Blog-Parade: Von Kaffee-Kultur und Kaffee-Subkultur

Es freut mich, dass Arne Preuss mit seinem interessanten Kaffee-Bewertungs-Blog “Coffeeness” zu einer Blog-Parade aufgerufen hat! Da Blogs wie der von Arne wichtig sind für die stärke Thematisierung von Kaffee, im Besonderen natürlich von Spezialitätenkaffee, ist es keine Frage, dass ich an der Parade teilnehme. Ich hoffe, dass möglichst viele dem Beispiel folgen werden! Aber jetzt zur Beantwortung der Fragen …

Gehört die Zubereitung für Dich mit zur Kaffeekultur, oder ist sie nur Mittel zum Zweck?

Seit Kaffee als Getränk konsumiert wird, dreht sich dabei alles primär um eine Sache: Das Erlebnis des Beisammenseins! Kaffee an sich ist bereits “Mittel zum Zweck”, das Mittel, sich mit anderen zu treffen (= Zweck); das ist Plausch von Nachbarn in der entlegensten Hütte im Hochland von Äthiopien nicht anders als bei der Büropause im Gebäudedschungel von Frankfurt-Downtown, dem “Kaffeekränzchen” im Müttergenesungsheim oder dem erleichternden Gedankenaustausch von Studienkollegen nach dem Überleben des Mensaessens (“Geh`n wir `nen Kaffee trinken?” – was übrigens die gleiche Konnotation hat wie die Redensart “Geh`n wir ein Bier trinken” u.ä., bei der ebenfalls weniger das Bier oder der Geschmack des Bieres denn das (gesellige) Beisammensein im Vordergrund steht).

Wie der Kaffee zubereitet wird, ist dabei nebensächlich, und leider auch, wie der Kaffee schmeckt – in aller Regel jedenfalls! Das Trinken des Kaffees ist also, um noch ein Mal darauf hin zu weisen, “Mittel zum Zweck der Herstellung von Gemeinschaft”. Die vor dem Trinken liegende Zubereitung ist demzufolge quasi ein “Mittel zum Mittel des Zwecks”, und wer jemals in arabischen Ländern war, der weiß, was ich damit meine. Die Zubereitung steht in der Bedeutungshierarchie also ziemlich weit hinten.

Oder richtiger: Sie stand weit hinten! Denn mit der rasanten post-Kaffeefiltermaschinen-Technik-Entwicklung im Haushaltssektor in Form von Vollautomaten, Padmaschinen, Siebträgern, Kapselmaschinen etc. hat sich das gehörig geändert. Der durch den Wandel unserer Sozialstrukturen, unser Arbeitswelt und unserer demografischen Verhältnisse zu Tage getretene “kollektive” Individualismus schlägt also auch in der Zubereitung und in der Art des Konsums von Kaffee voll durch. Man könnte auch sagen, dass er durch die Entwicklung neuer Techniken für die Zubereitung einer einzelnen Tasse geradezu gefördert wird, ja, ihn regelrecht erzwingt! Da geben sich zwei Entwicklungen wechselseitig die Klinke in die Hand!

Um nun auf die Frage zu antworten: Selbstverständlich gehört die Zubereitung zur Kaffeekultur, schlichtweg, weil es ohne Zubereitung keine Kaffeegetränk gäbe. Die Art und Technik der Zubereitung ist dabei stets auch gleichzeitig “Mittel zum Zweck”, nämlich dem Zweck, ein Getränk herzustellen. Dies geschieht immer und überall in einem sozialen oder individuell gehaltenen Rahmen.

Was mich nun selbst betrifft: Für den Frühstückskaffee, den “sozialen Akt” (bei uns allerdings “ohne Futter”!) ist die Kaffeemaschine mit Zeitautomatik für den Augenblick leider nicht zu umgehen, da sowohl meine Frau als auch ich arbeiten, und die Tochter zur Tagesmutter gebracht werden muss. Da bleibt nicht viel Zeit für Gemütlichkeit. Die Maschine, die ich abends mit Kaffeebohnen befülle, verfügt über eine (der Kaffee-Gott möge es mir verzeihen!) so genannte “Propellermühle”, aber auf Grund der Bohnen, die ich verwende, ist der Kaffee sogar trinkbar. Der soziale Aspekt spielt in diesem Fall die Hauptrolle, für die Zubereitung bleibt nur eine Nebenrolle übrig.

Das ändert sich, wenn ich  mir tagsüber individuell, für mich und ganz alleine einen Kaffee zubereite. Hierzu verwende ich eine super fein einstellbare “Ascaso”-Mühle und eine Presskanne. Die vielen verschieden Kaffees, die mir in Abständen immer wieder zugeschickt werden, kommen jetzt voll zur Geltung, beim Mahlen, beim Aufbrühen, beim Trinken. Der soziale Aspekt geht zwangsläufig flöten, die Zubereitung hat die jetzt Hauptrolle übernommen.

Zusammenfassend heißt das: Die Zubereitung ist für mich immer sowohl Teil der “Kaffeekultur” als auch “Mittel zum Zweck”; nur der Zweck ist im Laufe eines Tages jeweils ein anderer.

Welche Wirkung hat Kaffee auf Dich?

Ein schlechter Kaffee – verursacht durch die verwendeten Bohnen oder eine falsche/unglückliche Zubereitung durch mich selbst oder andere, kann mir sprichwörtlich auf den Magen schlagen. Ein gelungener Kaffee aber, der alles aus einer guten Bohne herausholt, was sie zu bieten hat, ach, da möchte die Zeit stillstehen bleiben …

Kaffee-Kultur oder -Subkultur: Sind Kaffeekapseln, Kaffeepads und Instantkaffees auch Teil der Kultur?

Ein eindeutiges JA! Als “gelernter” Ethnologe bevorzuge ich einen Kulturbegriff der besagt, dass alles, was der Mensch an sich je geschaffen hat und weiterhin schaffen wird, an rein geistigen oder hand-werklichen Leistungen, ist Kultur – per se. Also sind auch Kapsel & Co Kulturelemente, und zwar solche mit rasanter flächenhafter Ausbreitung! Sie repräsentieren den Zeitgeist und sind deshalb, ob uns das gefallen mag oder nicht, in ihrer zunehmenden Bedeutung sehr ernst zu nehmen.

Welche Veränderungen würdest Du Dir für die Kaffee-Kultur im deutschsprachigen Raum in den nächsten Jahren wünschen?

Ohje, da würde ich Stunden brauchen, um all das nieder zu schreiben, was mir zu dieser Frage einfiele. Deshalb mache ich es kurz: Alle Anhänger von “Dritter Welle”, “Radical Coffee”, “Coffee hunting”, “Coffeeness” etc. (die nicht genannten Mitstreiter mögen mir ihre Nicht-Erwähnung verzeihen!) und all diejenigen, für die Kaffee ebenfalls mehr ist als ein Aufputschmittel an der nächsten Tanke müssen sich zusammenschließen. Sie müssen sich zusammenschließen, den Weg “vom Baum zur Tasse” neu definieren, eine Botschaft formulieren und diese in die Welt hinaus tragen! Ich sehe die letzte Zeit gute Ansätze dafür …

Was ist für Dich ein absolutes Kaffee No-Go?

Neben allem, was meine Vorgänger hierzu gesagt haben die Aussage: “Aber bei Aldi isch`s billiger!” Da ist noch Überzeugungsarbeit notwendig – leider aber auch bei Spezialitätenkaffeeröster und Feinkostanbieter, die z.B., wie kürzlich entdeckt, “Jimma”-Kaffee (den absoluten äthiopischen Billigkaffee) in hoch lobenden Tönen als “Spitzenprodukt” anpreisen (was es definitiv nicht ist), dabei als Herkunftsort den “Tarrazu-Distrikt” angeben (der bekanntlich in Costa Rica “beheimatet” ist) und das noch zu einem völlig überzogenen Preis (27,80 €/kg). Hm, vielleicht kann ja mal jemand ein Blog-Parade zu solchen “No-Go”`s machen …

2 Kommentare

  1. Veröffentlicht am 19.06.2009 um 10:51 | Permanenter Link

    Vielen Dank für den Artikel! “Radical Coffee”, “Coffee hunting”, “Coffeeness”, du hast „Kaffee-Satz“ vergessen, dann klingt die Auflistung auch gleich viel deutscher. Ich werde jetzt die Zeit stehen lassen. ;-)

    Gruß,
    Arne

  2. Veröffentlicht am 19.06.2009 um 21:28 | Permanenter Link

    Wie Recht du hast: Ich finde auch Kaffee ist und bleibt das sozialste Getränk überhaupt. Sogar Menschen, die nicht Kaffee trinken, treffen sich “zum Kaffee”. Teilweise schon fast erstaunlich!

2 Trackbacks

  1. [...] hat und weiterhin schaffen wird, an rein geistigen oder handwerklichen Leistungen (siehe Hans’ Beitrag), sondern auch das WIE ist Ausdruck der Kultur, aber auch seiner Beziehung bzw. Einstellung zum [...]

  2. [...] Hans vom Kaffee-Blog.Maskal [...]