Geballter Unfug über Sidamo-Kaffee aus Äthiopien im Lebensmittellexikon

Als Sidamo Kaffee bezeichnet man eine Arabica-Kaffeesorte, die in der Region Sidamo im äthiopischen Hochland beheimatet ist …”

So steht es digital im Lebensmittellexikon. Ich frage mich, wieso in einem Lexikon, in dem ja eigentlich Wissen gesammelt sein soll, so viel an geballtem Unsinn stehen kann (und das obige Zitat ist erst der Anfang!). Ich weiß nicht, zum wievielten Mal ich folgendes erkläre:

1. Es existiert in Äthiopien keine “Region Sidamo”! Bis zur Verwaltungsreform im Jahre 1994 gab es die “Provinz Sidamo”, seit dem nur noch eine “Sidama Zone”, die Teil der “Southern Nations, Nationalities, and People´s Region” (SNNPR) ist.

2. Was den quasi überall zu beobachtenden willkürlichen Gebrauch des Begriffs “Sorte” betrifft, so sollte man sich nicht nur im “Lebensmittellexikon” auf die ausschließliche Verwendung des Begriffs in dem Sinne, wie er definiert ist, beschränken. Bei Wikipedia lässt sich schön und treffend formuliert nachlesen:

“Eine Sorte einer Pflanze ist ein Begriff aus der Pflanzenzüchtung, mit dem Varianten einer Nutzpflanzenart unterschieden werden. Die Sorte muss sich durch verschiedene Merkmale (Größe, Farbe, Menge und Musterung) von anderen Sorten der gleichen Art unterscheiden.”

In Äthiopien werden lediglich am “Jimma Agricultural Center” Züchtungen mit Kaffee-Pflanzen durchgeführt. Von einer Sidamo-Sorte kann, da im Anbaugebiet des Sidamo-Kaffees keine bewusste Züchtungstätigkeit vorliegt, auf keinen Fall gesprochen werden. Es gibt zwar eine, nennen wir es “Außenstelle” des “Jimma Research Zentrum” im Anbaugebiet des Sidamo, und es werden auch Setzlinge aus Züchtungen an die Bauern verteilt, aber diese sind letztlich nur eine Spielart eines großen, lokal angepassten Varietätenreichtums (also eines Reichtums an Unterarten) im gesamten Sidamo-Anbaugebiet. Man sollte sich deshalb, um Irritationen vorzubeugen, an den in Äthiopien verwendeten, und primär geschmacklich definierten Terminus des “Charakters” halten. Solche “Charaktere” sind die allseits bekannten Kaffees Sidamo, Yirga Cheffe, Lekempti, Jimma, Limu und Harrar.

Lebensmittellexikon: “Der Sidamo Kaffee hat ein außergewöhnlich starkes und intensives Aroma, welches leicht nussige und buttrige Noten ausweist.”

Hm, was soll man dazu sagen? Nun, der Sidamo ist ein absoluter Top-Kaffee (sofern er gut verarbeitet ist!), das ist gewiss. Dass er aber über ein “außergewöhnlich starkes und intensives Aroma” verfügen soll, das kann ich nicht bestätigen. Ich hatte vor eineinhalb Jahren in Addis Abeba einen semi-gewaschenen Sidamo aus Dilla verkosten können, wow, da hätte man von einem außergewöhnlichem Aroma sprechen können! Ähnliches  traf auch auf eine für Starbucks angefertigte “Special Preparation” eines sonnengetrockneten Sidamos zu, den ich ebenfalls Gelegenheit zum Verkosten hatte. Aber bei einem “normalen” gewaschen Sidamo würde ich, so gut er auch sein mag, die Kirche doch lieber im Dorf lassen! Und ob ein Sidamo “nussige und buttrige” Noten aufweist, nun ja, so etwas hängt stark von den natürlichen Gegebenheiten, der Qualität der Verarbeitungsform sowie den Geschmacknerven und der Fantasie der Verkoster ab. Aber es handelt sich schließlich ja zum Glück nur um “leichte Noten”.

Lebensmittellexikon: “Er (PS: der Sidamo) wird aber auch wegen seiner milden Säure und seines geringen Koffeingehalts bevorzugt.”

Dazu sei angemerkt: Wie hinreichend bekannt, enthält die Art “Coffea robusta” resp. „Coffea canephora“ deutlich mehr Koffein als die Art “Coffea arabica”. Wenn ein “Coffea arabica”, z.B. ein Sidamo, eine “milde Säure” aufweist – und ich verstehe die Formulierung so: milder als andere Arabica-Kaffees – dann hat das nur sehr wenig mit der fälschlicherweise so genannten “Sorte” zu tun, sondern viel mehr mit der Verarbeitungsform und in ganz entscheidendem Maße mit der Röstung! Auf zwei sehr vereinfachte Formeln gebracht kann man sagen: die Säure-Entwicklung ist bei gewaschen Kaffees größer als bei sonnengetrockneten Kaffees (die semi-gewaschen lassen sich dazwischen ansiedeln), der Säuregehalt bei einer Kurzzeitröstung ist höher als bei Langzeitröstung. Anders formuliert: Ich kann exakt den gleichen Sidamo, beginnend mit der nach-erntlichen Verarbeitung bis hin zur Zubereitung des gerösteten Kaffee so stark manipulieren, dass sich einem vor Übelsein der Magen verdreht oder der Liebhaber feiner Kaffees vor Entzücken die Augen rollen! Der Koffeingehalt lässt sich, ganz im Gegensatz zum Säuregehalt, weder durch die Art und Qualität der Verarbeitung noch durch den Röstprozess merklich beeinflussen.

Lebensmittellexikon: “Der Sidamo Kaffee wird selten für Mischungen verwendet, sondern nur sortenrein verkauft …”

Blanker Unsinn! Schade, dass es keinerlei Zahlen über die konkrete Verwendung von Kaffees bei Röstern gibt, doch ich würde schätzen, dass vielleicht höchsten 1 – 3 % (die Kaffee-Götter mögen mir verzeihen, wenn ich daneben liege!) “sortenrein” verkauft werden, der Rest wird für Mischungen gebraucht. Bis vor etwa 20 Jahren, als der von den USA los fahrende Spezialitätenkaffee-Zug richtig ins Rollen kam, hätten Sie einen “sortenreinen”, oder besser “single origin” Kaffee mit der Lupe suchen können; Sie hätten ihn außer im Sidamo-Anbaugebiet in Äthiopien und bei Dallmayr, dem größten Aufkäufer von äthiopischen Kaffees der Neuzeit, wohl sonst kaum irgendwo in der Welt gefunden. Alles floss in Mischungen. Das hat sich zwar heutzutage geändert, ein Sidamo gehört quasi zum Standard-Sortiment eines jeden Spezialitätenrösters, aber wie bereits gesagt, der mengenmäßig überwiegende Teil fließ weiterhin in Mischungen.

So viel als “kleine” Anmerkung zu “Sidamo Kaffee” im Lebensmittellexikon.

Zum Maskal – Online Shop

8 Kommentare

  1. Veröffentlicht am 04.08.2008 um 20:47 | Permanenter Link

    Hallo Herr Langenbahn,

    das ist sowohl Fluch als auch Segen des Internets. Jeder darf hier Dinge veröffentlichen, deren Realitätsnähe oftmals hahnebüchen ist. Sich darüber aufzuregen bringt nur graue Haare… Diese Orte ienfach meiden und nicht durch Erwähnung bewerben ist der einzige Weg…;-)

    Gruß,
    drinkmix

  2. Veröffentlicht am 20.08.2008 um 17:42 | Permanenter Link

    Hallo Herr Langenbahn,

    schade, dass Sie sich gleich so aufregen.

    Ich werde den Artikel zunächst überprüfen und den Autor nach seinen Quellen fragen.

    Bitte wenden Sie sich in Zukunft direkt an die Betreiber einer Webseite. Vielleicht
    ist es denen gar nicht bewusst etwas falsches veröffentlicht zu haben. Ich bin jedenfalls sehr dankbar für jeden Hinweis.

    Mit freudlichen Grüßen
    Frank Massholder

  3. Veröffentlicht am 21.08.2008 um 02:19 | Permanenter Link

    Sehr geehrter Herr Massholder,

    na ja, ich sehe die Sache etwas anders als Sie. Von einem Lexikon, gleich welcher Art, erwarte ich einfach, dass ich mich auf das, was dort geschrieben steht, verlassen kann. Niemand käme auf die Idee, beim Brockhaus, bei Meyers Lexikon oder neuerdings bei Wikipedia Quellenstudien zu betreiben, wenn er eine simple Information will!

    Derjenige, der etwas veröffentlicht, hat für die Richtigkeit dessen, was er veröffentlicht, zu sorgen – sonst niemand. Die Quellen zu überprüfen ist deshalb, wie in unserem Fall, Sache des Lexikons und nicht des Lesers! Und ob es jemanden bewusst ist oder nicht, etwas Richtiges oder Falsches geschrieben zu haben, ist unerheblich: richtig ist richtig und falsch ist falsch! Und wenn Dinge geschrieben werden, die sachlich weit entfernt von dem liegen, was atsächlich zutrifft, dann darf man sich bisweilen schon ein Mal aufregen …

    Mit freundlichen Grüßen,

    Langenbahn

  4. Frank Massholder
    Veröffentlicht am 21.08.2008 um 11:11 | Permanenter Link

    Lieber Herr Langenbahn,

    bitte nehmen Sie sich nicht so wichtig!

    Mit freundlichen Grüßen
    Frank Massholder

  5. Veröffentlicht am 21.08.2008 um 13:42 | Permanenter Link

    Sehr geehrter Herr Massholder,

    ich nehme mich keineswegs für “so wichtig”, wie Sie vielleicht glauben mögen! Ganz und gar nicht. Ich nehme nur das, was ich mache, ernst! Und das, was man macht, ernst nehmen, ist erstens etwas ganz anderes als sich “wichtig zu nehmen”, und es ist zweitens die Grundvoraussetzung dafür, eine nach bestem Wissen und Gewissen gute Arbeit abzuliefern. Ob das anderen immer gefällt … diese Frage darf ich mir nicht stellen; ansonsten würde ich mir selbst gegenüber unglaubwürdig werden.
    Sorry, dass ich Ihnen erneut widersprechen muss, aber wir vertreten wohl doch recht unterschiedliche Standpunkte – was aber durchaus eine gute Basis für einen konstruktiven Prozess sein könnte!

    Mit besten Grüßen

    Langenbahn

  6. Veröffentlicht am 23.03.2009 um 16:31 | Permanenter Link

    “Niemand käme auf die Idee, beim Brockhaus, bei Meyers Lexikon oder neuerdings bei Wikipedia Quellenstudien zu betreiben, wenn er eine simple Information will!”

    Wikipedia kann man in vielerlei Hinsicht auch nicht trauen… wer etwas tiefer einsteigt in gewisse Materien, hat gute Chancen dort Defizite zu finden.

  7. Jan Kluczewitz
    Veröffentlicht am 30.06.2009 um 09:00 | Permanenter Link

    Inzwischen ist der Artikel überarbeitet. Der Anfang über die “Arabica Kaffeesorte” ist jedoch erhalten geblieben.

  8. Veröffentlicht am 16.04.2010 um 19:23 | Permanenter Link

    Hallo Herr Langenbahn!

    Ihr Beitrag ist köstlich, informativ und der Dialog im Nachgang einfach.. amüsant. :)

    Habe mich im Shop “Maskal” umgesehen und muss sagen, dass mir dieser besonders gut gefällt! Damit meine ich nicht nur die saubere Struktur, vor allem der Inhalt bzw. das Angebot ist klasse. Ich finde es zwar schade, dass die Maschinen in den Vordergrund rücken und genau diese Leute häufig die Kaffee-Basics nicht verstehen, aber nun denn.. es gibt ja Menschen wie Sie, und Kaffeetrinker die gerne guten Kaffee trinken – das macht Hoffnung :-)

2 Trackbacks

  1. [...] ich ja nun schon mehrfach über Absurditäten bezüglich äthiopischer Kaffees berichtet habe, und ich glaubte, dies alles ließe sich nicht mehr [...]

  2. [...] Kaffee getrunken, wie exportiert wird. Wer mehr über die Hintergründe erfahren möchte kann gerne hier [...]

Kommentieren

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mittels * markiert.

*
*