Kaffee Mogelpackung : Brauchen wir ein Reinheitsgebot?

Liebe Freunde des so genannten “Industriekaffees” – heute müsst ihr ganz tapfer sein. Wenn ihr beim nächsten Besuch im Supermarkt wieder ins Kaffee-Regal greifen wollt und einen der handlichen “Aluminium-Ziegelsteine” mit wohlklingenden Namen und günstigen Preisen erwerben wollt… Obacht! Denn nicht immer ist in den Packungen auch 100% Kaffee drin. Ein paar namhafte Hersteller verkaufen seit einiger Zeit Mischungen, die nur noch zu rund 90% aus Röstkaffee bestehen, der Rest ist Maltodextrin (eine Zuckerart zur Nahrungsergänzung) und Karamell. Zucker im Kaffee? Toll, dann spart man das Nachsüßen – denkt sich der Zyniker :-)

Der “Melange-Skandal” ist aber auch ein Lehrstück für die Medien. Denn wirklich neu ist das Problem nicht. Bereits im März 2010 entdeckten die ersten aufmerksamen Zeitgenossen, dass Kaffee gestreckt wird (z. B. der Shopblogger in seinem Artikel: “Die Kaffee-Verarschung“). Kurz darauf griffen Focus, Bild und andere das Thema auf – kurze Empörung in den Kommentarspalten inklusive. Nun aber berichtete am 18. Oktober auch der NDR in seiner Sendung “Markt” über die Misch-Kaffees. Und schon kocht die Empörung bildlich gesprochen wieder hoch. Unglaublich! Abzocke! Kaffee Mogelpackung! rufen viele wieder.

Dabei ist das Grundthema schon etwas älter – denn bereits 2007 wurden zwei Kaffee-Anbieter von der Hamburger Verbraucherzentral wegen der Beimischung von Zusatzstoffen abgemahnt – und 2009 einigte man sich in einem gerichtlichen Vergleich vor dem Oberlandesgericht Hamburg darüber, dass in Zukunft auf den Packungen “Röstkaffee mit Karamell“ erscheint. Denn die Wettbewerbszentrale hatte es als irreführend angesehen, dass auf den betreffenden handelsüblichen Kaffeepackungen für die jeweiligen Sorten kein Hinweis darauf erfolgte, dass es sich tatsächlich nicht um 100 % Kaffee handelte.

Die zwei Hersteller, die heuer angeprangert werden, agieren da schon etwas cleverer. So hat der eine Hersteller seine Marke von “Naturmild” in “Mild” umbenannt und schreibt auf die Packung: “Harmonische Melange aus Röstkaffee, Maltodextrin und Karamell“. Vom gleichen Hersteller gibt es auch die Sorte “klassisch” – aber von wegen, ebenfalls gestreckt! Der andere Anbieter von Röstkaffee bietet unter der Bezeichnung “No. 1″ 100% Kaffee an, unter dem Label “Mild und Elegant” aber nur 89% Röstkaffee. Der Rest: genau, Maltodextrin und Karamell. Die Preise sind aber identisch mit den 100% Kaffeeprodukten. Also eine versteckte Preiserhöhung? Etwa eine Kaffee-Mogelpackung?

Nein, antworten die Hersteller, es seien ja weiter 500g Packungen und:  “der starke Rohstoffpreisanstieg der letzten Jahre sowie gestiegene Produktionskosten haben die Rezepturänderung [...] notwendig gemacht, um die Abgabepreise an den Handel möglichst stabil zu halten.” Ok, könnte man noch akzeptieren – weil der Verbraucher keine Lust hat mehr zu bezahlen, bekommt er halt weniger (Kaffee) zum gleichen Preis. Fast schon frech ist aber der Kommentar des zweiten Herstellers: “Der Zusatz dieser Stoffe erfolgt, um die für die Kaffees typischen und von den Kunden gewünschten Geschmacksprofile zu erzielen.

Aha! Das bedeutet also, der (wahrscheinlich zu heiß) geröstete Kaffee schmeckte den Kunden wohl zu bitter – und statt schonender zu rösten oder höherwertige Rohstoffe zu nehmen wird Zucker und Karamell reingemischt, damit es besser schmeckt. Jeder Kaffeeliebhaber sollte an dieser Stelle schreiend aus dem Supermarkt laufen und in der nächsten kleinen Kaffeerösterei seines Vertrauens Zuflucht suchen :-)

Richtig mies ist aber unserer Meinung nach, dass die Kaffee-Strecker den Begriff “Melange” verwenden. Zwar ist dies absolut (wort)richtig, jedoch wird mit Melange eigentlich etwas anderes verbunden, als eine Röstkaffee-Mischung. Wikipedia schreibt: “Der Begriff Melange kommt aus dem Französischen und bedeutet im allgemeinen so viel wie Mischung oder Gemisch. Das Wort steht aber auch als Synonym für eine Vermischung, Verschmelzung, Kreuzung, Mixtur etc. verschiedenartiger Dinge oder Stilarten. Üblicherweise wird der Begriff jedoch im deutschen Sprachraum, hauptsächlich in der Gastronomie, für diverse Kaffeespezialitäten verwendet.”

Bei diesen Produkten handelt es sich jedoch defintiv nicht um Kaffeespezialitäten! Wenn man sich ins Gedächtnis ruft, dass Jedes Kilo Kaffee mit 2,19 € Röststeuer belegt wird, dann macht es schon einen Unterschied für die Hersteller, ob man 500g Kaffee oder nur 440g Kaffee in der Tüte hat. Richtig ist, dass die Rohstoffpreise für Kaffee in den letzten Monaten angezogen haben – das ist natürlich schade für die Konsumenten, aber so bleibt so auch mehr bei den Produzenten in der Kasse. Doch leider sind die Verbraucher wohl überwiegend nicht bereit, mehr für die Tasse Kaffee zu zahlen. Und so greifen dann die Kaffeeproduzenten zu solchen Tricks, um die gestiegenen Kosten doch an den Kunden weiterzureichen. Und die schmecken das auch – denn der NDR machte in seinem Markt-Bericht auch Blindverkostungen mit den Mischungen.  Wurde die Kaffee Mogelpackung erkannt? Im Beitrag heißt es: “Tatsächlich: Bei der Blindverkostung können die Teilnehmerinnen die zwei Kaffee-Mischungen deutlich herausschmecken. ‘Wir haben gesehen, dass fast jeder einen anderen Lieblingskaffee hatte, aber dass alle die beiden Kaffees mit Maltodextrin herausschmecken konnten.’

Fazit: Es ist schon etwas gemein, dass sich hinter manchem schönen Etikett so eine verfälschte Mischung verbirgt. Gerade Kaffeeliebhaber sollten auf die echte unverpanschte Bohne bestehen. Schade dass beim Röstkaffee nicht dasselbe git wie beim Bier – ein Reinheitsgebot.  Da es das nicht gibt, hilft nur folgender Rat: Wer solche “Melange” nicht in seiner Tasse haben möchte, sollte in Zukunft genau(er) auf das Etikett schauen – und sich vielleicht sogar zur Abwechslung an der Qualität der Kaffeebohnen orientieren – und nicht nur am Preis!

11 Kommentare

  1. Veröffentlicht am 23.10.2010 um 16:02 | Permanenter Link

    inzwischen ist die verpackungsrichtlinie ja abgeschafft, da könnten die doch auch einfach mogeln, indem sie nur 440g echten kaffee in die packung machen… wär mir immer noch lieber als der billig-mix.

  2. Veröffentlicht am 23.10.2010 um 20:09 | Permanenter Link

    Zu ergänzen wäe vielleicht noch, dass Maltodextrin auch als Schaum- oder Crèma-Stabilisator eingesetzt wird. Und in der Tat ist der Karamell-Geschmack in vielen Mischungen mehr als deutlich wahrzunehmen. Da der Verbraucher schon im Baby-Speckmantel mit der Baby-Brei-Mischung auf süß getrimmt wird, ist das irgendwie nur konsequent. Frei nach dem Motto: “Gib dem Affen Zucker!”

  3. Thorsten1958
    Veröffentlicht am 25.10.2010 um 08:23 | Permanenter Link

    Sicherlich ist es wichtig, dass man als Verbraucher erkennt was man kauft. Keine Frage, es soll eine bewusste Entscheidung sein, sonst fühlt man sich ungut.

    Aber wer erwartet kein Massenprodukt für 2,50 – 3,50 EUR pro 500g, die schon 1,15 EUR Steuer beinhalten?

    Ich erinnerne mich an die 80er Jahre, wo 500g Kaffee auch in der Werbung 12,49 DM also rund 6,80 EUR gekostet haben.
    Die ist 30 Jahre her. Berücksichtigt man Inflation, Energiekosten und allgemeine Lohnentwicklung, ist Kaffee heute viel, eigentlich sehr viel zu billig.

  4. Veröffentlicht am 25.10.2010 um 11:12 | Permanenter Link

    Da muss ich als Freund von gutem Bier und gutem Kaffee ja mal Einspruch erheben…

    Beim bekannten “Reinheitsgebot” des Bieres verhält es sich ja leider heutzutag vor allem um einen Trick der Deustchen Getränkeindustrie welche es als Label benutzt um sich vor Konkurrenz zu schützen. In Deutschland sind beim Bier viele hundert Zusatzstoffe erlaubt…..darunter wirklich eklige Sachen. Sehr viele Pestizide (wie z.B. Triphenylzinn), Schwefel, Polyvinylpolypyrrolidon (PVPP) oder Kieselsäurepräparate, chemischen Lösungsmitteln wie Methylenchloprid und Hexan, Bestrahlung mit radioaktiven Stoffen wie Americium 241, was ein Abfallprodukt aus der Wiederaufarbeitung von Kernbrennstäben ist….
    Dazu kommen noch ca. 850 sogenannte Hilfsstoffe, welche angeblich wieder herausgefiltert werden.

    Das freue ich mich doch, dass es beim Kaffee kein “Reinheitsgebot” gibt…die Konsumenten werden auch so schon genug verarsht mit “Utz”, “Rainforest” “Fairtrade” und Co…

    pingo

  5. Manuel Rosenboom
    Veröffentlicht am 25.10.2010 um 12:04 | Permanenter Link

    @Thorsten:
    Irgendwo habe ich vor einiger Zeit den Spruch aufgefasst: “Nur Sand ist billiger”. (bezog sich auf Industrie-Kaffee) Da ist was dran. Gerade auch, weil Kaffee mittlerweile so ein Massenprodukt geworden ist. Aber Du schreibst:
    “Aber wer erwartet kein Massenprodukt für 2,50 – 3,50 EUR pro 500g, die schon 1,15 EUR Steuer beinhalten?” Viele Leute wissen nicht, dass es diese Kaffeesteuer gibt. Die sehen eine grüne Verpackung mit güldenen Buchstaben und netten Adjektiven drauf und denken, sie hätten damit schon die KRONE des Kaffeegenuß erreicht. Wenn man sich dann noch vor Augen führt, dass es für löslichen Kaffee eine Steuer von 4,78 Euro je Kilogramm gibt… und man sich dann die Preise der Produkte im Handel anschaut… dann kann man sich einen Reim auf die Qualität der Rohware machen.
    Oder zumindest sollte man das. Viele tun es aber nicht. Insofern kann man als Verkäufer von hochwertigem Kaffee wenig machen als immer wieder aufklären, wie Preise zustande kommen.

    ————-

    @ Pingo: Zum Bier-Reinheitsgebot: Berichte, Belege, Quellen – irgendwas? Würde mich schon interessieren.

    Und die “Verarschung” der Kunden beim Kaffee mit verschiedenen Labels ist nun auch nicht so holzschnittartig zu betrachten, wie Du es gerade machst. Natürlich ist die Kritik am “Rainforest”-Siegel berechtigt, wenn nur 30% der Inhaltsstoffe kontrolliert sein müssen. Was aber am Siegel der “Fairtrade Labelling Organization” (FLO) so schlecht sein soll, musst Du mir noch einmal erklären. Einen guten Überblick zu den Siegeln für alle Interessierte übrigens hier: http://bit.ly/kaffee-siegel Unstrittig: Wenn “fairtrade” Kaffee das normale Päckchen für 3,50 Euro verkauft wird – dann wurde jemand betrogen. Entweder der Konsument oder der Produzent!

    Übrigens, schöner Röster, den ihr da ausgepackt habt :-)

  6. Kerlanen
    Veröffentlicht am 26.10.2010 um 09:58 | Permanenter Link

    von den Kaffespezialitäten mal abgesehen würde mich interessieren, ob die ganzen Pads und Kunstoffdöschen sich beim Kaffeemachen wirklich neutral verhalten.
    Was Zucker im Kaffe angeht: Solange man den schon gemahlen kauft ist das ja noch reine Geschmackssache. Ich habe mir aber schon einmal eine mühle kaputt gemacht(der Kaffee war allerdings ein Geschenk und ich habe nicht genau genug hingeschaut). Ist das bei den oben genannetn Kaffesorten auch ein Problem?
    Ansonsten: Ob Bio-, Reinheitsgebot oder Blauer Engel. Sonbald so ein Siegel oder Standard die politischen Instanzen durchlaufen hat sind genügend Schlupflöcher für die industrie eingebaut. Da hilft am Ende wieder nur selbst informieren und beim Händler Ihres Vertrauens kaufen.

  7. weisnix
    Veröffentlicht am 26.10.2010 um 13:19 | Permanenter Link

    Ein wirklich gelungener Artikel. Aber den Großröstern scheint es vollkommen egal zu sein, was sich wirklich in der Verpackung befindet. Hauptsache es wird verkauft. Es gilt schon lange als Rätsel wie bei steigenden Rohkaffeepreisen sich dauerhaft diese niedrigen Preise realisieren lassen. Wenn man normal rechnet und alle Steuern und Abgaben einbezieht, dürfte unter normalen Umständen für keinen, außer dem Staat, irgendetwas übrig bleiben. So dürfte ein Päckchen Industriekaffee entweder subventioniert werden oder eventuell keinen bzw. deutlich weniger Kaffee beinhalten. Verständlich erklärbar ist es aber nicht.

  8. Veröffentlicht am 26.10.2010 um 17:08 | Permanenter Link

    @ Labels: Unstrittig ist, glaube ich, dass Labels bzw. Zertifizierungen in der Breite in die Standards etwas angehoben haben.
    Man muss aber unterscheiden zwischen dem, was eine Zertifizierung (dem Kunden) verspricht und was es in der Realität zu halten vermag.
    Im Nischenmarkt der Spezialiätenkaffees, wo wir von kleinen Mengen sprechen, sind Top-ups für Produzenten durch Zertifizierungen relativ uninteressant, da die regulär bezahlten Preis Fair-Trade-Preise oft weit übertreffen. Fair-Trade u.a. Zertifizierungen machen v.a. im ‘Massenmarkt’ Sinn, insbesondere dort, wo mit Preis- und Umweltdumping gearbeitet wird. Solche Kaffees würden z.B. durch Wegfall der Kaffeesteuer v.a. für solche Kunden attraktiver, die auf den Geldbeutel schauen(müssen).

  9. Veröffentlicht am 27.10.2010 um 13:57 | Permanenter Link

    Kann mich Pingo da nur anschliessen. Die Grundidee des “Reinheitsgebotes” ist doch völlig in ein Verkaufsetikett verwandelt worden. Ähnlich wie Fairtrade und Co. klingt das Ganze wunderbar und wirkt sehr beruhigend auf den Kunden und bietet eine Möglichkeit eventuell den Preis nochmal zu steigern..

  10. Wilfried Gödert
    Veröffentlicht am 11.11.2010 um 18:48 | Permanenter Link

    Ich bin ein “Newbe” in Sachen Kaffee. Ich mag diesen nur. Diese Woch habe ich mir eine gebrauchte Jura S9 auf eBay besorgt. So im groben Durchlesen ist mir aufgefallen, dass die Firma jede Garantie für eine Reparatur ablehnt, wenn solcher Kaffee verwendet wird und dass wohl der Kaffeeautomat definitiv Schaden erleidet.
    Da ich als Laie nun mal nicht unbedingt die Eignung eines solchen Kaffees verstehe und wohl auch nicht unbedingt mitbekomme (aufgrund der mangelhaften Kennzeichnung der Kaffeepackung) möchte ich mal vorher anfragen, ob jemand schon einmal versucht hat, den Kaffeehersteller deswegen in Regress zu nehmen. Sind prinzipiell eventuelle Reparaturkosten von dem Röster zu tragen?

    E-Mails wären nett. Danke im Voraus.
    [Anm. von Maskal: Kommentar auf Wunsch des Kommentators von Rechtschreibfehlern bereinigt]

  11. Jörg
    Veröffentlicht am 29.11.2010 um 14:12 | Permanenter Link

    Reinheitsgebot? Ja, bitte!! Ist ja echt nicht mehr überschaubar, mit was der gute, alte Kaffee heutzutage gestreckt wird.