Das Handy, das Kaffee macht!

Da stöbere ich heute nach einiger Zeit wieder ein Mal ein wenig im “Walther Saftblog“, und was finde ich dort: Nein, keine Saft machende Kaffeemühle oder ein “Aronia-phone mit integrierter Saftpresse”, wie in einem Kommentar vorgeschlagen wird, nein, dafür aber den Hinweis auf ein “Kaffee machendes Handy”!

Was mich bei dem Hinweis überrascht hat, war nicht diese technische Neuerung an sich, sondern das Veröffentlichungsdatum des Hinweises. Da ich, wie dem ein oder der anderen vielleicht bekannt ist, selbst in Kanada lebe, und das dort erfundene Kaffee machende “Pomegranate NS08″-Handy schon seit längerem kenne (ich aber gar nicht auf die Idee kam, darüber zu schreiben), habe ich gleich mal nachgeschaut, wann das Handy in Deutschlands Blog-Szene wahrgenommen wurde: Im November, hauptsächlich ab Mitte November (z.B. im Weblog von Markus Seegmüller, Kurios.Blog, moggadodde, etc. Dabei wurde das Handy bereits Ende September vorgestellt. Virales Marketing, auf das die Marketing-Strategen bei der Verbreitung der Neuheit setzen, braucht eben auch seine Zeit … vor allem, wenn es “über den Teich” geht. Am 13. November ist die Nachricht schließlich bei Focus Online eingetroffen, und zwei Tage später war sie auch Spiegel Online einer Erwähnung wert. Aber nun endlich zum (unter anderem!) Kaffee machenden “Pomegrate NS08″.

Um es vorweg zu nehmen: Das Kaffee machende Handy gibt es nicht – nicht ein einziges Stück davon! Man kann sich auch weder, wie in der Flash-Präsentation zu sehen, damit rasieren oder es als Blues-Harp verwenden. Es ist vielmehr ein “virales Marketing-Kunst-Stück”. Sehen Sie hier einen Ausschnitt:

Quelle: YouTube

Die hinter der Aktion stehende Idee: Die kleine Provinz Nova Scotia im Osten Kanadas will Aufmerksamkeit erregen und das Interesse Investoren und Touristen auf sich ziehen. Und dabei hat sie sich, (marketing-)technisch fortschrittlich wie Kanada nun eben mal ist, des uralten und im Zeitalter des Internets wieder-erfundenen viralen Marketings bedient. Und da neue Handys generell überall auf der Welt Aufmerksamkeit erregen, war es nahe liegend, in Anlehnung an das “Blueberry” ein multifunktionales “Pomegranate” (Granatapfel) mit sensationellen Features zu erfinden., Ob es sich um ein Glanz-Stück des viralen Marketings handelt (hier der Link zu einem echten Meisterwerk des viralen Marketings), wird sich noch zeigen. Um eine glänzend gelungene Präsentation des “Pome NS08″, wie es hier in Kanada inzwischen genannt wird, handelt es sich allemal. (“NS08″ steht übrigens für “Nova Scotia 2008″.)

Eines ist jedenfalls klar: Wenn ich mir anschaue, allein auf wie vielen deutschsprachigen Blogs und Websites aller Art (1&1, Clipfisch, Die Presse.com, Kostenlos.de u.v.m.) das seltsame Handy seit November erwähnt wurde (oft als Pressemitteilung), dann muss man das Fazit ziehen, dass das virale Marketing der Regierung von Nova Scotia ganz offensichtlich funktioniert. Ob der dahinter stehende Zweck, Leute auf die Provinz aufmerksam zu machen oder sie gar dazu zu verleiten, dort hin zu reisen, das seht natürlich auf einem ganz anderen Blatt geschrieben.

Ich muss Daniel Ermann allerdings zustimmen, wenn er in seinem Erdmania-Blog schreibt, dass “Botschaft und Verpackung”, wie er es nennt, also die Pom NS08-”Werbung” und die Inhalte der Website, auf die User eigentlich gelotst werden sollen, nicht zusammenpassen. Dass die YouTube-Videos keinen Hinweis über die dahinter stehende Absicht geben (sofern alle Videos tatsächlich von der Nova Scotia-Regierung freigegeben sind), schmälert den Erfolg sicherlich deutlich. Aber erstens ist die oft mangelnde Verlinkung von Werbebotschaft und Produkt ein alt bekanntes Marketing-/Werbeproblem, und zweitens liegen keine aktuellen öffentlichen Hit-Zahlen für die offizielle Nova Scotia-Website vor. Ende Oktober lag die Hit-Zahl bei etwa 150.000; diese dürfte sich inzwischen auf ein Vielfaches erhöht haben.

Aber was sagt die Hit-Zahl für die Website über die Effekte für die Provinz aus? Weder wir als Außenstehende noch die Regierung selbst wird wissen können, wie die Aktion tatsächlich greifen wird. (Oder weiß jemand konkret, wie die bekannte “Mir könnet alles oußer Hochdeutsch”-Selbstvermarktung des Landes Baden-Würrtemberg oder die “Gib AIDS keine Chance”-Kampagne gegriffen haben?)

Zumindest eine Person aber hat auf Grund der Aktion bereits den Wunsch geäußert, den Marketing-Zweck zu erfüllen: Tina Strobel; Sie schreibt im “Corporate Media Blog“: “Nova Scotia – ein Platz, der dir alle Wünsche erfüllt – ich will hin!” Na, da nehmen wir sie doch mal beim Wort! Und sie wird – Kritik an der 180.000,- € teuren Marketing-Aktion, wie sie gerade hier in Kanada von Anbeginn an zu hören war hin oder her – sicher nicht die einzige sein, die erstmals überhaupt etwas von Nova Scotia gehört haben wird. Und das ist doch schon mal was!

Eines noch zum Abschluss: Vielleicht gibt es eines Tages nicht nur “einen Ort, an dem es alles gibt”, wie die Regierung Nova Scotias wirbt, sondern tatsächlich ein Handy, das in der Realität an das “Pomegranate NS08″ herankommt. Sehen Sie sich mal das hier auf “Your World today” an. Und wenn sich das, was Ralph de la Vega, der iPhone-Chef von AT&T über “seine” Zukunft des iPhones so von sich gibt, dann ist die Utopie vielleicht näher als wir glauben!

3 Kommentare

  1. Veröffentlicht am 08.12.2008 um 08:40 | Permanenter Link

    Interessante Sichtweisen, die Sie hier zusammengefasst und weiter ausgeführt haben (inkl. der Meinigen). Gut 3 Wochen nach Veröffentlichung des Artikels kann ich auch etwas über die Besucherzahlen zum Pomegranate NS08 sagen: 1. Es kommen überdurchschnittlich viele Suchanfragen aus der Schweiz (was ich mir nicht erklären kann) und 2. unter allen Suchanfragen finde ich auch immer wieder Phrasen wie „NS08 günstig/billig“ oder „NS08 buy“, was ein weiteres Indiz dafür ist, dass der Clou der Werbung nicht erkannt wurde.

    Übrigens: Im Erdmania Blog schreibt nicht Daniel sondern Dennis Erdmann

  2. Veröffentlicht am 08.12.2008 um 16:07 | Permanenter Link

    Hallo Dennis,

    vielen Dank für Deinen Kommentar! Was Du zu den Suchanfragen sagst, vor allem unter Punkt 2, verblüfft mich nun doch etwas. Wie erklärt man sich so etwas? Gibt es dazu Erfahrungswerte zu ähnlichen Marketingaktionen?

    Warum bei mir aus dem Dennis ein Daniel geworden ist, weiß ich leider nicht. Keine Ahnung. No excuse!

    Viele Grüße,

    Hans

  3. Hans
    Veröffentlicht am 17.09.2009 um 10:33 | Permanenter Link

    Das ist ja nagelneu für mich, aber ich finde die Idee sehr gut. Mir ist aber auch sehr interessant, wie eigentlich das funktioniert und wie muss man machen, falls während des Kaffeekochens ihm jemanden telefonieren? :)

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