Tag Archiv: genetischer Fingerabdruck

Wildkaffee in Äthiopien – Mythos und Realität

Gastbeitrag von Jörg Volkmann, Evolve – Consulting for Sustainable Development

Hallo liebe Leserinnen und Leser,

angeregt durch den Artikel “Irreführung beim Wildkaffee aus Äthiopien von Solino in diesem Kaffee-Blog möchte ich ein paar grundsätzliche Bemerkungen zum Thema ‘Wildkaffee’ in Äthiopien machen:

1. Tatsächlich gibt es in Äthiopien Populationen von Coffea Arabica, die sich genetisch von Zuchtsorten, selektierten Varietäten oder Landrassen unterscheiden. Diese sind in den Bergregenwäldern des Südostens und Südwestens Äthiopiens beheimatet.

2. Bis heute gibt es keine allgemein gültige und eindeutige Definition des Begriffes ‘wild’. Selbst Zertifizierungssysteme und Verordnungen wie die Bio-Wildsammlungsverordnung, FairWild oder ISSC-MAP definieren diesen Begriff nur schwammig oder überhaupt nicht. Diese synonymisieren den Begriff mit ‚wildwachsend’, der auch auf verwilderte oder eingewanderte Arten zutreffen kann.
Ferner hilft man sich in diesem Zusammenhang oft mit dem Begriffen wie ‘natürlich’ oder ‚naturnah’ aus, Begriffe, die ebenfalls nicht definiert sind. Wenn man nun den Kaffeetrinker, den Produzenten oder Wissenschaftler über die Vorstellung von ‘wild’ befragt, wird man zu völlig unterschiedlichen Begriffsdefinitionen oder Auffassungen kommen. Fakt ist, dass der Begriff ‘wild’ im Handel teilweise missbräuchlich verwendet wird. Es geht darum, mit einer schönen Illusion vom Kaffeebauern, der durch dicht Wald wandelt und mühsam hier und da ein Kirsche pflückt, Emotionen zu wecken und so die Kauf- und Preisbereitschaft zu erhöhen.

Als Naturwissenschaftler sowie als Berater im Bereich Entwicklungszusammenarbeit habe ich mich über mehr als 5 Jahre intensiv mit der Thematik auseinander gesetzt. Das Forschungsteam des CoCE-Kaffee-Projekts der Uni Bonn (www.coffee.uni-bonn.de) ist derzeit dabei, den Begriff ‚Wildkaffee’ endlich zu klar zu definieren. Elemente dieser Definition werden voraussichtlich sein:
A) Die genetische Differenzierung von domestizierten oder gezüchteten Sorten, die schon heute per genetischem Fingerabdruck nachweisbar ist.
B) Die Interaktion mit seinem vom Menschen nicht direkt beeinflussten und ursprünglichen Lebensraum. Das sorgt dafür, dass sich der Genpool dynamisch seiner Umwelt anpasst. Dies schließt Klimaveränderungen ein, Waldmanagement und im Prinzip auch Sammlung aus, da diese auch eine Form der gezielten Selektion beinhaltet. Auch ausgepflanzte als Gartenkaffee genutzte ‚wilde’ Pflanzen können dann nicht mehr als wild gelten, da sie anderen Umwelteinflüssen (Licht, Nährstoffe, Boden) ausgesetzt sind.

Um einen Vergleich zu bemühen: Ist ein Tiger im Zoo noch wild? Kann er frei mit seiner natürlichen Umwelt interagieren, oder kann er sich frei vermehren?

Bei meinen Feldstudien haben wir zahllose Stichproben in unterschiedlichen Wildkaffeeregionen Äthiopiens durchgeführt, aufgrund derer ich behaupten kann, dass es keine nennenswerte Wildsammlung gibt: Ich habe sie weder gesehen, noch konnte mir davon berichtet werden. Wildkaffee ist nämlich in seinem natürlichen Habitat ohne wesentlichen Eingriff nicht zugänglich. Die theoretischen Erntemengen liegen in solchen Gebieten wissenschaftlich belegbar bei 5-30 kg/ha. Alle befragten Kaffeebauern berichten von Erntemengen, die um, oder deutlich über 200 kg/ha liegen. Dies liegt daran, dass sich wirtschaftliche Erntemengen nur durch mehr oder minder intensive Waldbewirtschaftung erreichen lassen. Diese beinhalten v.a. destruktive Praktiken, wie das selektive Schlagen von Schattenbäumen, konkurrierender Sträucher und von krautiger Bodenvegetation, durch die die Beschattung, aber auch die Artenzusammensetzung der gesamten Vegetation nachhaltig verändert oder zerstört werden kann. Ferner lässt sich aufgrund der Analysen sagen, dass vermutlich deutlich mehr als zwei Drittel der verbliebenen Waldbestände als Semi-Forest und somit als deutlich beeinträchtigt bezeichnet werden müssen. Vielfach nehmen diese Bewirtschaftungsformen plantagenartigen Charakter an. Maßnahmen zur Walderhaltung sind zwar auf der Meta-Ebene erwünscht, aber dem Bauern in nur wenigen Pilotprojekten (siehe Maskal), oftmals nicht oder nur unzureichend kommuniziert.

Dies bedeutet:
1. Es gibt im Handel keinen echten Wildkaffee!
2. Man sollte, um Missverständnisse zur vermeiden, wenn überhaupt, von Waldkaffee sprechen.
3. Entsprechende Zertifizierungen als Wildsammlung sind m.E. ziemlich fragwürdig, zumal sich Ort und Umfang solcher Sammlungen in der Praxis kaum nachvollziehen lassen.
4. Zertifizierung ist in erster Linie ein Marktinstrument, kein Erhaltungs- oder Entwicklunginstrument. Zertifizierungen – zumindest in diesem Fall – müssen viel mehr auf nachhaltige Praktiken der Walderhaltung abzielen und diese honorieren.

Anmerkung von Kaffee-Blog.Maskal.de: Mehr über die Problematik von Wildkaffee finden Sie auf der Website von Maskal – fine coffee company unter “Reise in die Wildkaffee-Regenwälder, Äthiopien“.

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