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Kaffee: Irreführung beim “Wildkaffee aus Äthiopien” von Solino

Lange habe ich gezögert, einen Kommentar zu dem angeblichen “Wildkaffee” aus Äthiopien von Solinonach Angaben von Solino eine Mischung aus den Kaffees Harar, Yirgacheffe und Sidamo – zu schreiben. Ich habe gezögert, weil ich erstens einen Konkurrenten nicht schlecht machen möchte, und zweitens, weil man froh sein sollte um jeden, der versucht, äthiopischen Kaffee zu verkaufen, um so das Land ein klein wenig zu unterstützen. Ich habe aber auch gezögert, weil sich meine Sammlung an Kaffeeröstern und Wiederverkäufen, die Wildkaffees aus Äthiopien anbieten (und die definitiv keine sind!), in den letzten Jahren so umfangreich geworden ist, dass ich eigentlich zu allen einen Kommentar schreiben müsste. Aber dazu fehlt mir einfach die Zeit.

Dass ich mich nun schließlich doch entschieden habe, zu Solino einige Anmerkungen zu machen, liegt letztlich darin begründet, dass von Solino der Bogen hinsichtlich seines “Wildkaffees aus den Bergregenwäldern Äthiopiens” meines Erachtens überspannt wurde, und dies ganz besonders im Zusammenhang mit einem Handels- bzw. Geschäftsmodell, das Fragen aufwirft und deshalb kritisch hinterfragt werden sollte.

Wo liegt das Problem mit dem “Wildkaffee aus den Bergregenwäldern Äthiopiens” von Solino? Nun, auf der Website von Solino steht zu lesen:

(Screen shot von http://solino-coffee.com/shop_content.php?coID=9 vom 26.05.2008)

“Wild wachsende Kaffeebohnen”
Selbstverständlich gibt es in Äthiopien Reste von Bergregenwäldern, in denen Kaffee wild wächst. Mit diesem heiklen Thema habe ich mich an anderer Stelle bereits ausführlich beschäftigt. Wenn nun aber Solino behauptet, die von ihnen verwendeten Kaffees aus Harar, Yirgacheffe und Sidamo “wachsen wild im Regenwald”, so wird hier etwas behauptet, was in der Realität nicht existiert! Harar, Yirgacheffe und Sidamo sind dicht besiedelte Gebiete mit intensiver landwirtschaftlicher Nutzung, die speziell im Anbaugebiet des Harar-Kaffees teilweise nur mit künstlicher Bewässerung möglich ist! Es mag hier und an unzulänglichen Stellen vielleicht ein paar vergessene wilde oder verwilderte Kaffeebäume geben, ansonsten wird der Kaffee aber ausschließlich in Gärten oder auf kleinflächigen (Semi-forest-) Plantagen angebaut! Es gibt in den drei genannten Gebieten auch immer wieder kleine, in der Regel von der Bevölkerung genutzte Waldflächen, aber hier von “Bergregenwäldern” zu reden ist maßlos übertrieben – was jedem spätestens dann klar wird, wenn er ein Mal in die echten Bergregenwälder in Kaffa, Illubabor oder den Bale-Mountains gefahren ist. Wir haben also auch bei Solino wieder ein Mal den Fall, dass ein reiner Gartenkaffee resp. Plantagenkaffee zu derzeit in Deutschland stark nachgefragtem Wildkaffee mutiert ist. Liegt hier der Verdacht einer bewussten Manipulation und Täuschung des Kunden nahe?

(Screen shot von http://solino-coffee.com/shop_content.php?coID=20 vom 26.05.2008)

Auf dem obigen Bild kann ich weder einen Urwald noch wild wachsenden Kaffee erkennen, lediglich in Reih und Glied gepflanzte Kaffeebäume! Warum also heißt es im Bilduntertitel “Viele Kaffeesträuche(r) wachsen in Äthiopien wild auf einer Hochebene im Urwald”? (PS: Außerdem handelt es sich um Kaffee-Bäume und nicht um -Sträucher!.) Was soll mit diesem offensichtlichen Widerspruch bewirkt werden?

“Die besten Sorten”

Was sind die bei Solino erwähnten “besten Sorten aus den Gebieten Harar, Yirgacheffee und Sidamo”? Harar, Yirgacheffe und Sidamo sind keine “Sorten”, sondern so genannte Kaffee-”Charaktere”, innerhalb derer es eine nicht unerhebliche Qualitäts-Bandbreite gibt, je nach genetischer Beschaffenheit der Kaffee-Bäume, der Mikroökologie sowie der Qualität der Ernte und der Qualität und Art der Verarbeitung. Harar, Yirgacheffe und Sidamo sind bei entsprechender Verarbeitung selbstverständlich Top-Kaffees. Sehr skeptisch bin jedoch, ob tatsächlich die besten Qualitäten dieser Kaffees für Solino geröstet werden, oder genauer, geröstet werden können. Meine Skepsis liegt darin begründet, dass – nicht nur in Äthiopien – alle guten Qualitäten in der Regel in den Export gehen, und die übrig bleibenden minderen Qualitäten, also alles, was im wahrsten Sinne des Wortes “durch den Rost” fällt, seinen Weg auf die lokalen Märkte findet (ausgenommen der so genannten “UG”, d.h. “ungraded”-Kaffees, welche für Billigstkaffees und höchstwahrscheinlich für Instant-Kaffees verwendet werden- aber das ist ein anderes Kapitel),. Und exakt diese minderen Qualitäten werden von den lokalen Röstereien, von denen es in Addis Abeba zahlreiche gibt, verwendet. Ich kenne eine gute Anzahl dieser meist kleinen Röstereien; und was da an Rohkaffee zum Teil den Weg in die Röstmaschine findet … also bei aller Liebe und Romantik, das wäre bisweilen schon ein Fall für die “Genfer Menschenrechtskonvention”! Es stellt sich also für mich konkret die Frage: Welche Rohkaffee-Qualitäten werden für die Solino-Kaffees verwendet – Exportqualitäten oder mindere Qualitäten von den lokalen Märkten?

“Wie Bio Kaffee”

Was soll des weiteren durch die Aussage “Diese Sorten … werden wie Bio Kaffee nicht gedüngt” ausgelöst werden? Selbstverständlich darf ein bio-zertifiziertes Produkt entsprechend der festgelegten Kriterien gedüngt werden, nur eben nicht mit so genannten “künstlich” Produkten (was von Solino sicherlich auch so gemeint war). Aber ein Bio-Produkt muss noch weit mehr Kriterien erfüllen als lediglich “nicht gedüngt” zu sein. Es drängt sich deshalb der Verdacht auf, dass der Eindruck erweckt werden soll, bei den Solino-Kaffees handele es sich um eine Art “nicht-zertifizierte Bio-Kaffees”. Es werden aber ganz offensichtlich nicht-zertifizierte, konventionelle Rohkaffees verwendet. Warum steht Solino nicht dazu? Oder anders gefragt: warum werden nicht gleich Bio-Kaffees geröstet? Es gibt ausreichend bio-zertifizierte Harar-, Yirgacheffe- und Sidamo-Kaffees!

Das Geschäftsmodell von Solino

Das besondere am Geschäftsmodell von Solino ist, dass der in Deutschland verkaufte Kaffee in Äthiopien geröstet wird:

(Screen shot von http://www.solino-coffee.com/ vom 26.05.2008)

Aber ist es sinnvoll, den Kaffee im Anbauland zu rösten und ins Verbraucherland zu transportieren? Von meiner Seite kommt hier ein klares Nein! Warum ein Nein? Gönne ich Äthiopien (genauer gesagt, ein paar ganz wenigen Leuten in Äthiopien) nicht eine zusätzliche Wertschöpfung? Mitnichten, ansonsten würde ich mich nicht seit Jahren an verschiedenen Stellen in Äthiopien engagieren. Nein, der Grund liegt ganz einfach in der Qualität des Röstkaffees als Endprodukt begründet. Das oberste Gebot in Deutschland lautet, insbesondere bei den Spezialitätenkaffees: “Der Kaffee muss frisch geröstet sein!” Das ist ein Faktum! Aber bis in Addis Abeba gerösteter Kaffee im Hafen von Djibouti ist, dort womöglich – was häufig passiert – wochenlang bis zur Verschiffung in der Hitze steht, schließlich in Hamburg oder Bremen gelöscht und danach zu Solino transportiert wird, vergehen viele, viele Wochen. Wie dieser Kaffee dann noch schmeckt, ist die Gretchenfrage! Hinzu kommt folgendes: Auf Grund des Gewichtsverlustes und der gleichzeitigen Volumenvergrößerung der Kaffee-Bohnen beim Röstvorgang können, so habe ich schon vor Jahren errechnet, lediglich etwa 11 t Röstkaffee/Container verschifft werden – im Gegensatz zu 19,2 t bei Rohkaffee (Sackware!). Damit verteuert sich der Transport deutlich! Macht das einen ökonomischen Sinn?

Die folgende Behauptung von Solino habe ich gleich mit mehreren befreundeten Kaffeeröstern diskutiert. Keiner von ihnen konnte sich jedoch einen rechten Reim darauf machen:

(Screen shot von http://www.solino-coffee.com/ vom 26.05.2008)

Außerdem: 25% ist ein extrem hoher Gewichtsverlust. Ein solcher Verlust lässt sich nur erklären, wenn der Kaffee entweder bis zu einem “holzkohle-ähnlichen” Zustand geröstet wird – oder die grünen Bohnen waren nicht ausreichend getrocknet! (Anm.: vor einigen Wochen war bei Solino an gleicher Stelle noch von 50% die Rede!)

Wo liegen also die Vorteile, Kaffee im Anbauland zu rösten und zu exportieren? In der Schaffung von Arbeitsplätzen? Dazu heißt es bei Solino:

(Screen shot von http://www.solino-coffee.com/ vom 26.05.2008)

Auch hinter dieses Argument möchte ich ein großes Fragezeichen setzen. Ich kenne z.B. die Rösterei (eine der Röstereien?), mit der Solino offenbar zusammenarbeitet recht gut:

(Screen shot von http://www.frostablog.de/blog/aktuelles/solino-kaffee-projekt-zur-foerderung-aethiopiens, 26.05.2008)

Bei der abgebildeten Rösterei handelt es sich “Aster Buna” (eine zweite, bei Solino aufgeführte, im FRoSTA Blog aber nicht erwähnte Rösterei, ist mir unbekannt). Sie wird, wie der Name schon sagt, von einer Frau namens Aster betrieben. Aster ist die Frau von Ato Degu. Dieser wiederum ist die rechte Hand und designierter Nachfolger von Geoffrey Wetherell, dem Gründer und Eigentümer von “Ambassa Enterprises”, einem der ältesten, größten und renomiertesten Kaffee-Exporteure in Äthiopien! Ato Degu und Mr. Wetherell schätze ich beide außerordentlich – weshalb ich hier auch richtig verstanden werden möchte – doch Ato Degu und seine Frau Aster gehören zu den eher Bessergestellten in Addis Abeba. Natürlich gönne ich den beiden ein Zusatzgeschäft, aber hätten es andere nicht notwendiger, frage ich mich? Und werden in einer Rösterei, die meinem persönlichen Eindruck zu folge recht gut mit Personal ausgestattet ist, tatsächlich neue Arbeitsplätze geschaffen? Vielleicht langfristig gesehen … mag sein, wer kann das schon vorhersehen. Entscheidend ist aber, was jetzt und heute tut. Und dient die bisher kleine Menge an Kaffee, die für Solino geröstet wird, tatsächlich der “Förderung Äthiopiens“, wie es im Titel des FRoSTA Blog heißt (“Solino Kaffee Projekt zur Förderung Äthiopiens”)? Sollte man nicht ein wenig bescheidener bleiben, und nicht mit ein wenig Kaffee gleich das ganze Land fördern wollen? Ein wenig Bescheidenheit täte hier sicher gut.

Wie ich zu Beginn meiner kritischen Anmerkung zu Solino gesagt habe, und hier wiederhole ich mich gerne, geht es mir nicht darum, einen Konkurrenten in ein schlechtes Licht zu rücken. Ganz im Gegenteil: durch zahlreiche falsche Aussagen hat Solino dies selbst ausreichend getan. Ein Land wie Äthiopien zu unterstützen ist lobenswert und notwendig, aber erstens sollte man bei einem noch so gut gemeinten Engagement bei der Wahrheit bleiben, und zweitens gilt es sollte man genau überlegen, ob an der richtigen Stelle mit den richtigen Mitteln angesetzt wurde. Ich habe da meine ganz persönlichen Zweifel, lasse mich aber jederzeit gerne vom Gegenteil überzeugen.

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