Wie klimaschädlich ist eigentlich Kaffee? Ein Beitrag zur CO2-Neutralität.

Dass eigentlich alles, was wir tun oder auch nicht tun in irgendeiner Form Auswirkungen auf die Umwelt und insbesondere auf das Klima hat, ist inzwischen (fast) jedem klar – wenn auch nicht immer bewusst. Auch trägt ein Problembewusstsein nicht zwangsläufig zur Verhaltensänderung bei, insbesondere dann, wenn diese nicht gesetzlich verordnet ist. Dass Verbraucherwünsche und –verhalten auch Unternehmens- und Produktpolitik beeinflussen, hat spätestens die LOHAS-Bewegung gezeigt. Unbestreitbar ist, dass Unternehmen aufgrund ihrer wirtschaftlich und gesellschaftlich tragenden Funktion auch eine zentrale Rolle und Vorbildfunktion für ökologisch und sozial verantwortliches Handeln zukommt.

Der Kaffeehandel stand und steht in dieser Hinsicht nicht zuletzt seit der letzten Kaffeekrise zu Beginn des Jahrtausends ganz besonders im Fokus von Politik, Zivilgesellschaft und kritischem Verbraucher. Soziales und ökologisches Labelling gehört immer mehr nicht nur zum guten Ton, sondern entwickelt sich mehr und mehr als Markt-Eintrittsschranke – wenn in der Bundesrepublik auch immer noch erheblicher Nachholbedarf besteht.

Kein Wunder, dass sich jenseits von ‚fair’ und ‚bio’ zunehmend auch Fragen nach der Klimaverträglichkeit von Produkten generell stellen. Nach kurzer Betrachtung wird der kritische Verbraucher feststellen, dass eine ganzheitliche klimaökologische Produktbewertung alles andere als trivial ist. Zu komplex und unübersichtlich sind Produktion, Verarbeitung, Transport und schließlich auch der Verbrauch. So lassen sich vielfach nur einzelne Produkte (wie z.B. Aluminium) oder Produktionsschritte (z.B. Gefriertrocknung) oder Transportmittel (z.B. Luftfracht) als besonders klimaschädlich, weil z.B. energieaufwändig identifizieren und selbst dies nur mit oftmals sehr begrenzter Gültigkeit. Sind per Luftfracht importierte Tomaten aus Kenia klimaökologisch ungünstiger als Treibhaustomaten aus Holland? Und welche sozio-ökonomischen Konsequenzen hat eine Präferenz für das eine oder das andere Produkt?

Selbst, wenn dies alles bekannt und vergleichbar wäre, welche Rolle spielt dann mein Verhalten als Verbraucher, z.B. in Bezug auf meinen Kaffeekonsum? Ist der Verbrauch eines Produkts wie Kaffee etwa klimaschädlicher als sein Weg bis ins Ladenregal? In welcher Relation stehen 5 Kilometer per PKW zum Supermarkt zu 10.000 Kilometer Containertransport aus Übersee? Was macht es aus ob oder dass mein Vollautomat 24 Stunden auf Standby steht und die Espresso-Tasse mit Heißdampf vorgewärmt wird? Fragen, mit denen sich beispielsweise eine Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) beschäftigt hat. Sie kommt zu dem Schluss: „Eine Autofahrt zum Einkaufen verursacht dieselben Umweltwirkungen wie die Zubereitung von ca. 50 Tassen Kaffee!“

Standards für eine umfassende Lebenszyklus-Analyse oder den ökologischen Fußabdruck existieren bisher kaum oder befinden sich, wie z.B. der britische PAS 2050, noch mitten in der Entwicklung. Sie sind ein weiterer Baustein auf dem Weg zum gläsernen Produkt. Sie zeigen Wege auf, Produkte noch ökologischer und damit auch ökonomischer zu machen, werden aber Verbraucherentscheidungen nicht unbedingt erleichtern.

Daher sollte uns auch klar sein, dass die Bezeichnung ‚klimaneutral’ sich oftmals nur auf kleine Teile des Lebenszyklus, oftmals nur auf den Transport bezieht. Produktion, Verbrauch oder Nutzung können dabei erheblich klimaschädlicher sein. So gesehen relativieren sich dann unter Umständen auch Kompensationsmaßnahmen, zu denen sich zunehmend mehr Unternehmen verpflichten. Sie sind insbesondere und nur dann sinnvoll und vorbildlich, wenn glaubhaft alle Vermeidungspotenziale ausgeschöpft sind.

Umweltfreundlich produzierte (und zertifizierte) Kaffees leisten einen wesentlichen Grundbeitrag zur Vermeidung klimaschädlicher Wirkungen. So führt die amerikanische Kitten Coffee einen so genannten „Zero Carbon Footprint Coffee“ im Sortiment, dessen klimaökologischer Fußabdruck durch eine Abgabe an Landcare CarbonSMART kompensiert wird. Auch ein für Siemens-Vollautomaten produzierter, derzeit aber nicht mehr verfügbarer äthiopischer Kaffee war durch eine Abgabe an ein Projekt von Forest Finance neutralisiert. Grundlage dieser Ausgleichsabgabe ist eine Lebenzyklus-Berechnung der Bonner CO2OL, die für den Siemens-Kaffee eine Bilanz von 3 Tonnen CO2 je Tonne verpacktem Röstkaffee ermittelt haben. Demnach entspricht die Klimawirkung der Herstellung von einem Pfund Röstkaffee etwa dem CO2-Ausstoß von 9 PKW-Kilometern. Ein solcher Kaffee mit dem Fahrrad statt dem Auto eingekauft und mit Ökostrom aufgebrüht – das wäre unser Beitrag.

PS: Einen Dank an Herrn Rechenauer (Wasserburg) für den freundlichen Hinweis auf die CO2OL!

11 Kommentare

  1. Veröffentlicht am 10.11.2008 um 11:53 | Permanenter Link

    “Grundlage dieser Ausgleichsabgabe ist eine Lebenzyklus-Berechnung der Bonner CO2OL, die für den Siemens-Kaffee eine Bilanz von 3 Tonnen CO2 je Kilo verpacktem Röstkaffee ermittelt haben. Demnach entspricht die Klimawirkung der Herstellung von einem Pfund Röstkaffee etwa dem CO2-Ausstoß von 9 PKW-Kilometern. Ein solcher Kaffee mit dem Fahrrad statt dem Auto eingekauft und mit Ökostrom aufgebrüht – das wäre unser Beitrag.”

    Tschuldigung, auch wenn das lustig verlinkt wird, aber irgendeine (oder alle?) Zahlen können nicht stimmen. Bei 9 PKW Kilometern (ich nehme an, ein PKW, der 9 Kilometer fährt) können nie im Leben 3 TONNEN Co2 entstehen. Sorry, aber bei 9 Kilometern verbrenne ich einen max. einen Liter Sprit. Wie sollen dabei 3 TONNEN CO2 entstehen? Ich meine mich zu erinnern, dass bei der Verbrennung eines Liters Sprit etwa 2,5 *Kilo* CO2 entstehen. Bei Beinzin etwas weniger, bei Diesel etwa mehr.

  2. Jörg Volkmann
    Veröffentlicht am 10.11.2008 um 14:56 | Permanenter Link

    Danke für den Hinweis. Da war der Fehlerteufel drin. Richtigerweise- und auch schon im Text korrigiert: 3 to je to Kaffee. D.h. bei eine Durchschnittsverbrauch von 7 Liter Diesel pro 100 km, oder 14,3 km/l und 2,63 kg CO2/l Diesel wären das 8,2 km, die einem Pfund Röstkaffee entsprechen. Korrekt?

  3. Veröffentlicht am 21.11.2008 um 19:51 | Permanenter Link

    “Umweltfreundlich produzierte (und zertifizierte) Kaffees leisten einen wesentlichen Grundbeitrag zur Vermeidung klimaschädlicher Wirkungen.” Das erstaunt mich etwas. Wie hoch ist denn die klimaschädliche Wirkung beim konventionellen Anbau von Kaffee?

  4. Jörg Volkmann
    Veröffentlicht am 22.11.2008 um 11:11 | Permanenter Link

    Dazu liegen mir keine Zahlen vor. Man kann aber davon ausgehen, dass die Intensivierung und Ausdehnung des Kaffeeanbaus in den 70er bis 90er Jahren um 28 % (Stichwort Sonnenkaffee) deutlich auf Kosten von Waldflächen stattgefunden hat. Dabei ist natürlich viel CO2 freigesetzt worden. Eine Wiederbewaldung bzw. Umstellung auf mehr Schattenkaffee bedeutet somit Schaffung von C02-Senken.

  5. Veröffentlicht am 09.01.2009 um 22:42 | Permanenter Link

    Danke für den langen und informativen Post – ich suche nach ner Kaffeemaschine/Espressomaschine, die man, will man sachen nachhaltigkeit alles richtig machen, mit gutem gewissen kaufen kann… tipps für meine suche?

  6. Veröffentlicht am 12.01.2009 um 11:10 | Permanenter Link

    Ja, Angela,

    die Nachhaltigkeit der Kaffeezubereitung ist natürlich stark vom verwendeten Gerät, mehr aber noch von der verwedneten Energiequelle abhängig, also z.B., ob der Strom aus regenerativen Energien stammt. Dazu gibt es eine interessante Studie aus der Schweiz: http://www.swisseduc.ch/chemie/schwerpunkte/kaffee_oekob/
    In Sachen Kaffeemaschine werden da ein paar Hinweise gegeben. Zudem sollten die jeweiligen Hersteller Angaben zum Energieverbrauch ihrer Geräte machen können. Bei TV-Geräten z.B. ist das, so weit ich weiß, Pflicht.

  7. Veröffentlicht am 27.01.2009 um 12:28 | Permanenter Link

    Eine neue Studie, die im Rahmen des Projekts Product Carbon Footprint für einen Tchibo-Kaffee durchgeführt wurde, kommt zu etwa ähnlichen Ergebnissen. Interessant dabei ist, dass durch Zubereitung bzw. der Konsum des Kaffees nochmals 50 % CO2 zusätzlich zu den produktions-, transport- und verarbeitungsbedingten Emissionen verursacht.

    Die Studie ist unter ff. Link einsehbar: http://www.pcf-projekt.de/files/1232962944/pcf_tchibo_coffee.pdf

  8. Veröffentlicht am 03.02.2009 um 17:43 | Permanenter Link

    Das ist wirklich ein Thema, das einem Fass ohne Boden gleicht. Ich glaube, wenn man ALLES richtig machen will als Verbraucher, muss man ganz unten und vor allem direkt bei sich selbst anfangen. Wohin gehe ich, wohin nehme ich das Auto, woher kommt mein Strom usw. Jedes Detail meines Alltags hat ja einen gewissen Einfluss. Solange ich nicht alles von Grund auf änder ist es glaube ich relativ egal, ob mein Automat nun von Siemens oder einem beliebigen anderen Hersteller ist.

  9. Veröffentlicht am 03.02.2009 um 19:08 | Permanenter Link

    Ja, ALLES kann man sicher nicht richtig machen, aber solche Fußabdrücke tragen schon dazu bei, das (Kauf)Verhalten da zu optimieren wo es Sinn macht. Wenn ich 3 Kilometer mit dem Auto in den Supermarkt fahre um dann Salzstangen der Marke B zu kaufen, die einen um 5 Gramm günstigere CO2-Bilanz aufweisen als die der Firma A, dann ist das Kokulores.

  10. Froni
    Veröffentlicht am 15.04.2009 um 10:34 | Permanenter Link

    Hier reicht es tatsächlich nicht aus, sich lediglich für eine Kaffeemaschine zu entscheiden, die weniger CO2 ausstößt. Wie schon angegeben, sollte man bei sich selbst anfangen und da kommt so manches zusammen, was man ändern könnte.

  11. Veröffentlicht am 20.04.2009 um 19:23 | Permanenter Link

    Gut erklärt hier die CO2 Problematik an einem verständlichen Beispiel . Es ist schon interessant welche Gedankengänge man haben muss, will man wirklich ökonomisch einkaufen . Hier geht es um CO2 , doch bei genauerem hinsehen erkennt man das viele Transportwege unnütz sind und CO2 Ausstöße auf Grund billiger Produktion gerne in kauf genommen werden. Aber so läufts leider ohne CO2 Steuer .

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