association of America”), ist ihren Gründervätern und Verfechtern zu einem guten Teil entglitten. Sie ist dabei, unehrenhaft in einem Meer von Milch und Sirup ertränkt zu werden. Und wer diesem Meer gerade noch entfliehen kann, der endet allzu häufig in falsch programmierten Vollautomaten oder unzureichend gepresst in Siebträgermaschinen in den häuslichen Wohnstuben. Denn die Hersteller von Kaffeemaschinen haben die Gunst der Stunde früh erkannt. Sie versuchen seit Jahren jedem klar zu machen, dass nur mit einer ihrer Hightech-Maschinen (leider gelegentlich „low“ zusammengebaut!) ein guter Kaffee oder Espresso produziert werden kann. Seitdem scheinen unaufhaltsam Vollautomaten und Siebträgermaschinen den gleichen Unverzichtbarkeitsstatus zu erlangen wie Kühlschrank, Waschmaschine oder Geschirrspülmaschine.

Nur leider ist es mit dem Kühlschrank oder der Geschirrspülmaschine wesentlich einfach als mit den Kaffeemaschinen (Waschmaschinen sind da schon etwas kniffliger – zumindest für Männer!): der Vollautomat, oft ein wahrer Alleskönner, sollte auf jeden neuen Kaffee spezifisch eingestellt werden; und das passiert, wenn ich hier meine Erfahrung zu Grunde legen darf, in den wenigsten Haushalten. Und die korrekte Bedienung einer Siebträgermaschine (ohne die sich in der Tat kein Espresso – nicht ein Mal ein schlechter zubereiten lässt) erfordert einiges an Know-how!

Doch das geht in all den Betriebsanleitungen und technischen Details der Hersteller allzu oft unter, und der Verbraucher möchte mit möglichst einem einzigen Knopfdruck einen perfekten Kaffee in die Tasse zaubern. Aber genau deshalb schmecken viele hervorragende Kaffees und Espressi nicht! Sie schmecken nicht, weil sie auf falsche Art und Weise zubereitet einfach nicht schmecken können! Und fast immer – auch das ist meine Erfahrung – wird die Schuld dem verwendeten Kaffee oder dem Espresso zugeschoben: „Was ist denn das für ein Zeug?“ Auf die Idee, dass es an der falschen Handhabung und Einstellung der nicht selten teuren Maschine liegen könnte, kommen offenbar nicht allzu viele (auch das meine Erfahrung). Glänzende Espresso- und Kaffee-Karrieren werden auf solche Weise zuhauf abrupt beendet! Wie also können die für diese Taten Verantwortlichen also wissen, wie der von ihnen erstandene Kaffee oder Espresso eigentlich schmeckt?

Deshalb hilft es auch wenig, dass jedes Jahr neue, absolut traumhafte, mit großem Aufwand erzeugte und hoch bewertete Spitzenkaffees auf den Markt kommen (und ihren Weg mitunter auch in unseren Shop finden!). Hier sind Aufklärung und Wissen gefragt! Und der Verbraucher muss akzeptieren, dass ein perfekter Kaffee mehr als einen Knopfdruck und ein schöner Espresso mehr als eine gut aussehende Siebträgermaschine erfordert. Und die Padmaschinen, die es inzwischen ja auch für Espresso gibt? Sind sie nicht die ideale Lösung? Ich bin mir da noch nicht ganz schlüssig. Bisher hat mich keine Maschine resp. keines der dafür verwendeten Pads ernsthaft überzeugen können. Aber hier fehlt es mir selbst noch ein wenig an Erfahrung, weshalb ich mich mit einem Urteil diesbezüglich zurückhalte.

Wenn ich die Frage stelle: “Bleibt bei Kaffee und Espresso der Genuss auf der Strecke?”, dann muss ich auch fragen: “Sind Kaffee und Espresso jemals richtig genossen worden?” Und da Genuss mit Geschmack und schmecken zu tun hat, kann man auch fragen: “Haben Kaffee und Espresso” überhaupt jemals (gut) geschmeckt?” Gab es in den Kaffee konsumierenden Ländern, also auch in Deutschland, jemals eine Zeit, die von sich behaupten konnte, dass ihr Kaffee (gut!) schmeckte?

In Kürze geht’s weiter…

Ein Trackback

  1. [...] habe es an anderer Stelle in diesem Kaffee-Blog ("Was ist so hip an einem Eskimo-Flip?") bereits erwähnt: Viele gute Kaffees und Espressi sind Opfer einer schlechten [...]