Leben in Kanada und Kaffee verkaufen in Deutschland. Letzter Teil: DIE WELT ISCH VERRUCKT WORE!

Wie in meinem vorausgegangenen Beitrag dieser Serie angedeutet, ist mir erst beim Schreiben der einzelnen Beiträge die Bedeutung und Tragweite dessen, was ich tue, so richtig klar geworden. Aus der Not heraus, dem Verlust meiner ersten Frau, bin ich zu einer Struktur und Arbeitsweise gezwungen worden, die inzwischen an Modernität (oder „Verrücktheit“?) nicht zu überbieten ist: Outsourcing total!

Outsourcing
Outsourcing ist nicht Neues, es war bisher aber eher auf große und mittelständische Unternehmen des produzierenden Gewerbes oder großer Dienstleister wie der Telekommunikationsbranche beschränkt. Ausgelagert wurde/wird je nach Notwendigkeit oder Möglichkeit eine kleinere oder größere Zahl an Teilbereichen.

Inzwischen hat aber nicht nur die Dienstleistungsbranche verstärkt nachgezogen, es haben generell auch kleine und Kleinstunternehmen damit begonnen nicht nur Teilbereich, sondern nahezu alle Tätigkeiten auszulagern. Diese Unternehmen kooperieren nicht mit Callcentern oder anderen Unternehmen – weil sie es sich in der Regel gar nicht leisten können -, sondern mit anderen Klein- oder Kleinstunternehmen, häufig Selbständigen in Form von Personengesellschaften, die teilweise als klassische Freelancer agieren. Entscheiden dabei ist, dass die Zusammenarbeit weitgehend oder gänzlich im virtuellen Raum stattfindet und sich die Kooperationspartner oft gar nicht in persona kennen.

Wie geht man beim Outsourcing vor?
Nun, zunächst muss man genau wissen, welche Tätigkeiten man auslagern kann oder sollte. Die Basis-Frage ist immer: wie kann ich effektiv und effizient arbeiten, ohne alles selbst machen zu müssen oder hohe Personalkosten zu haben? Je nach Tätigkeit /Gewerbe und eigenem Vermögen kann oder muss man mehr oder weniger Bereiche auslagern.

In meinem eigenen Falle habe ich so viel als nur irgend möglich ausgelagert. Ich habe nach eingehender Analyse festgestellt, dass es tatsächlich nur wenige Bereiche gibt, die nicht an andere zu delegieren wären. Zu diesen wenigen Bereichen gehört z.B. alles, was direkt im Zusammenhang mit Rohkaffee steht; so ich kann und vor allem will ich die Entscheidung, welche Kaffees in welcher Qualität u.v.m. ich kaufen und anbieten möchte, nicht anderen überlassen; es ist die Basis, auf der alle anderen Handlungen aufbauen.
Alles jedoch, was ich selbst nicht beherrsche oder zu viel Zeit in Anspruch nehmen würde wie die Programmierung, das Layout etc., habe ich ausgelagert. Entscheidend ist, dass ich derjenige bin, der die Richtung, wo hin ich gehen will, vorgibt, dass ich die Fäden in den Händen halte und die einzelnen Teile so dirigiere, dass ein funktionierendes Ganzes entsteht. Die Voraussetzung hierfür ist, dass man loslassen kann, delegieren kann, mit jedem Einzelnen offen kommuniziert und ihm vertraut. Mit allen 4 genannten Aspekten habe ich kein Problem.

Wie finde ich "externe Kollaborateure"?
Ein schönes Beispiel hierfür gibt Tim Ferriss – auf den mich Burkard Schneider vom best-practice-business-Blog dankenswerter Weise aufmerksam gemacht hat – auf seiner Website ("Mom-and-Pop Multinationals"). Dort findet sich auch eine Auflistung von spezialisierten, in den USA angesiedelten Vermittlungsagenturen wie Eliance, DoMyStuff oder Guru.com, die Anbieter verschiedenster Tätigkeit aus aller Welt in Datenbanken verwalten. Brauche ich jemanden, der mir ein Layout entwirft, eine Datenbank einrichtet oder Texte schreibt, so lässt sich über solche Agenturen leicht ein adäquater Freelancer in Österreich, Boston oder Bombay finden. Die Honorare sind festgeschrieben, der Kontakt leicht hergestellt; so funktioniert modernes, ortsunabhängiges Arbeiten. Nicht mehr der Ort, an dem sich Menschen zum Arbeit zusammenfinden zählt, es zählt nur noch die (Qualität der) Arbeit! Die modernen Kommunikationsmittel machen es möglich.

Ich selbst bin einen anderen, ebenfalls häufig zu findenden Weg gegangen: Über persönliche Beziehungen und Empfehlungen. Es hat sich situationsbedingt einfach so ergeben.

Eine spezielle Gefahr besteht allerdings bei einer Arbeitsbeziehung mit Bekannten, guten Freunden, Verwandten etc., Menschen also, zu denen man eine mehr oder weniger intensive persönliche Beziehung pflegt jedoch immer: Da in der Arbeitswelt andere Gesetze herrschen als in der Freundschaft, kann es sehr schnell zu einer „zwischenmenschlichen Schieflage mit heftigen Trennungsschmerzen“ kommen. Eine private Distanz zu Personen, mit denen man virtuell zusammenarbeitet, und die man noch nie gesehen hat, kann da schon Ihre Vorzüge haben! Ich selbst muss sagen, dass ich, im Gegensatz zu einigen Fällen in meinem Bekanntenkreis, sehr viel Glück mit den Leuten um mich herum gehabt habe und weiterhin habe.

Die Arbeitsverhältnisse bei Maskal
Außer Andrea, die für den Versand, die Buchhaltung und allgemeine Bürotätigkeiten zuständig ist, arbeiten alle anderen selbständig und auf Rechnung. Mit Andreas (Programmierung) habe ich einen Wartungsvertrag mit festgelegtem monatlichen Honorar, mit Ute (SEO) einen zeitlich begrenzten Werksvertrag, ebenfalls mit fixem Honorar, der nach Bedarf verlängert werden kann, die Rösterei stellt leistungsspezifisch Rechnungen aus etc. Die einzelnen, sehr unterschiedlichen Verhältnisse sind den jeweiligen Gegebenheiten angepasst. Dies setzt einerseits eine große Flexibilität meinerseits voraus,  erzeugt sie aber andererseits zur gleichen Zeit.

Vor- und Nachteile des Outsourcings
Einer der großen Vorteile des Outsourcings liegt darin, dass Personalkosten einspart werden. Ein Kleinstunternehmen kann kostengünstiger arbeit und erhöht somit seine Konkurrenzfähigkeit. Bezahlt wird in der Regel tätigkeits- oder auftragsbezogen.

Auch die betrieblichen Kosten für Räumlichkeiten, Overhead, Personalschulungen etc. entfallen; sie sind zwar in den Honoraren der extern Beauftragten eingerechnet, müssen aber nicht dauerhaft, sondern nur umgelegt für die Zeit des Auftrag entrichtet werden.

Nicht außer Acht gelassen werden darf auch der Umstand, dass im Falle von fachlichen oder zwischenmenschlichen Konflikten eine Trennung deutlich unkomplizierter ist als bei fest angestelltem Personal.

Ein entscheidender Nachteil dagegen kann (muss aber nicht) sein, dass dem Externen, wie ich es leider auch schon erlebt habe, die Fähigkeit fehlt, sich nicht auf die spezifischen Eigenheiten des Aufraggebers einzulassen; das führt  zu geringer Effektivität und es kann zu „Reibungsverlusten“ kommen. Das ist bei der virtuellen Zusammenarbeit nicht anders als bei der „terrestrischen“. Deshalb empfiehlt es sich, zu Beginn zeitlich eng begrenzte Verträge abzuschließen. Läuft die Zusammenarbeit gut, wird man sowieso gerne auf die gleichen Personen wieder zurückgreifen.

Schluss
Meine Arbeit wäre in der Form, wie ich sie leiste und im Laufe der beiden vergangenen Wochen geschildert habe, vor etwas mehr als einer Dekade undenkbar gewesen. Insgesamt muss ich festhalten, dass sich, gleichgültig, ob ich mit mir bekannten oder unbekannten Leuten im Cyberspace arbeite, die (Arbeits-)Welt sich in den vergangenen knapp 15 Jahren dramatisch verändert hat. Sie hat sich so dramatisch verändert, dass ich manchmal beinahe vergesse, dass noch Anfang der 70er Jahren meine Mutter erschrocken davonlief, wenn bei uns zu Hause das Telefon klingelte, oder meine ehemalige Vermieterin, Bäuerin Schwaab, Anfang der 90er Jahre in Bezug auf das Faxgerät ausdrücklich von „Hexerei“ sprach. Meine Mutter ist leider verstorben, Bäuerin Schwaab aber hat letztens, als sie mich aus Sexau bei Freiburg anrief und über Skype-In bei mir im Rechner in Ottawa wieder raus kam nur noch „sprachlos“ gesagt: „Die Welt isch verruckt wore!“ In diesem Sinne …

Hans-Jürgen Langenbahn, Ottawa, 17.09.2008

Maskal – fine coffee company 

 

2 Kommentare

  1. Veröffentlicht am 18.09.2008 um 19:59 | Permanenter Link

    Lieber Hans,
    ich bin über best-practice-business-Blog auf deinen Blog gekommen und habe in den letzten 2 Tagen deine Berichte ausführlich gelesen. Dein Blog spricht mich in dem Sinne an, dass ich Espresso über alles liebe, ich Kanada liebe (es aber zu einer Auswanderung nach Nova Scotia bisher noch nicht gereicht hat ;-) ) und einen Onlineshop habe und hier noch viele Tipps und Hinweise mir anlesen muss.

    Die Idee mit dem Gewinnrätsel finde ich gut und dein Outsourcingbericht überzeugt. Auch ich stehe auf dem Standpunkt, dass was man nicht gut kann, sollte in professionelle Hände gegeben werden. Leider habe ich die Erfahrung gemacht, dass es sehr schwierig ist, gute, bezahlbare und verläßliche Dienstleister zu finden.
    Vielleicht hast du mal Zeit über skype zu sprechen?
    Viele Grüße in mein Traumland!
    Jana

  2. Veröffentlicht am 18.09.2008 um 23:35 | Permanenter Link

    Liebe Jana,

    zunächst muss ich sagen: Ich liebe Deinen Blog! Als junger Vater (Achtung: “Jung” bezieht sich auf das Alter unserer Tochter! Auf mich passt eher [das] “Alter”!:) hat man zu vielen Dingen plötzlich eine ganz andere Beziehung. Und über viele dieser Dinge schreibst Du! Super!

    Skypen? Klar! (Fast) jederzeit. Da ich nachmittags mit unserer Tochter durch die Gegend ziehe, erreichst Du mich immer vormittags von 8:00 – 12:00 Uhr, d.h. von 14:00 – 18:00 Uhr deutscher Zeit. Wähle einfach die auf der Website (www.maskal.de) im Impressum angegebene Büro-Nummer für nachmittags (ohne Auslandsvorwahl; Skype-In-Nummer).

    Ich freue mich auf Deinen Anruf!

    Bis dahin alles Gute und viele Grüße aus Ottawa,

    Hans