Nicaragua Fair Trade-Kaffee – Nachhaltige Entwicklung oder Armutsfalle?

Nicaragua ist, wenn man so will, das Ursprungsland der Kaffee-Fairhandelsbewegung. Mit Nica-Kaffee wurde seit den späten 70er Jahren die sandinistische Revolution und somit ein grundlegender gesellschaftlicher Wandel in dem mittelamerikanischen Land unterstützt. Doch wo stehen Nicaraguas Kaffeebauern heute?

Joni Valkila von der Universität Helsinki und Anja Nygren vom Institut für Entwicklungsforschung, ebenfalls in Helsinki, wagen einen kritischen Blick auf Veränderungen in der Kaffee-Wertschöpfungskette für Kaffeebauern in Nicaragua. Dabei zeigen die Wissenschaftler nicht nur positiven Wirkungen der Zertifizierung, sondern auch deutliche Schwachstellen und Zukunftsperspektiven auf.

Welches sind die Kernbotschaften der Studien?

Ökonomische Sicherung in Krisenzeiten
Das Fair Trade System begünstigt vor allem Kleinbauern. Dies in erster Linie in Zeiten niedriger Kaffeepreise und vor allem die Bauern, die relativ extensiv Kaffee anbauen und mit dem Kaffeeanbau auch nur einen relativ geringen Teil ihres Einkommens erwirtschaften. Damit bleibt der ökonomische Zugewinn durch Fair Trade für die Kleinbauern aber eher marginal.

Wesentliche Teile der Prämie von der Struktur absorbiert
Ein wesentlicher Teil der Fair Trade-Prämie von 10 US-Dollar-Cents pro Pfund wird von der Kooperativenstruktur absorbiert – für Gehälter, Büro, Infrastruktur, Kapitalbildung. Für die Bauern bliebt oft kaum mehr als 50 % der FairTrade-Preises übrig. Und das ist oft nicht mehr als auch der private, nicht zertifizierte Handel bezahlt. Im Gegensatz zur Kooperative kann der private Handel den Kleinbauern jedoch kurzfristige Kredite anbieten, z.B. zur Bezahlung von Erntehelfern. Zudem wird die angekaufte Ernte sofort und in voller Höhe bezahlt. Die Kooperative hingegen hat oft schlechtere Kreditmöglichkeiten und –konditionen. Außerdem wird die angekaufte Ernte in der Regel nur in Raten bezahlt. Weshalb Nicaraguas Kaffeebauern, wie auch in Äthiopien üblich, beide Optionen nutzen.

Ein zu geringer Teil der Fair Trade Ware geht tatsächlich in den Fairen Handel
Während ich z.B. eine Biozertifizierung bedarfsgerecht einer Fläche zuordnen kann, wird bei Fair Trade eine Organisation bzw. eine Wertschöpfungskette zertifiziert. Das geht nur ganz oder gar nicht. Bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass auch die gesamte Ware auf dem Fair Trade Markt landet. Und genau das passiert. Denn die weltweite Nachfrage liegt weit unter der Produktion, was letztlich bedeutet, dass 40-70 % der Fair Trade-Ware aus Nicaragua auf dem konventionellen Markt landet – zu konventionellen Preisen. Die Fair Trade Zertifizierung kann den Bauern zwar einen vermeintlich fairen Preis für den Kaffee garantieren, nicht jedoch den Käufer dafür. Es kann also sein, dass Sie Fair Trade-Kaffee trinken, ohne dass Sie das wissen – und ohne dass Sie den Aufpreis dafür gezahlt zu haben!

Arbeitsbedingungen für Lohnarbeiter unverändert
Kaffeeanbau ist zumindest temporär eine arbeitsintensive Angelegenheit. So beschäftigen Kaffee-Kooperativen, aber auch viele Kleinbauern zumindest zeitweise Lohnarbeiter. Wie Befragungen von Valkila und Nyberg zeigen, ist dem durchschnittlichen Kaffeebauern Inhalt und Bedeutung der Fair Trade-Anforderungen nicht bekannt. So sind daher auch die Lohn- und Arbeitsbedingungen von abhängig Beschäftigten nicht anders als in der nicht-zertifizierten Kaffeeproduktion: Es gelten lediglich die staatlichen Mindestanforderungen, die jedoch kaum soziale Sicherheit gewährleisten. Trotz gesetzlicher Möglichkeit gibt es im Kaffeebereich praktisch keine gewerkschaftlichen Organisationen.

Der soziale Benefit überwiegt den monetären
Ein Teil der Fair-Trade Prämie wird für die Verbesserung der sozialen Strukturen bezahlt.
Im Gegensatz zu den Fair Trade Anforderungen geschieht dies in Nicaragua zu selten transparent und demokratisch, zumindest, wenn man den wissenschaftlichen Studien aus Finnland Glauben schenkt. Dennoch sind es diese sozialen Strukturen, von den v.a. die Kleinbauern und die Dorfgemeinschaft im Allgemeinen am meisten profitieren. Denn Gesundheitsstationen, Schulen und anderes kommen allen zugute, unabhängig vom jeweiligen Beitrag zum Kaffee’umsatz’.

Wo liegen die Chancen?
Zweifelsohne hat die Fair Trade-Bewegung zu wichtigen strukturellen Veränderungen und mehr sozialer Gerechtigkeit beigetragen. Wirklich unten angekommen scheint sie jedoch nicht, weder beim Kaffeebauern, noch beim Verbraucher. Was aber weniger an der Idee, als an den begrenzten Möglichkeiten der Umsetzung liegt. Begrenzt unter anderem vom Markt bzw. dem Verbraucher, der dies durch sein Kaufverhalten sanktioniert.

Was wären oder sind die Alternativen? Z.B. eine (inzwischen schon oft) umgesetzte Ergänzung durch andere Zertifizierung, wie z.B. ‚bio’, die auch im Verständnis besser beim ‚einfachen’ Kaffeebauern angekommen zu sein scheint. Oder eine disproportionale Förderung: Kleiner Bauer – kleines Einkommen – große Prämie. Was auch ein Anreiz darstellte, nicht nur auf ein Pferd (Kaffee) zu setzen, sondern auf Kaffeeanbau in diversifizierten, naturnahen und klimafreundlichen Mischkulturen. Oder eine Prämie für den aktiven Erhalt naturnaher kleinbäuerlicher Landschaften, zum Beispiel finanziert aus freiwilligen Klimaschutzprogrammen. Zumal Kaffeebauern schon in naher Zukunft deutlich unter den Folgen des Klimawandels leiden werden. Es gibt inzwischen viele Möglichkeiten, die umgesetzt werden könnten – und müssten.

Quellen:
Valikla J. (2009): Fair Trade organic coffee production in Nicaragua — Sustainable development or a
poverty trap? Ecilogical Economics. Im Druck
Valkila J. (2009): Fair Trade coffee certification. A tool for rural development and environmental protection in Nicaragua? University of Helsinki Department of Economics and Management, Discussion Papers n:o 38, Helsinki
Valila, J. & A. Nygren (2009): Impacts of Fair Trade certification on coffee farmers, cooperatives, and laborers in Nicaragua. Agriculture and Human Values
Thanks and credits to Joni Valkila (joni.valkila [at] helsinki.fi)

Ein Kommentar

  1. Anna
    Veröffentlicht am 30.01.2012 um 18:57 | Permanenter Link

    Interessanter und gut recherchierter Beitrag!

Ein Trackback

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