Völliger Umbruch in Äthiopiens Kaffee-Sektor. Zukunft der Spezialitätenkaffees gefährdet.

Kürzlich habe ich den Einkäufer einer Großrösterei, die größter Aufkäufer von äthiopischen Kaffees ist gefragt, ob er präzise Informationen zu den Umgestaltungen des Kaffee-Marktes in Äthiopien habe. Seine Antwort entsprach meinen eigenen langjährigen Erfahrung im Heimatland von Kaffee arabica: “Äthiopien und präzise Informationen sind ein Widerspruch in sich selbst!” Das Land, das nie Kolonie war und mit der weltweit ältesten christlich-orthodoxen Kirche aufwarten kann, hat starke Züge eines sich “permanent selbst organisierenden Organismus”: Es passiert ständig etwas und irgendwie auch nicht, um dann, begleitet von einem lauten Knall, alle – inklusive sich selbst – vor Tatsachen zu stellen. So geschehen aktuell auch im wichtigsten Wirtschaftszweig des Landes: dem Kaffee-Sektor.

Jahrelang liefen Planungen und Vorbereitungen zu dessen Umgestaltung. Alle wussten es, aber keiner wusste Genaues; ein Hin- und Her zwischen Andeutungen, Gerüchte, Anhörungen, Gesprächen, Verlautbarungen … und seit letzten Donnerstag, fast wie Phönix aus der Asche, ist sie da: die neue “Commodity Exchange”, Variante Äthiopien!

Dass die “Ethiopian Commodity Exchange” (ECX) kommen wird, das war klar. Dass sie vor Monaten bereits für Mais und Weizen (sehr zäh) gestartet war, ist mittlerweile auch klar. Dass sie für Kaffee am 27. November gestartet werden sollte, das war bis vor drei Wochen hingegen keinem der Marktteilnehmer klar. Dass der Start sich dann um 1 Woche auf den 2. Dezember verzögern würde, na, das war denn doch wiederum irgendwie jedem klar.

Was ändert sich durch die ECX? Kurz gesagt: Außer dass der Kaffee noch in Äthiopien wächst, verarbeitet und mit nicht auseinanderbersten wollenden Trucks zum Hafen in Djibouti gefahren wird so ziemlich alles. So ziemlich alles heißt: Die Art des Handels, das Qualitätssystem, die charakterliche Zuordnung der Kaffees, die Zentralisierung auf Addis Abeba, die Lot-Größen, die Sackgrößen etc. Für einige Exporteure, Importeure und Röster kommt es aber knüppeldick: Die Produktion und der Export von Spezialitätenkaffees (Single origin- resp. Terroir-Kaffees) wird zwischen “dramatisch erschwert” und “unmöglich” liegen, je nach spezifischer Situation. Aber die äthiopischen Strategen setzen noch eins drauf: Nur noch den Kooperativen und staatlichen Plantagen soll es erlaubt sein, Bio-Kaffees zu exportieren! Und Herkunftsrückverfolgungen werden auf Grund von Standardisierung und dem FIFO-Prinzip in den neuen, dezentralen Warhouses (die es nach Informationen von heute aber offensichtlich noch gar nicht gibt) praktisch nicht mehr möglich sein. So ziemlich alles, an dem in allen Anbauländern rund um den Globus seit Jahren und Jahrzehnten intensiv gearbeitet wird, schiebt man in Äthiopien mit einem “Tschigger´jellem!” (“Kein Problem!”) und einem freundlichen Lächeln zur Seite.

Ob tatsächlich alles wie geplant und (teilweise) begonnen bleiben wird, das ist, wie soll es anders sein, noch nicht ganz klar. Exporteure und Produzenten nämlich setzen sich zur Wehr, laufen Sturm gegen eine Veränderung, die nicht nur in ihren Augen wenig bis keinen Sinn macht. Sie rennen aber gegen ein Bollwerk an, das sich bisher als uneinnehmbar erwiesen hat: Dr. Eleni Gebre-Madhin, Ökonomin und Chefin der ECX. Frau Doktor ist stark, so stark wie die Regierung in ihrem Rücken – und die ist wirklich stark (wie alle, die sich ständig bedroht fühlen), was besonders diejenige merken, die sich mit ihr, der Regierung, anlegen. Deshalb ist die Situation schwierig.

Dass eine “Commodity exchange” generell Sinn macht, steht außer Frage. Ob es Sinn macht, Kaffee, der gerade in Äthiopien durch seine enorme Vielfalt gekennzeichnet ist, wie Weizen, Bohnen oder Mais zu behandeln … hier sind mehr als starke Zweifel angebracht! OK, die Abschaffung der bis vor wenigen Tagen existierenden Auktion in Addis Abeba (über das „Schicksal“ der Auktion in Dire Dawa, über die ausschließlich die Harar-Kaffees gehandelt wurden, liegen mir derzeit noch keine Informationen vor) war längst überfällig. Zu sehr glich die tägliche Veranstaltung eher einem Theater denn einem ernsthaften Handel: Die Teilnehmer auf Käufer- und Verkäuferseite kannten sich, jeder wusste, wer zu wem in welcher privaten oder geschäftlichen Beziehung stand, und wer demzufolge bei welcher Transaktion den Vorzug haben würde. Deshalb war die Auktion seit Jahren umstritten, und es war an der Zeit, deren Pforten zu schließen. Dass als Substitut aber eine Institution ihre Pforten öffnet, die das Potential der äthiopischen Kaffees „killt“, wie es mein gerade aus Äthiopien zurückgekehrter holländischer Importeur gestern ausdrückte, macht nun noch weniger Sinn – und ist deshalb auch umstritten!

Ich würde gerne Genaueres berichten, aber es fehlt nach wie vor das, was, wie eingangs erwähnt, in Äthiopien ein Widerspruch in sich selbst ist: präzise Informationen. OK, das neue Qualitätssystem und die neue charakterliche Zuordnung der Kaffees liegen mir, geschleust durch diverse Kanäle, vor. Die aber werde ich ausführlich auf meiner Website vorstellen, denn dort muss das Kapitel “Kaffee in Äthiopien” vollkommen neu geschrieben werden. Das werde ich aber erst tun, wenn “alles ganz klar” ist, und das kann noch dauern. Es hat eine neue Zeitrechnung in Äthiopien begonnen – und irgendwie auch wieder nicht.

Ein Trackback

  1. [...] wäre, wie ich kürzlich berichtet habe, das Chaos in Äthiopiens Kaffee-Sektor derzeit nicht schon groß genug, so potenzieren jetzt [...]