Leben in Kanada und Kaffee verkaufen in Deutschland. Heute: WARUM es funktioniert.

Nachdem ich in der ersten Folgen beschrieben habe, wie alles anfing, wie die Maskal – fine coffee company und der Online-Kaffee-Versand strukturiert sind und wie alles funktioniert, möchte ich heute erklären, warum, also unter welchen Voraussetzungen die Arbeit „über den Teich“ in einer dezentralen Struktur funktioniert.

Das Wichtigste, um es gleich auf den Punkt zu bringen, ist es gute, zuverlässige und selbständig handelnde Leute und Kooperationspartner um sich zu haben und sich gegenseitig gut zu kennen; ohne das kann man alles vergessen. Wie das bei uns im Einzelnen aussieht, möchte ich beispielhaft an vier Tätigkeitsbereichen erläutern.

Der Rohkaffee

Beginnen möchte ich mit mir und meinen Importeuren. In den ersten Jahren bin ich viel gereist, vor allem nach Äthiopien, wo ich meine Verkostungstrainings absolviert und viel über den äthiopischen Kaffee gelernt habe. Das hat mich im Laufe der Zeit in die Lage versetzt, die Qualität der Kaffees ziemlich gut beurteilen zu können. Da ich „recht umtriebig“ war, bin ich immer wieder auf die tollsten, oft wenig oder gar noch unbekannte Kaffees gestoßen.

Wollte ich einen dieser Kaffee kaufen, so suchte ich in Deutschland nach einem Importeur, der ihn mir besorgte. Bei kleinen Mengen, die einen Misch-Container erfordern, ist das für den Importeur immer eine recht aufwendige Angelegenheit, weshalb die Suche nach einem „Helfershelfer“ bisweilen auch eine aufwendige Angelegenheit sein kann. Aber irgendwann klappt es dann doch immer.

Bei Gollücke &Rothfos in Bremen hat sich dagegen ein anderes Modell ergeben: Das von mir vorgelegte Yirgacheffe-Muster von „Mullege“, einem bekannten äthiopischen Exporteur mit einigen eigenen Waschanlagen, hat den Einkäufer so überzeugt, dass er nun schon seit vielen Jahren jeweils einen Container dieses Yirgacheffe kauft. Ich selbst decke zum handelsüblichen Preis meinen Bedarf, der Rest steht dem freien Verkauf zur Verfügung. Wer keinen ganzen Container verbraucht, ist auf solche Lösungen angewiesen.

Heute beziehe ich den Löwenanteil meiner Kaffees über „Trabocca“, einem holländischen Unternehmen mit Sitz in Amsterdam. Zu „Trabocca“ bin ich durch George Howell, einem Urgestein und Ahnherrn der Spezialitätenkaffees in den USA gekommen, der inzwischen in der Nähe von Bosten eine eigene kleine, aber hoch-exklusive Rösterei besitzt. Bei „Trabocca“ finde ich die besten und ausgefallendsten äthiopischen Kaffees, die man sich nur vorstellen kann. „Trabocca“ kauft aber nicht nur Kaffee in Äthiopien und anderen Länder, sondern hat ein eigenes Verkostungslabor in Addis Abeba und seit Kurzem in Sana´a. Gleichzeitig investiert das Unternehmen sehr viel in die Qualitätsverbesserungen bei den Produzenten.
Den Laborleiter in Addis Abeba kenne ich übrigens sehr gut; es ist Ato Abraham, der ehemalige Leiter des staatlichen Verkostungszentrums, unter dessen „Fittichen“ ich einst die erwähnten Verkostungstrainings gemacht habe (auf dem Foto des Links vorne rechts).

Entscheidend ist, dass ich die „Trabocca“-Leute, Ihre Vision und Ihre Qualitätskriterien gut kenne. Auf die mir zugeschickten Kaffee-Beschreibungen und Verkostungsergebnisse kann ich mich 100% verlassen; und dort weiß man andererseits, welche Vorstellungen und Ansprüche an die Kaffees ich habe. Nur auf dieser Grundlage, auf der Grundlage des inzwischen „blinden Vertrauens“ ist eine Zusammenarbeit, wie wir sie praktizieren, möglich.

Vom Rohkaffee zum Röstkaffee

Da ich die ersten Jahre viel unterwegs war kam das eigene Rösten nie in Frage. Zuerst ließ ich deshalb meine Kaffees in Hamburg rösten. Der Service war top, die von mir nach einer gewissen Zeit gewünschten längeren Röstzeiten waren aus technischen Gründen dort aber nicht möglich. Daraufhin bin zu einer kleineren Rösterei im Schwarzwald gewechselt. Dort war ich sowohl mit dem Service als auch mit den Röstzeiten äußerst zufrieden. Aber nach einigen Jahren wuchs der Umfang meiner Kaffees beständig an, so dass das Lager zu klein wurde. Also wieder hieß es wechseln.

Ich entschied mich für die Rösterei von Rainer Braun in Mainaschaff. Rainer war 2004 Teilnehmer unserer Kaffee-Studienreise nach Äthiopien und wir pflegten im Anschluss daran weiterhin einen durchaus engen Kontakt. Als ich 2007 vom CoCE-Forschungsprojekt der Uni Bonn angefragt wurde, an einer Verkostung und Bewertung von äthiopischen Wildkaffees in Addis Abeba teilzunehmen, schlug ich als zweiten deutschen Verkoster Rainer Braun vor.

Ich wusste zu diesem Zeitpunkt bereits, dass ich nach Kanada umziehen werde und brauchte deshalb unbedingt einen zuverlässigen Röster, auf dessen Urteile ich mich verlassen kann. Die wichtigste Voraussetzung dafür ist, dass ich seinen Geschmack und sein Urteilsvermögen genauestens kenne und er vice versa meine Anforderungen. Und bei einer einwöchigen, sehr intensiven gemeinsamen Verkostung hat man ausreichend Gelegenheit dafür. Ich muss allerdings noch anmerken, dass ich Rainer, auch wenn ich nicht umgezogen wäre, ebenfalls vorgeschlagen hätte – um hier jedem Missverständnis gleich vorzubeugen!

Nachdem ich schließlich zu ihm gewechselt bin, was auf Grund der ganz anderen Größenordnung der Rösterei als zuvor im Schwarzwald für uns eine erhebliche logistische Veränderung bedeutet hat, gehen alle Kaffeemuster von „Trabocca“ direkt zu Rainer. Er macht die Musterröstungen, verkostet sie und teilt mir das Ergebnis mit. Da ich nun genau weiß, wie er einen Kaffee bewertet, und er genau weiß, was ich gerne haben möchte, verlasse ich mich auch bei ihm 100 % auf sein Urteil. Empfiehlt er mir einen Kaffee – kaufe ich, rät er mir davon ab – lasse ich die Finger davon. Das gilt auch für die Bewertung, ob sich ein Rohkaffee besser als Kaffee oder als Espresso eignet.
Auf der anderen Seite habe ich ihm von Kanada aus, wo ich mich mit einem Röster aus Montreal öfters zum Proberösten treffe, schon Kaffees empfohlen, die er ohne eigens ein Muster anzufordern gekauft hat; auch so herum herrscht „blindes Vertrauen.

Versand und Buchhaltung

Noch besser als die Leute von „Trabocca“ und Rainer kenne ich Andrea. Sie ist  für Versand und Buchhaltung zuständig. Mit Ihr habe ich vor Urzeiten viele Jahre in einem eigenen 2er-Büro eines großen Unternehmens gearbeitet. Wir waren eine „Sondereinheit“ für Abwicklung diverser EU-Projekte, und wir waren ein perfekt eingespieltes Team, bei dem jeder haargenau wusste, was der andere kann. Es war einer dieser glücklichen Umstände, dass sich unsere (äußerst unterschiedlichen!) Fähigkeiten optimal ergänzten. Als ich dann 2005 jemand brauchte, und sie gerade kurze Zeit zuvor „freigesetzt“ wurde, war ich überaus froh, dass sie mein Angebot annahm.

Andrea wickelt viele Dinge völlig selbständig ab. Sie kommuniziert mit Kunden, Lieferanten und wenn es notwendig ist, auch mit dem Steuerberater oder dem Finanzamt. Das ist für mich eine tolle Sache, Kontrollen sind nicht notwendig! Solche Mitarbeiter/innen wünscht man sich! Wir telefonieren 3 – 4 Mal die Woche miteinander, um all die vielen Details, die in der Alltagsarbeit anfallen, zu besprechen und gleich erledigen zu können. Aber auch strategische Fragen oder größere Entscheidungen diskutiere ich mit Ihr.

Website, Shop und Blog,

Andreas kenne ich schon seit Studienzeiten, also auch schon seit Urzeiten. Ein absolut fähiger Programmierer, der die letzten 25 oder 30 Jahre nichts anderes gemacht hat.

Von Anbeginn erledigt er alle „Hintergrundarbeit“ bezüglich Website, Shop und jetzt auch Blog. Wir arbeiten ausschließlich über Internet und Telefon/Skype. Da wir dies auch schon machten, als ich noch im schwäbischen Irslingen und er zunächst in Regensburg, danach in Halle wohnte, machte es sich überhaupt nicht bemerkbar, das ich meinen Wohnsitz verlegte. Der Unterschied, ob ich über 100 km, 500 km oder 5000 km telefoniere, chatte oder e-Mails verschicke ist definitiv null! Gesehen haben wir uns übrigens das letzte Mal vor vielleicht 10 Jahren. Dennoch arbeiten ganz eng und kontinuierlich zusammen.

Andreas macht aber nicht nur alles, was die Programmierung betrifft, er macht es vielfach einfach von sich aus! Mit „Archäologie-online“, der größten deutschen archäologischen Site, pflegt er selbst eine Website und weiß genau, worauf es ankommt. In puncto Web-Strategie, Kundenakquise etc. ist er ein unerlässlicher  Diskussionspartner. Auch mit ihm diskutiere ich zentrale strategische Fragen. Wie bei allen anderen erwähnten Personen ist auch bei ihm das gute Kennen der Fähigkeiten des jeweils anderen und das blinde Vertrauen die Basis der Zusammenarbeit!

Zusammenfassung

Ich denke, an den ausgewählten Beispielen lässt sich erkennen, unter welchen Voraussetzungen man in Kanada leben und in Deutschland Kaffee verkaufen kann. Das Entscheidende, und ich hoffe, ich konnte das nachvollziehbar darstellen, ist, mit guten, zuverlässigen, selbständig handelnden Leuten zu arbeiten. Von gleicher Bedeutung ist es, wechselseitig die Fähigkeiten des jeweils anderen einschätzen zu können. Falsche Erwartungen und eine Überforderung des anderen lassen sich so vermeiden. Würde ich mit Leuten zusammenarbeiten, denen ich ständig alles „vorkauen“ oder hinterher laufen müsste, ich glaube, ich könnte in kürzester Zeit den Schlüssel umdrehen.

Es gibt noch so vieles zu berichten. Aber vielleicht hat jemand, bevor ich in den nächsten Tagen weiter mache, zuvor noch Fragen. Einfach die Kommentar-Funktion dafür nutzen.

Maskal – fine coffee company

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