Eine Woche im Kaffee-Paradies. Zu Besuch bei SWEET MARIA`S, Kalifornien.

Wer sich auf der Suche nach Spezialitätenkaffees, nach Equipment für das häusliche Kaffeerösten oder Informationen über Kaffee-Anbauländer durchs Internet googelt, der wird eher früher als später auf der Website von „Sweet Marias“ landen. Die Website ist enorm umfangreich, detailverliebt und strahlt das aus, was manch einer Site in der Datenwelt fehlt: Die Identifikation von Inhalt und der dafür verantwortlichen Person.

Auch ich bin wieder bei „Sweetmarias“ gelandet; diese Mal allerdings nicht auf der Website, sondern beim größten Versandhaus für Heimrösterbedarf der USA selbst. Seit Jahren schon hat es mich gereizt, einen Blick hinter die Kulissen dieses Unternehmens zu werfen. Vor einigen Wochen war es endlich so weit. Und das kam so:

Im Herbst 2011 unternahm ich, stellvertretend für „Maskal – fine coffee company“, mit George Howell von der „George Howell Coffee Company“ (Acton/Massachusetts) und Tom Owen von „Sweet Maria`s“ (Oakland/Kalifornien) eine gemeinsame Reise nach Sumatra. Zuhause hatte ich noch ein ungenutztes Ticket nach San Francisco liegen, und so war es so nahe liegend wie Oakland zu San Francisco, einen Besuch bei Tom in Kalifornien zu verabreden.

Eine erste Gelegenheit ergab sich in der zweiten Dezemberwoche 2011. Der Winter hielt an meinem Wohnort Ottawa bereits Einzug, wovon nach einem 12-Stunden-Flug via Detroit und Los Angeles nach San Francisco nichts mehr zu spüren war. Der Winter schien in einem Erdloch verschwunden.

Am frühen Abend holten mich Tom und der 4-jährige Ben kurzärmelig an der „Bay Area Rapid Transit“-7th Station in West Oakland ab. Das Hallo war so groß wie der Hunger, der Durst und die Müdigkeit, was einen relaxten Bier-Pizza-Sofa-Abend mit Tom, Ben und Maria versprach. Die Pizza war zwar ein Fisch mit Reis, aber beides war mindestens genau so gut wie das Bier und der komfortable Stuhl (das Sofa war leider Hoheitsgebiet der beiden Hunde Sweety und Video).

Zu Besuch bei Sweet Maria`s, dem größten Zuliefer für Kaffee-Heimröster in den USA

Zu Besuch bei Sweet Maria`s, dem größten Zuliefer für Kaffee-Heimröster in den USA

Das erste Staunen

Das erste, worüber man dann staunt, wenn man am nächsten Morgen von Toms und „sweet“ Marias Wohnung durch den kleinen Brauraum (Bierbrauen ist neben ist neben Surfen, Motorradfahren und Fotografieren eine von Toms zahlreichen Leidenschaften) ins Warenlager geht, ist das Warenlager selbst. Ok, die 15 Jahre alte „Sweet Maria`s“-Website für Heimröster und die noch junge „Coffee Shrub“-Website für Spezialitätenröster lassen erahnen, dass hier einiges an Rohkaffee deponiert sein muss. Dass aber das Lager so groß, so hoch, und inzwischen schon wieder zu klein ist, nein, das habe ich dann doch nicht erwartet.

Sweet Maria`s: Das Lagerhaus

Sweet Maria`s: Das Lagerhaus

Sweet Maria`s: Kaffees aus aller Welt

Sweet Maria`s: Kaffees aus aller Welt

Und da sitzen sie alle in Reih und Glied, die feinen und feinsten Kaffees: Guatemala Antigua Hacienda Carmona Pulcal, Guatemala Huehuetenanga Finca Rosma, Panama Boquete Garrido Estate Lot 26-29, Sumatra Tabarita Peaberry, Costa Rica Don Mayo, Costa Rica Caturra de Zarcero, El Salvador Montanita Bourbon, Kenya AA Kanguru, Ethiopia Haro Sana, um nur die zu nennen, die, mit Blick auf das große Eingangstor, in der hinteren rechten Ecke palettenweise gestapelt sind. Eigentlich bin ich aber auf dem Weg, mir einen Frühstückskaffee zu holen.

Der Mannschafts-Manager

Diesen Kaffee, mal auf einem Behmor-Heimröster, mal auf der betriebseigenen 12 kg-Probat-Maschine geröstet, bereitet allmorgendlich Josh in der von allen geliebten Moccamaster zu. „Heute habe ich einen Indian Seethargundu und einen Costa Rica Los Nascientes gemacht“, sagt Josh mit küchenraumerfüllendem Stolz. „Ich habe sie gestern erst geröstet. Vielleicht noch ein bisschen zu frisch!“ Josh hat die Statur eines Verteidigers des „Golden Bears“-Basketball-Teams, und die zahlreichen Kaffeesäcke, die er täglich von Trucks auf Paletten und von Paletten auf den Boden wuchtet, muten in seinen stählernen Armen an wie daunengefüllte Kopfkissen.

Josh ist der “Operation-Manager”, verantwortlich dafür, dass von der Anlieferung der Kaffees bis zur Abholung der paketbefüllten Paletten alles reibungslos abläuft. Ein Manager, der ständig in Bewegung ist, der delegiert und anpackt, der abends als letzter geht und morgens als erster kommt. Ein Manager, der den Mannschaftskaffee macht.

Dan, der "Operation-Manager"

Josh, der "Operation-Manager"

Doch auch Männer mit Stahl in den Armen gehen in die Knie. Das Pensum schlaucht. Er spricht mit Tom. Abends schaffe er es gerade noch, sich am Fernseher ein Basketballspiel anzuschauen. Die Freundin beklage sich auch schon. Doch das ist nicht neu. Das ist jedes Jahr so; in der Hochsaison, von Mitte November bis Ende Januar, wenn durchschnittlich 2200 Bestellungen pro Woche eintreffen. Das will bewältigt werden. Tom verspricht ihm ein paar freie Tage; aber diese und nächste Woche sei nichts zu machen. Aber vielleicht danach.
Ich habe mich übrigens für den indischen Seethargundu entschieden. In der Tat ein wenig frisch. Aber ich würde einiges dafür hinlegen, in einem Café oder „Coffee Shop“ etwas nur annähernd Vergleichbares in der Tasse zu haben.

Hier spielt die Musik

7:30 Uhr; inzwischen sind alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen eingetroffen. Die Handgriffe sind eingespielt, jeder weiß, was er zu tun hat. Niemand redet. Wozu auch. Die 15-köpfige Mannschaft arbeitet seit Jahren zusammen. Dan, der in ruhigeren Zeiten als abstinenter Rock`n Roller durch die Lande zieht (die Band hat auch schon in Frankfurt und Hamburg gastiert), ist der zuletzt eingestellte; das war vor drei Jahren. Guter Kaffee scheint den Mannschaftsgeist zu beflügeln.

Schlagartig wird es laut: „It`s aaalriiight nowow, baby it`s aaalriiight nooow!“. Ein sicheres Zeichen, dass Tom in seinem Reich angelangt ist: in seinem aus zahlreichen YouTube-Videos bekannten Verkostungszimmer im ersten Stock. „Gimme gimme some lovin …“ Wer bei „Sweet Maria`s“ arbeitet, muss Musik mögen. Sie füllt nonstop die große Halle, ipod-gespeist über 3 kleinere und größere Lautsprecher. Aber die meisten Mitarbeiter stört das nicht. Sie hören die Musik nicht einmal. Sie haben ihre eigene: ipod-gespeist über kleinere und größere Headsets. Sie füllt nonstop ihre Ohren.

Die Seele eines Kaffees

Einer der Gründe für meinen Besuch hier war es, möglichst viele Kaffees zu verkosten. Deshalb legten wir in dem musealen, mit Kaffeezubereitungsutensilien aus aller Welt und von allen nur denkbaren Herstellern überfüllten Verkostungszimmer gleich los. Die Kaffees für heute waren im drei-trommeligen Probat-Musterröster bereits die Tage zuvor geröstet worden. Ein Teil der Kaffees ist bereits gekauft und soll auf die Website gestellt werden; sie müssen detailliert beschrieben werden. Andere sind zugeschickte Muster, deren Bewertung über Kauf oder Nicht-Kauf entscheidet. Auch sie müssen detailliert beschrieben werden. Das ist bei Tom, der hierbei in eine Tiefe und epische Breite geht wie kaum ein anderer, ein Prozess über viele Tage. Die Seele eines Kaffees muss verstanden werden.

Tom Owen bei seiner Haupttätigkeit: Dem Verkosten von Kaffees

Tom Owen bei seiner Haupttätigkeit: Dem Verkosten von Kaffees

Vier Runden gehen am diesem Tag über unsere Zungen und durch unsere Nasen. Immer und immer wieder, vom warmen Zustand über mehrere Stadien des Abkühlens werden Aroma, Säure, Körper, Geschmack etc. sensorisch bewertet, und es wird geprüft, ob die Kaffees Defekte aufweisen, ob sie bereits altern und ob und wie sie sich während des Abkühlens geschmacklich verändern. Kaffees können sich in den Tagen und Wochen nach dem Rösten deutlich, zum Teil dramatisch verändern; Verkostungen im Abstand mehrerer Tage machen deshalb, Aufwand hin oder her, absoluten Sinn.

Die erste Runde sind Kaffees eines Produzenten aus El Salvador. Kleine Lots desselben Kaffees in verschiedenen Verarbeitungsformen: traditionell gewaschen, Kenya-processed, Sumatra-wet hulled, honey-processed, natural. Aber die Kaffees werfen mehr Fragen auf, als dass sie Antworten geben.

Es folgen gewaschene, gestern eingetroffene Kaffees von fünf Kooperativen in Südwest-Äthiopien. Es sind Kaffees der noch laufenden Ernte und zu frisch, als dass sich schon ein Urteil fällen ließe. Erster Eindruck: Alles sauber verarbeitete Kaffees, die ruhen müssen, um ihr Potential zu entwickeln.

"Gera Jimma", ein gewaschener Kaffee aus Südwest-Äthiopien (vorausgegangene Ernte!)

"Gera Jimma", ein gewaschener Kaffee aus Südwest-Äthiopien (vorausgegangene Ernte!)

Tom notiert erste Eindrücke. Die Kaffees nochmals über die Zunge rollen lassen, ausspucken, schreiben. Seine Sinne sind geschult. Autodidaktisch. Ein einziges Mal in drei Tagen greift er zu einem der bekannten Aromenfläschchen von Jean Lenoir; die Mehrzahl von ihnen ist mit einer Staubschicht überzogen.

Die nächste Runde auf dem Tisch sind Kaffees aus Kolumbien, von Felix Guzman, Oscar Gutierrez und weiteren Produzenten. Alles schöne Kaffees, die Tom schon mehrfach verkostet und mit hohen 80er Zahlen bewertet hat. Ich bin mir sicher, dass zumindest einige von ihnen bald bei „Sweet Maria`s“ erhältlich sein werden. Aber da möchte ich nicht vorgreifen.

Zuletzt standen noch fertig geröstete Kaffees von Dogwood, einem Spezialitätenröster aus Minneapolis auf dem Tisch. Vergleichskaffees. Darunter ein Villa Sarchi aus Costa Rica, sowie ein Orange Bourbon und ein Cup of Excellence aus El Salvador. Super geröstete Kaffees mit klarem Profil. Lediglich beim Orange Bourbon gingen unsere Meinungen auseinander.

Die Seele eines Menschen

Beim Verkosten und Beschreiben der Kaffees ist Tom hoch konzentriert. Unansprechbar. Über Stunden. Aber mit der hohen Konzentration, da bin ich mir inzwischen sicher, hat es etwas anders auf sich. Als er mich am Tag des Abschieds zurück zur 7th-Station/West Oakland fuhr, sprachen wir ein wenig über Künstler (Tom und Maria haben beide Kunst studiert) und deren bisweilen enorme Introvertiertheit, ihre geistig-hermetische Abschottung von allem Außenstörenden. „So einer könnte ich auch sein“, meinte Tom süffisant. Er hat Unrecht. Er ist einer von ihnen. Kein Extremist, aber im Kern seines Wesens. Ob man es nun mag oder nicht, aber es ist gut so. Denn sonst wäre „Sweet Maria`s“ nicht das, was es ist: Eine Kollektion bester Kaffees aus aller Welt. Die Seele eines Menschen muss verstanden werden.

Konzentration am Arbeitsplatz: Die Seele eines Menschen muss verstanden werden

Konzentration am Arbeitsplatz: Die Seele eines Menschen muss verstanden werden

Kollektion: ein weiteres Schlüsselwort! Tom (und Maria!) sammeln alles, was irgendwie in Regale, die Wohnung, ins Büro, das Badezimmer, die Flure und wo sonst auch immer hin passt. Grenzenloses Sammeln von Objekten in Raum und Zeit, von Material, Farbe und Kultur. (Und der kleine Ben? Ben sammelt Fische für sein Aquarium, Tierskelette in real und Plastik und alles was in seine Spielzeugkisten passt.) Und so wie Tom Masken, Figuren, Kronkorken oder Bierdosen sammelt, so sammelt er Kaffees. Er sammelt Kaffees mit Leidenschaft. Es ist Leidenschaft. Aber sie ist anders. Sie ist nicht grenzenlos. Beim Kaffee sind Fummel und Kitsch tabu. Nur Picassos und van Goghs haben Zutritt zu den Regalen! Kompromisse Fehlanzeige!

Sammelobjekte aus aller Welt bei Sweet Maria`s

Sammelobjekte aus aller Welt bei Sweet Maria`s

Verkehrte Kaffeewelt. Oder: Ist ein Brasilianer ein Brasilianer?

Am nächsten Tag verkosten wir mitunter eine Runde brasilianischer Naturals und Pulped Naturals sowie einige „Wet hulled“-Sumatras. Beide Male stehen wir etwas ratlos um den runden Verkostungstisch. Beide Anbauländer werfen nicht nur hier, sondern generell Fragen auf – wenn es zu den Spezialitätenkaffees kommt. Soll ein Brasilianer schmecken wie ein Brasilaner? Sind Pulped Naturals den Naturals vorzuziehen? Muss sich ein Mandheling oder Lintong zwangsläufig dem von (fast) allen so geliebten und von Großeinkäufern wie Peet`s oder Starbucks stark geprägten Geschmacksprofil unterwerfen: Vollmundig, säurearm, erdig, geradezu ein wenig „dreckig“, „muffig“? Sumatra-Arabicas sind die einzigen Spezialitätenkaffees, bei denen Defekte nicht als störend empfunden werden, ja geradezu erwünscht sind. Verkehrte Kaffeewelt!

Wir verkosten einen über den hauseigenen Farbsortierer gelaufenen und in 5 Defekt-Konstellationen neu zusammengesetzten Lintong. Aber entweder schmecken sie mal mehr mal weniger wie ein erdig-muffiger „echter“ Sumatra, oder nach etwas, das, na ja, irgendwie nach Kaffee schmeckt. Wir stehen weiter etwas ratlos um den runden Tisch. Schließlich sind wir uns erneut einig: Sumatra-Arabicas brauchen ihr eigenes Bewertungssystem; sie lassen sich nicht mit dem Rest der restlichen Kaffeewelt vergleichen!

Und die brasilianischen Spezialitätenkaffees? Ja, es gibt sie; in kleiner, stetig wachsender Zahl. Einigen ganz hervorragenden bin ich während meines letzten Aufenthalts in Brasilien begegnet. Dennoch; die Fragen bleiben unverändert: Will ich einen „Alto Mogiana“ oder einfach nur einen „Catuai“; oder will ich einen Natural processed Icatu-Yellow Bourbon-Caturra-Blend, der einem sonnengetrockneten Yirgacheffe nahe kommt; oder will ich einen „Pulped Natural Catuai/Alto Mogiana/Cachoeira Da Grama Estate“, der genau so schmeckt, wie er heißt? Wer sich näher mit Kaffee befasst, betritt eine komplexe Welt. Eine spannende Welt. Eine Welt der beständigen Suche.

„Keep me searching for a heart of gold …“ Neil Young ist auch auf der Suche.

Instant Karma

Der Verkostungsraum hat große Fenster. In diesem und dem Nachbarraum, in dem zwischen Schlagzeug und Bassgitarren eine Espressomaschine, ein Agtron Röstfarben-Analysegerät, ein Heißwasserturm und vieles andere stehen, wohnten Tom und Maria in den ersten Jahren nach dem Erwerb der Halle. Von hier oben hat man einen guten Blick ins Warenlager. Von hier aus präsentieren sich einem alle Abläufe wie auf dem Tablett: Das Einlagern der Rohkaffees, das Vakuumieren oder Umfüllen der Kaffees in GrainPro-Tüten, das Bestücken der beiden Abfüllanlagen, das Abfüllen in Ziploc-Tüten, das Einlagern der Tüten in Zwischenregale, das Kommissionieren, das Verpacken und zwei Mal am Tag das Abholen der Paletten von UPS & Co.

Verpacken in Höchstgeschwindigkeit

Verpacken in Höchstgeschwindigkeit

Brian ist der Routinier an den Abfüllanlagen. Er scheint regelrecht mit ihnen verwachsen zu sein. Von morgens bis abends, seinen Headset niemals abnehmend, robotergleich immer dieselben Handbewegungen. Brian ist der Tütenbefüller, der Herrscher über die 1 Pfund-, 2 Pfund- 5 Pfund- 10 und 20 Pfund-Tüten. Und der Skateboarder. Er ist der Mann, der selbst dann an der Maschine steht, wenn sein Skateboard am Abend zuvor einen anderen Weg genommen hat als sein Körper. Als Tom davon erzählt, nicken die Umstehenden respektvoll. Skateborder sind hart im Nehmen. Harte Knochen, die mit gebrochenen Rippen Tüten befüllen. Respekt zu erlangen kann schmerzhaft sein.

Brian, der Skateboarder ...

Brian, der Skateboarder ...

... der mit der Abfüllanlage verwachsen zu sein scheint.

... der mit der Abfüllanlage verwachsen zu sein scheint.

„Instant Karma’s gonna get you,
gonna knock you right on the head …
Well we aaaal shiiiiine ooon, like the moon and the stars and the sun …“ John Lennon wusste, was Sache ist.

Im Lustgarten

Ich vertrete mir ein wenig die Beine im Garten. Es ist frühlingshaft warm. In Ottawa, sagte meine Frau am Telefon, schneie es. Und hier: ein Teich mit ungefrorenen Goldfischen, roten Erdbeeren, gelben Lilien, Bougainvillen, von Schnecken verschonter Salat, Karotten, überall Bäume und massenweise hoch zum Himmel ragender Bambus. Ein Gewächshaus prall gefüllt mit Kaffeepflanzen aus Neuguinea („Korgua Hagen Typica“), dem Jemen („Shibriki Mokha/Harasi“), Kolumbien („Timor Hybrid C-7“), Peru („Maragogype“) und vielen weiteren Varietäten aus dem Rest der restlichen Kaffeewelt. Kaum zu glauben, dass an derselben Stelle noch vor wenigen Jahren eine dicke Betonfläche das Regenwasser direkt in die Kanalisation leitete! Lustgartenfreudig wandle ich zurück an den Verkostungstisch, hindurch zwischen prall gefüllten Säcken aus Neuguinea, dem Jemen, Kolumbien, Peru und dem Rest der restlichen Kaffeewelt.

„Knock knock knocking on heavens door …“

Ein Lustgarten mit Bambus ...

Ein Lustgarten mit Bambus ...

... und einem Gewächshaus mit Kaffeebäumen aus:

... und einem Gewächshaus mit Kaffeebäumen aus:

... Kolumbien,

... Kolumbien,

... oder dem Jemen.

... oder dem Jemen.

Verpackungsmaschinen mit Kopfhörern

Ich mache einen kurzen Stop bei den Verpackern. Ich spreche niemanden an. Es ist niemand anzusprechen. Eine Frau und drei Männer arbeiten wie Fließbänder. Wie Verpackungsmaschinen mit Kopfhörern. Keine Zeit zum Smalltalk. Dave, der Zweimetermann, schwenkt seine Kranarme, dass einem Angst und Bange wird. José, sein Gegenüber, reicht ihm knapp über die Gürtellinie. Der Verpackungstisch ist ein ergonomisches Wunder.

„Jippie hei yeah, jippi hei yoho …! Jonny Cash singt für die, die keine Kopfhörer haben.

Dave und José am "ergonomisch wundersamen" Verpackungstisch

Dave und José am "ergonomisch wundersamen" Verpackungstisch

Die Pakettürme auf den Paletten wachsen in atemberaubender Geschwindigkeit: Rohkaffee, Behmor-Röster, Hario-Equipment, AeroPress, Chemex usw.; aber meistens eben Rohkaffee. Acht prall befüllte Paletten verlassen derzeit täglich das Lager. Alles von Heimröstern geordert. Sie sorgen für 80 % des Umsatzes. „Durchschnittlich bestellen die Leute 6 Pfund Kaffee. Vor Weihnachten ist es deutlich mehr. Vieles wird verschenkt“, sagt Erika, über deren Bildschirm alle Bestellungen laufen.

Erika: Durch ihre Hände gehen alle Bestellungen

Erika: Durch ihre Hände gehen alle Bestellungen

Nach Weihnachten, so reime ich zusammen, ist dann alles geröstet, getrunken, verschenkt. Da muss nachgekauft werden. Deshalb ist auch der Januar Boom-Zeit. „Zwischen Februar und Oktober haben wir etwa 1200 Bestellungen pro Woche. Da ist dann etwas ruhiger.“ „Und es wird mehr geredet!“, ruft Maria aus dem Nachbarraum.

Die erste Paletten-Charge mit Rohkaffee, Behmor-Heimröstern u.v.m verlassen am Vormittag das Lagerhaus von Sweet Maria`s ...

Die erste Paletten-Charge mit Rohkaffee, Behmor-Heimröstern u.v.m verlassen am Vormittag das Lagerhaus von Sweet Maria`s ...

... die zweite Charge folgt am Abend.

... die zweite Charge folgt am Abend.

Von rotem und gelbem Bourbon

Tom redet auch. Ausnahmsweise. Ich habe mir einige Kaffees im Lager ausgesucht, geröstet, verkostet, und wir vergleichen meine Ergebnisse mit Toms früheren Bewertungen. Wir liegen sehr nahe beieinander, auch wenn er den „Finca Himalaya“ aus San Salvador und den „Antigua Carmora Pulcal“ aus Guatemala höher bewertet hat.

Beeindruckt hat mich auf dem Tisch ein „Red Bourbon“, ebenfalls aus Guatemala: ausgewogen, süß, prickelnde, klare Säure. „Eigentlich habe ich einen Container `Yellow Bourbon` gekauft. Aber die Hälfte davon wurde in Guatemala gestohlen. Der Produzent aber hatte nur noch diesen `Red Bourbon`. Nach einigem Zögern habe ich schließlich zugestimmt. Und ich muss sagen, ich bin mehr als zufrieden, dass ich zugestimmt habe.“ (PS: Tatsächlich hat er gesagt: „… und ich bin überhaupt nicht traurig, dass der halbe Container geklaut wurde.“ Aber das behalte ich natürlich für mich.)

Kein Wunder war es, dass der „Red Bourbon“ schließlich von zwei äthiopischen Kaffees getoppt wurde: Einem gewaschenen Jimma aus Gera und einem sonnengetrockneten Sidama aus Aleta Wondo (dessen exakte Herkunft jedoch im Nirvana der ECX, der äthiopischen Kaffee-Börse verloren ging). Man kann sich nun trefflich streiten, ob sonnengetrocknete Kaffees („Naturals“), deren Geschmacksprofil dominierend Resultat ihrer Verarbeitungsform ist, einen Sinn machen oder nicht. Aber bei einem Ergebniss, wie es vor mir auf dem Tisch steht, gibt es nur eine einzige Antwort!

Und was macht Maria?

Und was macht Maria?

Sweet Maria

Und es gibt nur noch eine einzige Frage: Was macht eigentlich Maria? Die Frau, die offensichtlich so „süß“ ist, dass ein in der Kaffeeszene hoch angesehenes Unternehmen ihren Namen trägt? Die in Chicago geboren ist und ihren Job im „Arts Museum“ in Columbus/Ohio an den Nagel hängte, um im heimischen Keller des ungeliebten „400.000-Seelen-Dorfes“ Columbus bei einem zusehends wachsenden, mit einem privaten 12.000,- Dollar Kredit gestarteten Versender von Heimrösterbedarf einzusteigen. Die mit Tom (damals noch ohne Ben) nach Oakland zog und darüber staunt, wie groß sie inzwischen geworden sind. Was sie macht!? Ach ja: durch ihre Hände fließen alle Gelder – rein wie raus. Ihr Herrschaftsgebiet sind die Bankkonten. Toms Reich ist oben, ihr Reich ist unten. Zusammen sind sie das Herz und die Seele von „Sweet Maria`s“. Maria ist eine ungewöhnliche Frau. Eine starke Frau. Eine, die es vorzieht, im Hintergrund zu bleiben.

„Lady Madonna …“ Erinnerungen werden wach …

Bye-bye Kaffeeparadies

Auch meine Erinnerungen an die Tage bei „Sweet Maria`s“ werden lange wach bleiben. Meine Erinnerungen an Dan, Josh, Amanda, Erika, Byron, Brian, Dave, José … an Tom, Maria, Ben … an Sweety und Video. Ich habe viel gesehen, viele herrliche Kaffees verkostet und wunderbare Frühstückskaffees genossen. Ich habe mich gefühlt wie im Kaffee-Paradies.

Bye-bye Kaffee-Paradies!(Gezeichnet von Tom Owen.)

Bye-bye Kaffee-Paradies! (Gezeichnet von Tom Owen.)

Am Flughafen San Francisco wurde ich dann schnell wieder auf den Boden der Tatsachen geholt. Gate 48; ich brauchte Koffein. Das bekam ich für unsummige Dollars und verbrennungsgefährdend heiß im Pappbecher mit Verwöhndesign bei „Guava & Java“. Und wie nicht anders zu erwarten (gewisse Dinge lassen sich trefflich vorhersagen), erlitt mein verwöhntes Geschmackszentrum einen gehörigen Absturz: vom Garden Eden, in dem es sich eben noch suhlte, auf direktem Weg ins Fegefeuer. Glück gehabt im Unglück, möchte man sagen; denn schlimmere Drinks, von denen es da reichlich gibt, befördern das Geschmackszentrum nicht ins Fege-, sondern direkt ins Höllenfeuer.

Diesen Spaß hob sich der Kaffeeteufel für den Flug von Lost Angeles nach Detroit auf!

Links:

Maskal – fine coffee company

George Howell offee Company

Sweet Maria`s

Coffee Shrub

3 Kommentare

  1. Mia
    Veröffentlicht am 05.01.2012 um 20:58 | Permanenter Link

    sehr wissenswerter &interessanter artikel!

  2. Veröffentlicht am 06.01.2012 um 11:25 | Permanenter Link

    An Sweet Marias kommt man nicht vorbei wenn man sich mit Specialty Coffee beschäftigt. Dieser Artikel bietet einen großartigen Einblick in das Schaffen von Sweet Marias.

  3. Veröffentlicht am 17.01.2012 um 13:41 | Permanenter Link

    Vielen Dank für den tollen Einblick.

Ein Trackback

  1. [...] meinem Besuch von Sweet Maria`s in Kalifornien Ende letzten Jahres trank ich einen “roten Bourbon” aus Guatemala, der [...]