Leben in Kanada und Kaffee verkaufen in Deutschland. Heute: Warum ich mein Geschäft weiterhin in Deutschland betreibe.

Seit ich nach Kanada umgezogen bin werde ich mindestens ein Mal am Tag gefragt, warum ich meinen Kaffee und Espresso nicht in Kanada verkaufe, wo ich ja schließlich lebe, sondern weiterhin in Deutschland. Nun, warum ich das so mache hat gleich mehrere Gründe.

1.) Konsumverhalten
Um ein Produkt oder eine Dienstleistung zu verkaufen, sollte man die Mentalität und das Konsumverhalten der Gesellschaft, in der man das Produkt verkaufen möchte, sehr genau kennen; ansonsten ist die Gefahr einer Bruchlandung ausgesprochen groß. Und beides kenne ich in Deutschland wesentlich besser als hier in Kanada.

2.) Formalitäten
Ich hätte die ganzen Anmeldungen und Formalitäten, die eine Selbständigkeit mit sich bringt, noch ein Mal machen, quasi wieder von Null anfangen müssen. Das kostet mich viel zu viel Zeit, die ich für das bestehende Geschäft viel effektiver und effizienter nutzen kann.

3.) Neuaufbau
Einen Versandhandel neu aufzubauen hätte meine gesamte Zeit und Energie in Anspruch genommen, ich hätte Personal für den Versand suchen müssen, einen Lagerraum, evtl. ein Büro, hätte die Website komplett übersetzten oder in inhaltlich gekürzter Form neu erstellen müssen, hätte einen neuen (guten!) Steuerberater gebraucht, ein neues Verwaltungssystem und jemand, der damit umgehen kann, einen zuverlässigen Paketdienst, einen Kartonagenlieferanten, einen Layouter, eine Druckerei, einen Tütenhersteller, einen Röster etc. etc. … ich glaube, die kurze, noch lange nicht vollständige Aufzählung ist selbstredend. Hier neu anzufangen wäre nur möglich gewesen, wenn ich das Geschäft in Deutschland aufgegeben hätte. Die Wahrscheinlichkeit aber, das in Deutschland Begonnene erfolgreich weiter zu führen schien mir deutlich größer zu sein als hier mit etwas Neuem schnell Fuß fassen zu können.

4.) Teilzeitarbeit
Hinzu kam die Geburt unserer Tochter im Januar diesen Jahres. Auch hier trafen meine Frau und ich von vorne herein eine klare Entscheidung; Sie wollte gerne 6 -7 Monate nach der Geburt wieder Vollzeit arbeiten – was seit Anfang August konkret der Fall ist. Für unsere (unglaublich süße) Tochter haben wir wie geplant eine (aus Mexiko stammende) Vormittagsbetreuung, die zu uns ins Haus kommt, nachmittags bin ich mit ihr zusammen (PS: in diesem Zusammenhang mag ich das Wort "Betreuung" nicht).
Ich arbeite also nicht nur "über den Teich" mit an vielen Orten verstreuten Leuten, sondern derzeit außerdem nur halbtags! Dass dies für einen Selbständigen, der sich gerade in einem anderen Land niedergelassen und eigentlich reichlich zu tun hat, nicht gerade das Einfachste und Alltäglichste ist, dürfte auf der Hand liegen. Ich muss mich und meinen Arbeitsalltag komplett neu organisieren, die Schwerpunkte anders setzen und deutlich mehr delegieren als zuvor – ein Prozess, in dem ich gerade stecke.

5.) Kundenstamm
Ich müsste mir in Kanada einen Kundenstamm neu aufbauen, also auch hier völlig bei Null anfangen. Und das ist wörtlich zu nehmen: Bei null Kunden! In Deutschland haben wir dagegen einen sehr schönen und treuen Kundenstamm. Warum den aufgeben?

6.) Röstung
In Kanada werden insbesondere die Spezialitätenkaffees bevorzugt dunkler geröstet als in Deutschland (was ich in den Extremformen „Geschmackskiller-Röstung“ nenne). Nur ein Beispiel: Gerade gestern war ich bei „Second Cup“, einer der großen Coffee Shop-Ketten im Lande. Ich habe mich für einen „Paradiso“ (einer Mischung, in der ich viel Kenia vermute) mit leichter Röstung entschieden. Der Kaffee wies noch eine sehr angenehme Säure auf, war aber für mein Geschmacksempfinden doch schon einen deutlichen Tick zu bitter, als dass echte Freude bei mir aufgekommen wäre. Und das war, ich betone es noch ein Mal, eine „leichte Röstung“! Aber hier steht man auf so was, und natürlich auch auf noch stärker geröstete Kaffees! Ich müsste also mein gesamtes Geschmackskonzept, von dem ich überzeugt bin und an dem ich entschieden hänge aufgeben, wollte ich meine Kaffee und Espressi hier an den Mann oder die Frau bringen. Und dazu bin ich mich (noch) nicht durchringen.

Schluss und Ausblick
Ich denke, die aufgezählten Gründe sollten ausreichend die Frage beantwortet haben, warum ich mein Geschäft weiterhin in Deutschland betreibe und nicht in Kanada neu angefangen habe.

In der nächsten Folge werde ich den meinem Geschäftsmodell unterliegenden zentralen Aspekt, die dezentrale Struktur, erneut aufgreifen und vertiefend beleuchten. Ich halte das für notwendig, weil mir beim Schreiben der einzelnen Folgen zu „Leben in Kanada und Kaffee verkaufen in Deutschland“ die Bedeutung und Tragweite dessen, was ich mache, erst richtig klar geworden ist. Das von mir praktizierte Modell ist genau genommen eine Extremform des Outsourcings, einer Form, deren Zukunft gerade erst begonnen hat. 

Maskal – fine coffee company  

 

2 Kommentare

  1. Romina Ellen
    Veröffentlicht am 01.07.2012 um 15:56 | Permanenter Link

    Was ist aber mit den Steuern? Sicher verdienen Sie auch noch etwas in Kanada…… und in deutschland haben sie ein Geschäft.
    Wie funktioniert die Versteuerung? Wird da dann das Welteinkommen versteuert? Ich frage deshalb, weil ich auch vorhabe ein Geschäft in Deutschland zu betreiben das halbe Jahr bin ich dann in D und in Kanada lebe ich die nächsten sechs Monate u. habe auch ein Einkommen in K.
    Danke für eine Info

  2. Veröffentlicht am 02.07.2012 um 15:25 | Permanenter Link

    Vielen Dank für Ihre Frage! Siehe meine e-Mail an Sie.

    Viele Grüße,

    Hans

Ein Trackback

  1. [...] in meinem vorausgegangenen Beitrag dieser Serie angedeutet, ist mir erst beim Schreiben der einzelnen Beiträge die Bedeutung und [...]

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