Kaffeezubereitung: Der Keim der Hoffnung

Es sind nun mehr als zwei Jahre vergangen, dass ich den Beitrag “Das Grauen einer Kaffeezubereitung” geschrieben habe. Seitdem ist viel Wasser den Rhein herunter geflossen, viel Kaffee ist gebrüht worden, und auch die Hauptfigur des Beitrags, Clemence, die Schwester meiner Frau, war seither etliche Male wieder bei uns zu Besuch. Es hat sich nichts geändert, auch nicht bei ihrem letzten Aufenthalt vor einigen Tagen: Clemence bereitet weiterhin schreckliche Kaffees zu, überlebt sie erstaunlich gut, und das wird  in 40 oder 50 Jahren sicher noch genau so sein. Die Windmühlen entziehen sich dem Kampf! Und Don Quijote wird noch ein bisschen trauriger werden…

Doch dann das Unerwartete!

Plötzlich, wie das so mit Geistesblitzen so ist, steht einer vor mir. Ein sehr lebendiger Blitz, genauer gesagt: unser Tochter; in lila Hose, Pink Dora-Shirt und wie immer barfüßig. Nächste Woche wird sie 4 Jahre – oder besser: endgültig 4, denn seit geraumer Zeit beharrt sie darauf, sie sei ja, die Vorzüge des Alterns betonend, schließlich schon “a little bit four”, stets dabei Daumen und Zeigefinger der rechten Hand aneinander reibend und mit dem rechten Auge altklug zwinkernd. “What are You doing, Daddy?” (ihre bevorzugte Sprache ist englisch) fragt sie mich, als ich in der Küche offenbar etwas abwesend auf eine clemence-inisch volle French Press für eine nicht anwesende Person starre. “Uhm, eh …”, und genau da passierte es; genau da kam er, der Blitz: Wie vermeide ich es, dass unsere Tochter in die kaffeetechnisch abgründigen Fußstapfen ihrer Tante tritt? Wie erkläre ich ihr, dass die richtigen Mengen an Wasser und Kaffeepulver zusammengebracht werden müssen, dass der Mahlgrad richtig gewählt oder das Wasser richtig temperiert sein muss, damit ein köstliches Getränk entstehen kann? Logo, indem ich es ihr erkläre! Kinder in diesem Alter saugen alles auf und speichern es ab. Hoffnung keimt in mir.

“Hilfst Du mir?” (ich spreche stets deutsch mit ihr). “Kaffee?” (eines der wenigen deutschen Wörter, das sie verwendet). “Ja, lass` uns einen Kaffee machen! Einen Filterkaffee.” “Wait for me!” Sie greift ihre zweistufige, einem stets in der Küche im Weg stehende “Ich komme jetzt sogar an meine Vitamin-Gummibärchen”-Kunststofftreppe, und stellt sie vor die Kaffeemühle. Mahlen und am Kaffeepulver riechen, ok, das haben wir schon oft gemeinsam gemacht; Kinder drücken schließlich mit Vorliebe auf alle möglichen Knöpfe. Aber heute geht um mehr als ums Mahlen und Riechen; heute geht es im wahrsten Sinne des Wortes “ums Ganze”.

Spot on! Wir stehen in meiner kleinen, mit zahllosen Packungen, Filtern, Mühlen und sonstigem Zubehör überfüllten Kaffee-Ecke, eingeklemmt im 90 Grad-Winkel zwischen Spüle und Kühlschrank. “Also gut, was brauchen wir?” “Kaffeeeee!” Klaro. “Und wie viel? “I don`t know.” “Gut, lass` uns 2 Tassen machen. Dafür brauchen wir genau 390 g Wasser und 24 g Kaffee. Das ist das optimale Verhältnis.” “Okeeejj.” Und wie misst man 24 g Kaffee?” “I don`t know.” “Mit der Waage!” “Waaaage?”. Ich klappe meine kleine, mich schon endlose Jahre begleitende Voltcraft-Taschenwaage auf. “I can do it!” Sie drückt instinktiv auf den grünen Knopf links oben. (Grüne Knöpfe sind immer zum Anmachen von irgendetwas; das Leben kann so einfach sein). Ich stelle ein kleines Plastikschüsselchen auf die Waage. “Und jetzt drück` den roten Knopf. Das ist Tara. Dann ist die Waage auf Null.” “Zerooo?” “Damit wir nur den Kaffee wiegen, und nicht noch zusätzlich das Schälchen.” “Okeeejj.” Es ist herrlich, dass Kinder so gerne auf Knöpfe drücken. Man sollte einfach an alles Knöpfe machen (z.B. an Kinderzahnbürsten; oder gleich an die Kinder selbst: rot um ins Bett zu gehen, grün um aufzustehen.)!

Ich nehme ein Päcjchen meines geliebten äthiopischen Yirgacheffes. Den habe ich vor 5 oder 6  Tagen auf der “Röstbiene”, meinem 300 g-Musterröster für unseren häuslichen Bedarf geröstet; ein Kaffee also “im besten Alter”. Ich will ihn in das auf der Waage stehende Schälchen einfüllen. ” I can do it!” “Bist Du sicher?” “Yes!” Das Ausrufezeichen steht sichtbar über der Kaffeepackung. “Lass` es uns besser zusammen machen.” “I can do it myself.” Ok, warum nicht? Kinder können in diesem Alter schließlich alles alleine machen. (Außer Kaffeebohnen vom Boden auflesen!)

Schließlich sind 24 g Kaffee abgewogen. Geschickt kippt sie die Bohnen in die “Ascaso”-Mühle. Die ist bereits auf Filterkaffee eingestellt, was die Sache erleichtert. Und jetzt? Das brauche ich gar nicht zu fragen. Ist doch klar: Knopf drücken! “Stopp! Das Schälchen drunter!” “Oh, sorry”, strahlt mich ein süßes Lächeln an, “I`m confused!”

“So, und was kommt als nächstes?” “Da rein!” Mit ausgestrecktem Zeigefinger zeigt sie auf den schwarzen Melittafilter. “Papier, Daddy!” Ich staune nicht schlecht! Ich ziehe einen weißen Papierfilter aus der Packung. “Das hier ist übrigens ein Papierfilter Größe 4.” “I`m almost 4 too!” “Genau! Und weißt Du auch, warum ich den Papierfilter jetzt mit warmem Wasser ausspüle?” “No!” “Nun, damit die losen Zelluloseteilchen ausgespült werden. Die schmecken nämlich nicht gut im Kaffee. Wenn man es nicht macht, bekommt man so einen Papier-Kaffee.” “Papier-Kaffeeee? You are silly, Daddy!” “Albern hin, albern her, der Kaffee schmeckt dann wirklich nach Papier. Deshalb waschen wir den Papierfilter jetzt aus.” Ich helfe ihr beim Ausstrecken der Arme. (She can do it!) Und beim Trocknen der Arme. (I can do it!)

“So, setz` den Filter bitte auf die Glaskanne!” Ich tippe mit dem Zeigefinger auf die im Schummerlicht unserer Kaffee-Ecke stehenden French Press. “Halt! Erst Wasser kochen!” “Yes, we need hot water, Daddy! You forgot!” “Holla, I`m confused!” “Yes, You are confused!” Kinder können sich sooo schön freuen.

“Siehst Du den Papierstreifen hier an der Glaskanne?” “You clued it?” “Ja, den habe ich angeklebt. Und jetzt weiß ich genau, wie viel 390 g Wasser für 2 Tassen Kaffee sind, und wie viel 780 g für 4 Tassen. Dann erspare ich mir nämlich das Abwiegen!” “Okeeejj!” Ich fülle die Kanne der French Press bis zur unteren Markierung, und zusammen gießen wir es in den Wasserkocher; Hand in Hand sozusagen.

Ich gebe ihr mein `Barista-Thermometer`. “Kannst Du das bitte ins Wasser stellen?” “What is it?” “Ein Thermometer. Damit misst man die Temperatur des Wassers.” “Tempatur?” “Ja, die Temperatur des Wassers ist sehr wichtig! Wenn wir das Wasser nachher auf den Kaffee aufgießen, brauchen wir eine ganz bestimmte Temperatur! “Ehemm.” (Das hat sie von mir.) “Ja, 92 bis 96 Grad Celsius. Dann wird der Kaffee am allerbesten.” “Ehehmm.” “Bei diesen Aufgusstemperaturen lösen sich die Bestandteile in den Kaffeezellen am besten, und zugleich wird der Kaffee weder bitter, was passiert, wenn das Wasser über 96 Grad ist, noch sauer, was passiert, wenn es unter 92 Grad ist. Verstehst Du das?” “Yes!” Wer würde daran zweifeln! Wir klemmen zusammen das Thermometer unter den heruntergeklappten Deckel des Wasserkochers. Jetzt nur noch den Kessel auf die Unterlage setzten und … nein, nein, den Knopf drücke ich selber. Alles was mit kochendem Wasser zu tun hat ist Hoheitsgebiet der Eltern!

“So, das Wasser ist bald auf 96 Grad.” “I want to see it!” “Dein Wunsch sei mir Befehl!” Ich lifte sie hoch: “Siehst Du den Zeiger?” “Yeah, it`s like my watch!” “Ja genau. Auf der Du immer sehen kannst, bei welcher Temperatur Du ins Bett musst.”

Statt bei 96 Grad ist die “tempatur”  inzwischen allerdings bei 100 Grad angekommen. Zu lange geliftet! Aber das ist nicht schlimm. Wenn es bei uns schnell gehen muss, vor allem morgens, gilt die Devise: Wasser kochen, eine Minute abkühlen lassen, aufgießen. Wer kann um 6:30 Uhr auf der beschlagenen Anzeige eines Thermometers schon zwischen 94 und 95 Grad unterscheiden? Und die paar durch das Kochen ausgefällten Mineralien nehme ich gerne in Kauf. Die 5 muss morgens gerade sein.

Aber da heute “Unterricht” ist, lasse ich das Thermometer im Wasser stehen. Es kühlt langsam ab. “Siehst Du, jetzt hat das Wasser 95 Grad. Jetzt gieße ich es auf.” “Okeeejj.”  I can do it ist jetzt tabu! “Siehst Du: zuerst das Kaffeepulver ein wenig befeuchten. Jetzt können sich die Zellen des Kaffeepulvers mit Wasser voll saugen und die löslichen Bestandteile können später besser herausgespült werden. Wir bekommen dann eine gute Extraktion.” Hui, das versteht kaum ein Erwachsener. Auch sie schweigt. “Und schau` mal, wie der Kaffee jetzt aufgeht?” “Jaa, like a cake!” “Like a chocolate cake!”, ergänze ich. “Like my birthday cake!” “Genau! Aber wenn Du alten Kaffee verwendest, dann geht der gar nicht auf. Der fällt in sich zusammen. Das sieht dann eher aus wie ein Vulkan.” “Like a Vulkan, puuh, puuh, puuh”, und sie imitiert mit ihren Armen einen ausbrechenden Vulkan. “Na ja, bei einem alten Kaffee explodiert nichts mehr. Da ist tote Hose. Maria Lach im Filter, sozusagen. Maria Lach, das zeige ich dir nachher auf der Landkarte. Das liegt in der Eifel. Da ist genau so viel los wie in einem Filter mit alten Kaffee.” “Okeeejj.” Ob ich ihr wirklich die Eifel zeigen soll?

“Und jetzt das Wasser langsam und kreisförmig aufgießen.” Sie schaut aufmerksam zu. “Siehst Du, das Kaffeepulver sollte möglichst überall gleichmäßig vom Wasser durchdrungen werden.” Sie steht auf den Zehenspitzen, reckt den Hals. “Ansonsten hat man an einigen Stellen eine Überextraktion, an anderen eine Unterextraktion. Macht Sinn? ” “It looks like my pupu!” Mir fällt fast der Wasserkocher aus der Hand. Ich mache, als hätte ich nichts gehört. “So, immer schön schauen, dass das gesamte Pulver  stets mit Wasser bedeckt ist.” “Hm, riech` mal.” Unwiderstehlich plastisch sehe ich `pupu` vor mir. Sie streckt sich vor, atmet tief ein und nickt: “Good.” “Und vor allem: der wird genau so gut schmecken wie er riecht!” I want to drink.” “Nein, Du weiß, Kaffee ist nichts für Kinder.” “Only for grown-ups?” “Ja, nur für Erwachsene!” “But, but … but I`m almost four.” Genau, und deshalb geb` ich dir jetzt eine Tasse Milch. Good job, Naomi! Wir sind fertig!” “Thank You for showing me this Kaffeeee, Daddy!” “You are welcome!” High five. “Ok, komm` jetzt die Treppe runter. Ich räume noch auf.” “Okeeejj.” (Schade, dass es in der Kaffee-Ecke keinen grünen “Aufräumen”-Knopf zum Draufdrücken gibt.)

So, das war unsere erste Unterrichtsstunde. Filterkaffeeunterrichtsstunde. Eine Spaßstunde. Ein Keim der Hoffnung. Mal schauen, wie`s weitergeht.

2 Kommentare

  1. Robin
    Veröffentlicht am 10.03.2012 um 23:42 | Permanenter Link

    Hallo Hans,

    endlich habe ich die Zeit gefunden deinen Blogbeitrag in Ruhe zu lesen. Danke dafür, hat mir viel Spaß gemacht.

    Viele Grüße
    Robin

  2. Felix
    Veröffentlicht am 16.04.2012 um 07:44 | Permanenter Link

    Kaffeezubereitung kinderleicht erklärt :) Großartig :)