Gayo, Mandheling, Lintong: Sumatra-Kaffees im Vergleich

Die letzten Tage habe ich damit verbracht, Sumatra-Kaffees aus der aktuellen, je nach Region im September/Oktober begonnenen Ernte zu verkosten. Jeden der aus den Anbaugebieten Aceh und Lintong stammenden Kaffees habe ich Ende November/Anfang Dezember innerhalb von 10 Tagen 4 Mal verkostet. Ich wollte sehen, wie sie sich im Verlauf der Zeit jeweils verändern und insgesamt miteinander vergleichen lassen. Die Ergebnisse (zu deren Zusammenfassung ich erst jetzt gekommen bin) bargen einige Überraschungen.

"Blumiger Empfang" im Renggali-Hotel in Takengon (Aceh); Sept./Okt. 2011

"Blumiger Empfang" im Renggali-Hotel in Takengon (Aceh); Sept./Okt. 2011

Die verkosteten Kaffees habe ich z.T. von meiner Sumatra-Reise im vergangenen Herbst mitgebracht, andere wurden mir nachträglich von Volkopi zugeschickt. Die Muster waren in Einzelnen:

• ein Fair Trade zertifizierter Kaffee der “Gayo Mandiri Kooperative” (Aceh)

• ein Grade 1 der “CV Sumatra Jaya Coffee” (Aceh)

• ein “Lake Tawar” (Aceh, von Volkopi erhalten)

• ein “Aceh Gold” (Aceh, von Volkopi erhalten)

• ein “Tabarita Peaberry” (Lintong, von Volkopi erhalten)

• ein “Aged Peaberry” (Lintong?; von Volkopi erhalten).

Gayo Mandiri Cooperative (Aceh, Sumatra)

Gayo Mandiri Cooperative (Aceh, Sumatra)

Sumatra Jaya Coffee (Aceh, Sumatra)

Sumatra Jaya Coffee (Aceh, Sumatra)

Lake Tawar (Aceh, Sumatra)

Lake Tawar (Aceh, Sumatra)

Aceh Gold (Aceh, Sumatra)

Aceh Gold (Aceh, Sumatra)

Tabarita Peaberry (Lintong, Nord-Sumatra)

Tabarita Peaberry (Lintong, Nord-Sumatra)

Aged Peaberry (Nord-Sumatra)

Aged Peaberry (Nord-Sumatra)

Alle Kaffees sind Blends aus verschiedenen Varietäten, vornehmlich Catimor (Ateng-Jaluk), Tim Tim, Bor Bor u.a. (PS: Mehr zu den auf Sumatra angebauten Varietäten in einem späteren Artikel). Die Kaffees waren alle sehr frisch und – für Sumatra-Kaffees wie sie bei den Importeuren bzw. Röstern ankommen gemeinhin nicht üblich – sehr säurebetont.

Wie nicht anders bei Sumatra-Kaffees zu erwarten, wiesen alle Kaffees eine mehr oder weniger hohe Zahl an Defekten auf. Doch es gab auch 2 Ausnahmen. Die höchste Zahl in jeweils einem 30 g-Sample wies mit 92 defekten Bohnen der Fair Trade Kaffee der “Gayo Mandiri Cooperative” auf, die mit Abstand geringste Zahl hatte mit 8 defekten Bohnen der “Tabarita” und mit nur 5 defekten Bohnen der “Aged Peaberry”. Es handelt sich dabei nicht um volle (primäre), sondern vorzugsweise um geringfügige Defekte wie leichten Insektenfraß (in der Regel Kaffeebohrer) oder so genannte Ziegen- bzw. Schafsklaue-Bohnen. Diese Ziegen- oder Schafsklaue-Bohnen (Kuku Kambing) sind ein Resultat des in Sumatra dominierend angewendeten “wet hulling”. Bei dieser Processing-Form erfolgt das maschinelle Entfernen der Parchments in noch sehr feuchtem, man könnte sagen “aufgequollenen” Zustand der Bohnen (40 – 50% Feuchtigkeitsgehalt), und größere Bohnen werden bei nicht optimal eingestellten Schälmaschinen zerquetscht, platzen an einem Ende auf und erinnern in ihrer Form an eine Ziegen- oder Schafsklaue. Die Gefahr bei einer solchen Art von Defekt ist allerdings, dass an den aufgeplatzten Stellen Pilzsporen und Bakterien eindringen und schwerwiegendere Defekte verursachen können.

Zusammengefasst ergab die Verkostung folgendes Bild:

“Lake Tawar” (Aceh; Volkopi): Dieser Kaffee erwies sich als äußerst problematisch: Der Duft war (trocken und nach dem Aufbrechen) “dirty fruity” und erinnerte an muffiges Marzipan. Der Geschmack war feucht-erdig, modrig, und ein unangenehm bitterer Nachgeschmack blieb lange haften. Es zeitige sich keine (positive) Veränderung über die Zeit, weshalb dieser Kaffee mit Abstand das Schlusslicht bildete.

“Gayo Mandiri Kooperative” (Aceh): Der Kaffee entwickelte sich im Laufe der Zeit deutlich zu seinen Gunsten! Drängten sich anfangs, vor allem im abgekühlten Stadium, die Defekte in den Vordergrund (muffig, erdig, moosig), so dominierte nach und nach die leicht prickelnde Säure. Der Kaffee balancierte sich regelrecht ein und das “Dreckige” spielte zum Schluss quasi nur noch die “Hintergrundmusik”. Angenehm war der samtige, sirupartige Körper, und hätte der Kaffee insgesamt mehr Süße gehabt, wäre er sicher auf einem der vorderen Ränge gelandet.

“CV Sumatra Jaya Coffee” (Aceh): Überzeugt hat mich die weitgehende Konstanz über die vier Verkostungsstadien. Die größten Auffälligkeiten dabei waren: Gute Balance, guter Körper, samtiges Mundgefühl, schöne Süße. Der für Sumatra-Kaffees typisch herbal-erdige Geschmack war nur einmal kurz, überraschenderweise in einem noch sehr warmen Stadium vorhanden, verlor sich dann aber gleich. Trotz des Fehlens dieses Herbal-erdigen war er sofort als Sumatra-Kaffee identifizierbar, und wegen der deutlichen Süße und des angenehmen Mundgefühls als einer der eindeutig besseren einzustufen.

“Aceh Gold” (Aceh, von Volkopi erhalten): Dieser Kaffee entsprach am meisten dem, was man sich gemeinhin unter einem typischen Sumatra, oder präziser, einem typischen Mandheling vorstellt: Voller Körper, angenehme Süße, herbal-”dreckig”-erdige Untertöne. Die Säure war auf Grund seiner extremen Frische noch sehr intensiv, wird in einigen Monaten aber deutlich schwächer sein, weshalb der Kaffee dann mit Sicherheit deutlich stärker ausgewogen sein wird. Ein für Mandheling-Liebhaber empfehlenswerter Kaffee.

“Tabarita Peaberry” (Lintong, von Volkopi erhalten): Der Top-Kaffee dieser Serie! Die geringe Zahl an Defekten machte sich deutlich positiv bemerkbar (anderen wäre der Kaffee für einen Sumatra möglicherweise zu sauber, zu wenig erdig etc.). Bestechend sind bei diesem Kaffee die enorme Konstanz vom ersten bis zum letzten Tage sowie die geballte Süße; “super sweet” habe ich mir notiert. Diese Süße bestach schon beim Geruch des trockenen Kaffeepulvers. Die typisch herbale Note war auch, aber dezent vorhanden. Schon beim ersten Einatmen verriet der Kaffee seine hohe Komplexität. Die Säure war prickelnd und klar, der Körper gut, wenn auch nicht ganz so voluminös wie bei den vorausgegangenen Kaffees. Der Abgang war dafür umso intensiver und anhaltend. Der Tabarita ist insgesamt ein Kaffee, der meines Wissens bisher in Europa nicht erhältlich ist, den ich aber sofort kaufen würde – vorausgesetzt, die Containerware entspräche dem, was ich als Muster vorliegen habe! Erwähnt werden muss aber noch, dass es sich nicht um reine Peaberries, sondern vielmehr um einen Mix aus Peaberries und sehr kleinen Bohnen handelt!

“Aged Peaberry” (Lintong?; von Volkopi erhalten). Dieser Kaffee hat mich überrascht, vor allem, weil ich ihn, wie alle Muster, relativ hell geröstet hatte. Ich hätte eher rustikalerer Noten von dunkler, bitter-süßer Schokolade, Tabak, Holz und Gewürzen erwartet , und natürlich waren sie alle da (beim trockenen Pulver schrieb ich sogar “wüster Gemüsegarten”), aber irgendwie schienen sie gut miteinander zu harmonieren. Ich will nicht sagen, dass “aged coffees” mein Ding sind, aber darum geht es ja schließlich nicht. Aber die vorhandene Süße, der nicht unangenehme Abgang und der leicht sirupartige Körper ergaben einen Kaffee, der bei mir alles in allem einen zwar irritierenden, aber positiven Eindruck hinterließ. Der Kaffee brauchte allerdings fast die ganzen 10 Tage, bis die Harmonisierung eingetreten ist.

Fazit:

Die sechs verkosteten Kaffees wiesen ein großes Qualitätsspektrum auf. Alle entsprachen mehr oder weniger dem, was inzwischen und gemeinhin von einem Sumatra-Arabica erwartet wir: vollmundig, herbal-erdig, etwas unsauber, “dreckig”. Am Stärksten war die beim “Aceh Gold” von Volkopi der Fall, am Schwächsten beim “Tabarita Peaberry”, ebenfalls von Volkopi. Dazu gehört nicht zuletzt noch eine mittlere bis geringe Säure,  die aber naturgemäß mit Ausnahme des “aged peaberry” auf Grund der Frische der Kaffees noch sehr intensiv war.

Auf eine Punktvergabe habe ich bewusst verzichtet. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass die Sumatra-Arabicas ihr eigenes Bewertungssystem brauchen! Denn wie soll man Kaffees, bei denen für die Erlangung eines bestimmten Geschmackprofils Defekte notwendig sind vergleichen mit Kaffees, bei denen das genaue Gegenteil der Fall ist?

Ein Trackback

  1. [...] Zeitraum zu reproduzieren. Ich habe schon eine ganze Reihe an Sumatra-Arabicas verkostet, zuhause, im Ursprung, bei Sweet Maria`s, einer Zitrusnote bin ich bisher ehrlich gesagt auch noch nicht [...]

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