Bald erster Instant-Kaffee aus Äthiopien! Ein Grund zur Freude oder zur Trauer?

Wer nach Äthiopien reist, der wird nach seiner Rückkehr von vielen Dingen zu erzählen haben, vor allem aber von einem: Der Kaffee-Zeremonie! Keine Haushalt und kaum ein Restaurant, in dem nicht mehrmals täglich nach einem klar vorgegeben Ablauf Kaffee frisch geröstet und getrunken wird. Diese noch gar nicht so alte, aber dennoch tief in der äthiopischen Gesellschaft verankerten Form des zelebrierten Kaffeegenusses wird vermutlich bald eine ernst zu nehmende Konkurrenz im eigenen Land bekommen: Instant-Kaffee, hergestellt in großem Stil von einem amerikanischen Investor!

Äthiopien ist mittlerweile bekannt für seine vergleichsweise liberale Wirtschaftspolitik. Diese erleichtert den Einstieg ausländischer Investoren, auch und gerade im Kaffee-Sektor. So sicherte sich im vergangenen Jahr das in den USA ansässige Unternehmen B&D Food Corporation über ihre äthiopische Tochtergesellschaft BDFC Ethiopia Industry PLC die Babiya Farm nahe Jimma im Südwesten Äthiopien, mit dem Ziel, unter Regie eines brasilianischen Experten, eine 5000 ha große Kaffeeplantage anzulegen. Mittlerweile soll die Fläche für die erste Teilbepflanzung von ca. 1000 ha vorbereitet sein; für 2010 rechnet das Unternehmen mit der ersten Ernte.

Zum B&D-Konzern zählen weitere Unternehmen, die eine Kaffee-Wertschöpfungskette von der Produktion bis hin zur Zubereitung beim Endverbrauchen gestalten: Neben der ältesten Konzerntochter BDFC Brazil-Cruzeiro, mit einer Produktionskapazität von 9.600 t Instant- und Röstkaffee erwarb B&D die Mehrheit u.a. an Brasiliens zwölftgrößtem Röster Socan Produtos Alimentícios Ltda sowie der Leite Canaan Indústria e Comércio Ltda, einer Molkerei mit einer Leistung von jährlich 6.000 t Trockenmilchpulver.  In Äthiopien führt das Unternehmen angeblich Verhandlungen über den Erwerb weiterer Plantagen.
Eine der Visionen von B&D ist es, einer der „big player“ im globalen Kaffeegeschäft zu werden. Um dieses Ziel zu erreichen wird der Erwerb weiterer Plantagen, Verarbeitungsanlagen und Distributoren rund um den Globus angestrebt. Vom Anbau bis zum Fertigprodukt soll alles unter eigener Regie erfolgen.

Mit dem Bau Afrikas größter Kaffee-Verarbeitungsanlage nahe Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba ist denn auch schon der nächste große Coup schon in Planung. In Buryai, 25 km entfernt von Addis Abeba, sollen bis zum Ende des Jahrzehnt jährlich 12.000 t Röst- und 3.600 t Instant-Kaffee für die internationalen Märkte hergestellt werden und damit vor allem die wachsende Nachfrage nach Kaffeespezialitäten in Nordamerika, Europa und Japan, aber auch die explodierenden Märkte in China und Indien bedient werden. Ein Abkommen mit Buryais Bürgermeister Daba Dabele soll bereits unterzeichnet sein. Vielleicht werden auch in Deutschland Nescafé & Co. eine neue Konkurrenz in den Regalen der Supermärkte bekommen – direkt als Instantkaffee (was aber eher unwahrscheinlich ist) oder indirekt als Bestandteil einer Kaffeespezialität.

Welche Signalwirkungen gehen von diesem Schritt aus?

Mit Sicherheit schafft das Unternehmen in gewissem Umfang lokale Arbeitsplätze. Der Großteil der generierten Wertschöpfung dürfte jedoch in Händen internationaler Shareholder bleiben. Ob mit Instant-Kaffee auch der afrikanische Markt erschlossen werden soll, ist offen. Bisher ist ‚Africafe’ der tanzanischen Tanganyika Instant Coffee Company das einzige afrikanische Instant-Kaffeeprodukt. (Africafe wird in Deutschland bei u.a. über Weltladen24 oder El Rojito vertrieben.) Eine zweite Fabrik wird gerade, wie in einem früheren Beitrag in diesem Blog bereits erwähnt wurde, in Uganda gebaut, finanziert von Libyen; mit der BDFC-Fabrik in Äthiopien kommt die dritte auf dem afrikanischen Kontinent jetzt hinzu. Dass sich mit derlei Fastfood-Getränken auch breitere afrikanische Käuferschichten erschließen lassen, ist gut möglich. Und selbst in Äthiopien, dem einzigen Kaffee produzierenden Land Afrikas, in dem in bedeutendem Umfang Kaffee konsumiert wird, kann es inzwischen passieren, dass nicht zur Kaffeezeremonie, sondern zu einem überzuckerten Nescafé eingeladen wird.

Derzeit ist nicht absehbar, ob die Errichtung von 5.000 Hektar Kaffeeplantage nicht auch mit einem Verlust von wertvollen Primärwäldern verbunden ist. Wie aus langjähriger Forschung bekannt, schwinden die ursprünglichen Kaffeewälder gerade im Südwesten Äthiopiens, also genau dort, wo die Plantage angelegt wird, mit rasanter Geschwindigkeit; und mit ihnen unwiederbringlich ein weiteres Stück biologischer Vielfalt.

Auch die Gefriertrocknung von Kaffee ist, ökologisch gesehen, kritisch zu bewerten, erfordert sie doch gegenüber herkömmlichen Röstverfahren einen erheblichen zusätzlichen Energieaufwand. Dass Äthiopien in großem Maße von fossilen Energieträgern abhängig ist, Energie an sich aber großzügig subventioniert wird, freut den Investor, hinterlässt beim kritischen Betrachter aber einen noch faderen Nachgeschmack, als ihn der Instantkaffee an sich schon verursacht.

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2 Kommentare

  1. Veröffentlicht am 15.08.2008 um 15:32 | Permanenter Link

    ich bin kein großer Fan von Instant Kaffee. ABER: bevor ich auf meinen geliebten Kaffee ganz verzichte, in vielen Ländern Afrikas und Latainamerikas gibt es keine andere Möglichkeit als Insant Kaffee, trinke ich lieber den. Aus Äthiopien kommen ja dann auch bekanntlich die besten.
    Lieben Gruß

  2. Veröffentlicht am 15.08.2008 um 16:49 | Permanenter Link

    Hallo Erik,

    ja, das ist wirklich ein Dilemma, in dem man da manchmal steckt! Das ist selbst in Kaffee-Anbauländern wie Ruanda oder dem Jemen ein Problem. Aber: seit ich mal gesehen habe, welche Rohkaffee-Qualitäten für Instant-Kaffees größtenteils verwendet werden, bitte ich bei solch unausweichlichen Situationen, wie Du sie geschildert hast, immer meinen Magen inständig um Verzeihung. Und ich glaube nicht, dass in Äthiopien hochwertige Bohnen für die zukünftige Instant-Produktion verwendet werden. Da bin ich mehr als skeptisch!

    Langenbahn

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