Warum direkt gehandelter Kaffee (auch) fair gehandelt ist

Immer wieder werden wir von Kunden gefragt: Direkthandel schön und gut, aber ist euer Kaffee denn auch fair (bzw. Fair Trade)? Um die Diskussion abzukürzen, antworten wir meistens ‚ja, klar’. Das meinen wir auch so. Klar ist aber auch, dass die Sachlage nicht sooo einfach ist. Aber viele Leute möchten einfache Antworten und nicht solche, die noch mehr Fragen aufwerfen und eventuell irritieren könnten. Antworten, die dem Erwarteten entsprechen. So bleibt die Auseinandersetzung mit dem Fairen Handel hierzulande auch oft eine oberflächliche: Hauptsache keine Kinderarbeit und faire Preise. Aber mal konkret – was passiert im Kaffeehandel?

Nehmen wir mal einen typischen Kaffeekleinbauern, der, angenommen, 2 Sack Rohkaffee produziert. Er ist Mitglied einer Kooperative. Die Kooperative, natürlich demokratisch organisiert und vielleicht zertifiziert, lässt dem Kaffeebauern die Freiheit, seinen Kaffee auf dem freien Markt oder über die Kooperative zu verkaufen. Sack A ist Spezialitätenkaffee, für den er auf dem freien Markt 2,00 Dollar pro Pfund bekommen kann, Sack B ist B-Ware mit einem Marktwert von 1,20 pro Pfund. Fair Trade garantiert ihm für Kaffee einen Aufpreis von 20 cts, also von 1,40 Dollar pro Pfund. Welchen Kaffee also als Fair Trade Kaffee verkaufen? Die Antwort liegt auf der Hand – er versucht, wie jeder von uns es tun würde, seinen Gewinn zu maximieren. Er könnte sogar versuchen, seine Ressourcen (wie Dünger) so einzusetzen, dass die Qualität der hochpreisigen Kaffees verbessert, und damit der Preis gesteigert wird. Den günstigeren, schlechteren Kaffee würde er vernachlässigen, da ihm hierfür immer ein Basispreis bzw. ein Preisaufschlag garantiert würde, sofern die Nachfrage danach da ist. Die Chancen, dass ‚fair’ gehandelte’ Kaffees solche von minderer Qualität und vergleichsweise günstigem Preis sind, steigt daher, v.a. in Zeiten hoher Preise. Und der Verbraucher will das in der Regel auch so: Kaffee soll fair und günstig sein.

Ohne Zweifel ist es ein großer Verdienst der Fair Trade-Bewegung, in den Zeiten von Tiefstpreisen Existenzen Tausender Kaffeebauern gesichert zu haben. Bauern konnten sich in Kooperativen organisieren und hatten eine bessere Verhandlungsposition gegenüber Kaffeehändlern. Und natürlich noch mehr: Sozial- und Umweltstandards setzten sich zunehmend durch, demokratische Strukturen wurden aufgebaut.

Die Zeiten haben sich aber geändert. Die Nachfrage nach Kaffee ist extrem gesteigen, und damit auch die Preise. Gleichzeitig hat sich die Kommunikation wesentlich geändert: Selbst in entlegenen Dörfern hat das Mobiltelefon Einzug gehalten und somit den Zugang zu Marktinformationen erleichtert.

Dennoch sind viele Kleinbauern nach wie vor nicht alphabetisiert – das erschwert die aufwändigen Dokumentationen, die mit einer Zertifizierung einhergehen. Diese verlangt professionelles Management, das wiederum gut bezahlt werden will und seine eigenen Arbeitsbedingungen optimieren möchte. Die Zertifizierungsprämien werden daher in erster Linie von den eigenen Strukturen absorbiert und kommen erst in zweiter Prioriät dem Gemeinwohl in Form von sozialer Infrastruktur zugute, von direkten Dividendenauszahlungen an Bauernfamilien ganz zu schweigen. Wer z.B. in Äthiopien die Errungenschaften der Kaffeekooperativen besichtigen möchte, muss die Hauptstadt nicht verlassen und kann eine Millionen teure Lager- und Verarbeitungsstätte des Kooperativenverbands mit vollverglastem Verwaltungsgebäude besichtigen. Ich bezweifle, dass die Entscheidung darüber basisdemokratisch getroffen wurde….

Wenn wir also im Direkthandel mit kleinen Produzentengemeinschaften arbeiten und ohne Zertifizierung deutlich höhere Preise bezahlen, bei gleichzeitig geringeren, so genannten Transaktionskosten, können wir davon ausgehen, dass auch der Anteil, der tatsächlich in den Taschen der Produzenten landet, größer ist.
Mehr wirtschaftliche Autonomie bedeutet auch mehr eigene Entscheidungsfreiheit bei abnehmender Notwendigkeit für externe bevormundende Interventionen, wie das gleichwohl gut gemeinte Bauen von Schulen oder Brunnen. Das wollen die Menschen selbst und am liebsten ohne fremde Hilfe können – das ist fair.

Gleichzeitig fördert die Honorierung von Qualität den internen Wettbewerb und den Anbau von Kaffee an dafür geeigneten Standorten, während mindere Qualität an ungünstigen Standort unter Umständen auch noch durch Fair Trade Prämien subventioniert werden. Von nachhaltigen ökologischen und sozialen Strukturen überzeugen wir selbst von Maskal uns deshalb wenn möglich persönlich. Davon abgesehen ist in jeder noch so entlegenen Kaffeeregion der Begriff ‚Klimawandel’ inzwischen zum festen Bestandteil des einheimischen Wortschatzes geworden.

Anm. des Autors.: Dieser Beitrag wurde in Teilen dem Beitrag von Colleen Haight ‘The Problem with Fair Trade Coffee‘ entlehnt, entspricht in weiten Teilen aber der Meinung und den Erfahrungen des Autors.

3 Kommentare

  1. Johanna Wechselberger
    Veröffentlicht am 18.09.2011 um 08:02 | Permanenter Link

    Super Artikel!

    Kommt noch dazu, dass ein Coffeeshop dann 20 cent mehr pro Tasse verlangt weil es “Fairtrade” Kaffee ist. Aus einem Kilo bekommt man (bei 7gr) rund 140 Espressi.
    Der Farmer bekommt aber nur 1x 20 cent für das Pfund…..was ist da fair für den Farmer?

    Fairtrade garantiert dem Farmer schon im Vorjahr die Abnahme der kommenden Ernte zu einem fixen Preis (Börse plus 20cent, im Vorjahr!). Ohne noch die Qualität zu kennen. So wie heuer ist der Kaffeepreis aber so derartig gestiegen, dass einige Farmer Teile ihres Kaffees an andere Einkäufer verkauft haben weil sie den besseren Preis haben wollten. Sie haben das dann mit Ernteausfällen erklärt ;-D
    Fiartrade musste einen Teil des für sie bestimmten Kaffees teuer über eine andere Firma wieder zurückkaufen. Ist vielleicht nicht fair von den Farmern, aber wenigstens haben sie jetzt mitbekommen, dass es wohl besser ist, nicht die Ernte im Vorjahr schon zu vergeben, ohne den Marktwert zu wissen, nur damit sie sicher alles loswerden.
    Das hab ich übrigens von einem Verkäufer gehört in so einem “Fairtrade-Weltladen”….

    Es gibt doch ein Punktesystem beim Cupping. Fair wäre wenn die Kaffees alle von Proficuppern benotet werden würden und es dann nach diesem Punktesystem Preise gibt. Und ein Mindestpreis darf natürlich nicht unterschritten werden…

    Ich zahl auch grad 9€ für Rohkaffee (mit Transport) den ich direkt von El Salvador hier her bekomme…der Farmer bekommt was er möchte, das Transportunternehmen verdient was, und auch ich verdiene noch etwas für das Rösten ;-) Alle sind happy und der Kaffee ist definitiv bessere Qualität als das was man im Weltladen bekommt….

    LG
    Johanna

  2. Veröffentlicht am 18.09.2011 um 21:15 | Permanenter Link

    Hallo Johanna,

    vielen Dank für Deinen Kommentar! Da reden wir ja offensichtlich die gleiche Sprache!

    @“Es gibt doch ein Punktesystem beim Cupping. Fair wäre wenn die Kaffees alle von Proficuppern benotet werden würden und es dann nach diesem Punktesystem Preise gibt. Und ein Mindestpreis darf natürlich nicht unterschritten werden… “: Genau das wird bei den so genannten “Bob-o-Link”-Farmen in Brasilien gerade praktiziert! So zahlen Käufer für Microlots: bis 88 Punkte 6,- USD/lb, ab 89 Punkte 7,- USD/lb ung ggf. mehr. Mehr darüber in meinem neuen Blogbericht “Bob-o-Link-Kaffee und Microlots – Auf Einkaufs- und Verkostungstour in Brasilien”, den ich voraussichtlich noch heute (18. Sept.) freischalte.

    Ich halte Deinen Vorschlag für absolut richtig! Der Preis muss eindeutig an die Qualität und in gewissem Sinne natürlich auch an die Quantität (Masse versus Rarität) gekoppelt sein!

    Viele Grüße,

    Hans

  3. Veröffentlicht am 26.10.2011 um 17:08 | Permanenter Link

    Ein hervorragender Beitrag! In meinem Blog habe ich mich zuletzt mit Fair Trade Kaffee auseinandergesetzt und dabei versucht zu beschreiben, worum es bei Fair Trade generell geht. In deinem Beitrag und auch im ersten Kommentar wird deutlich, dass es sich immer lohnt auch vermeindlich gute Ansätze kritisch zu hinterfragen. Fair Trade ist in Ansätzen sicherlich ein guter, aber nicht unbedingt DER Weg.

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