Das Grauen einer Kaffeezubereitung

Es gibt Dinge, die schockieren. Das können ernsthafte, bedrohende Dinge sein, es kann aber auch das Erleben einer Kaffeezubereitung sein. Nicht, dass mich die betreffende Prozedur schockiert hätte – ich war der Zeuge -, es war vielmehr das Entsetzen darüber, dass die Spezialitätenkaffee-Bewegung ganz offensichtlich noch eine sehr geringe Reichweite hat. Der gemeine Kaffeetrinker – um eine solche Person handelte es sich bei der Zubereitung – weiß gerade mal, dass auf irgendeine Art Kaffeepulver und heißes Wasser zusammenkommen müssen. Auf irgendeine Art … Ich wiederhole: Auf irgendeine Art … Bestimmt aber nicht auf die nachfolgende.

Also: Ich komme in die Küche. Die Schwester meiner Frau ist zu Besuch, und ich ahne schon nichts Gutes, als ich sie in der Nähe der Kaffeemühle stehen sehe. Es kommt schlimmer: Sie war bereits an der Mühle. Und vor ihr stand ein monströser Plastikbecher mir viel Kaffeepulver drin. Ich ahne wieder nichts Gutes.

Mein Blick schweift umher. Er bleibt am letzten Rest meines Lalitpur-Kaffees aus Nepal hängen. Beim letzten Rest! Wie kam sie an den Kaffee? Es ist die einzige Packung, die ich mir im September von meinem Deutschlandaufenthalt mitbrachte, und aus der ich mir alle paar Tage 2 Tassen zubereite um zu beobachten, wie er sich geschmacklich im Laufe der Zeit verändert. Und nun das: Der letzte Rest … Sie muss sich schon die Tage zuvor daran vergangen haben. Zu spät …

“Für wie viele Tassen ist das Pulver” frage ich vorsichtig. “Für 2 Tassen.” “2 Tassen? Ehm, was für Tassen?” “Kaffeetassen.” (Na klar, was sonst.) “Ehm, ich würde sagen, das Pulver reicht für mindestens 4 – 5 Tassen.” (Kaffeetassen.) Große Augen, die mich anblicken. Clemence hat große Augen; aber jetzt waren sie noch größer als sonst. Und das Augenpaar blickt auch auf die große Presskanne neben der Mühle. “Wie viel nimmst Du?”, fragt sie. “In der Presskanne 10 g auf 180 ml.” Fragezeichen können sichtbar sein. “Und woher weiß ich, wie viel 10 g sind?” “Indem man die Bohnen zum Beispiel vorher abwiegt.” Können Augen sooo groß werden? Sie können …

Ich nehme meine kleine elektronische Feinwaage: 47,9 g. Ich sollte Kaffeepulvermengenschätzer werden. “Und was mache ich jetzt mit dem ganzen Pulver?” (Gute Frage.) “5 Tassen.” (Gute Antwort.) “Ich trinke eine mit.” Ein zartes Lächeln.

Ich gebe das Kaffeepulver in die Presskanne. Das Wasser kocht. Ich bin noch gedanklich beim Wasser-Pulver-Verhältnis, Extraktionsverhalten …, da kann ich In letzter Sekunde verhindern, dass sie das kochend heiße Wasser in die Kanne gießt. Das war knapp. “Aber warum …?” “Zu heiß!” Schon wieder die zwei Vollmonde in ihrem Antlitz. “Das Wasser immer etwas runterkühlen lassen. (Mit Celciusgraden wollte ich sie jetzt nicht belasten.) Und bei dem Wasser, das Du gekocht hast (für 10 Tassen!) kannst es ruhig 1 Minute bei offenen Deckel stehen lassen.” Ihre Welt schien nicht mehr in Ordnung zu sein.

Ihre Welt kam noch mehr in Unordnung. “Dreieinhalb Minuten ziehen lassen, dann runterdrücken. Andere Kaffees kannst Du länger ziehen lassen, bei anderen reichen sogar 3 Minuten; aber bei dem hier sind dreieinhalb Minuten ideal.” Zum ersten Mal verzog sich ihr Gesicht. “Warum drei …ein …halb Minuten?” “Weil, das hängt mit dem Ex …trak ..tions…” Das hatte keinen Sinn. Das sah ich ihrem Gesicht an. “Also, schau mal (und jetzt fiel mir einfach nichts Blöderes ein), eine Schwangerschaft dauert auch 9 Monate, idealer Weise, sozusagen (mir kam kein vernünftiger Vergleich in den Sinn). Ich ruf` Dich, wenn der Kaffee fertig ist.”

Der Kaffee war fertig. Ich kenne den Kaffee inzwischen gut. Aber das hier war etwas anderes. Der schmeckt wie … (ich hab` jetzt genug von schlechten Vergleichen). In einer Stunde reist Clemence sowieso ab. Dann werde ich als erstes nach der Mühle schauen. Da gibt es ein Rad, an dem kann man den Mahlgrad verstellen …

Clemence ist kein Einzelfall. Clemence ist der Normalfall. Kaffee ist Kaffee; Kaffeepulver und heißes Wasser müssen zusammenkommen. Egal wie. Irgendwie. Das ist alles. So einfach. Und unsereins zerbricht sich den Kopf über Erntemethoden und Qualitätsgrade, über Aromen und Säuren, über Tassenwandstärken und Temperaturen. Und: Das ist gut so! Es gibt Leute, die bedanken sich immer wieder bei mir, dass ihr Kaffee jetzt viel besser schmecke als vorher. Vorher, bevor ich ihnen ein paar kleine Tipps gegeben habe. Aber kleine Tipps bedürfen großen Wissens. Deshalb muss unsereins weiter machen …

9 Kommentare

  1. Veröffentlicht am 14.10.2009 um 10:58 | Permanenter Link

    für solche Leute ist die Kaffeemaschine erfunden worden ;-)

  2. Veröffentlicht am 16.10.2009 um 15:28 | Permanenter Link

    Schön zu lesen, dass es nicht nur mir so geht. Bei mir haben Gäste abgekühlten Kaffee in die Mikrowelle packen wollen. „Ja der muss doch heiß sein“. Ich sage besser nicht welcher Kaffee das gewesen ist! Viele trinken ihn, wenige kennen sich aus. Wer unsere Blogs ließt ist auf einem guten Weg ;)

    @ Mausflaus: Bei einer Kaffeemaschine können leider auch viele Fehler gemacht werden!

    Gruß,
    Arne

  3. Veröffentlicht am 17.10.2009 um 20:24 | Permanenter Link

    Hammer Post, Hans! Aus dem wahren und täglichen Leben! Habe ich Dir schon gesagt, dass ich die ersten 3kg “Harazi” geröstet habe? Heute hat eine Ehepaar diesen für den Siebträger kaufen wollen…! Noch Fragen?

    Lieben Gruß, Mario

  4. Veröffentlicht am 19.10.2009 um 19:00 | Permanenter Link

    Hallo Mario,

    keine Fragen …!

    Viele Grüße,

    Hans

  5. Veröffentlicht am 21.10.2009 um 23:39 | Permanenter Link

    *schmunzel*

    Sehr gelungener Artikel, Hans!

  6. Veröffentlicht am 23.10.2009 um 17:04 | Permanenter Link

    Oh je, oh je. Das schlimmste daran ist, dass sich diese Szene täglich in geschätzten 95 Prozent der Haushalte abspielt…
    Hoffentlich bekommt Clemence nicht mit was Du da über sie geschrieben hast ;-)

  7. Veröffentlicht am 23.10.2009 um 17:16 | Permanenter Link

    Hallo Anika,

    deshalb sage ich ja auch (und da haben wir wohl die gleiche Einschätzung), dass Clemence der Normalfall ist. Und wenn sie mitbekommt, was ich geschrieben habe (jetzt ist sie wieder in Toronto und dort nicht leicht erreichbar) … nun, sie wird mir weiterhin zu Weihnachten ein kleines Geschenk mitbringen ..!

    Viele Grüße,

    Hans

  8. Hertel
    Veröffentlicht am 16.04.2010 um 19:47 | Permanenter Link

    Klasse Artikel!! – Aus dem Leben! :-)
    Es muss sich ja nicht jeder so für Kaffee interessieren wie “wir”, aber schauen Sie sich mal die Blogs, Gruppen und “Fan-Seiten” von Kaffeeliebhabern an – Die können Stundenlang über die Vollautomaten quatschen (m.E. ein Posinggehabe wie bei Auto-Tunern) – sind schon beim Entkalken überfordert und wissen von ihrem Kaffee meistens nur welche Massenware (eine grade angesagte Hippe Marke) grade im Vorratsbehälter neben dem Wassertank lagert.
    Teilen sich die Freunde der Kaffeekultur in zwei Gruppen?! Die der Milchaufschäumer, Pad-Trinker und die der reinen Kaffee-Liebhaber?

  9. Veröffentlicht am 16.04.2010 um 22:06 | Permanenter Link

    @Hertel

    Eine sehr interessante Frage am Ende Deines Kommentars! Und ich glaube sogar, dass einer solchen “Zweigeschmacksundzubereitungsgesellschaft”was dran ist.

    Vielen Dank für Deinen Kommentar,

    Hans

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  1. [...] sind nun mehr als zwei Jahre vergangen, dass ich den Beitrag “Das Grauen einer Kaffeezubereitung” geschrieben habe. Seitdem ist viel Wasser den Rhein herunter geflossen, viel Kaffee ist [...]