Abenteuer im Kaffee-Land. Tagebuch einer Forschungsreise in Äthiopien (Teil 5).

Nach einem heftigen nächtlichen Gewitter, das wieder den Strom ausfallen ließ, wartet der neue Tag in Metu (Südwest-Äthiopien) wieder mit herrlichem Sonnenschein auf. Trotz des Regengusses steht wieder kein fließendes Wasser zur Verfügung. Ein 15-Liter Eimer muss für die Morgendusche, Zähneputzen und Toilettenspülung reichen. Heute und an den zwei folgenden Tagen kann mich Asfaw, der lokale Experte der Landwirtschaftbehörde in den Kaffeewald begleiten. Die Distanzen sind diesmal relativ gering und wir verlieren weniger Zeit durch die Anfahrt. Zunächst besichtigen wir ein Waldgebiet der abgegrenzten Schutzzone, der so genannten No-Go-Area, auf der südlichen Seite des Geba. Ein schmaler Pfad führt in den Wald.

Stattlicher Pavian - ein unheimlicher Beobachter

Stattlicher Pavian - ein unheimlicher Beobachter

Nach wenigen Metern sind wir von praktisch undurchdringlichem Dickicht umgeben. Orchideen und andere Aufsitzerpflanzen besiedeln die Äste der Urwaldriesen, die einen Stammumfang von 15 Metern und mehr erreichen, teilweise aber nur 100 Jahre alt sind. Vereinzelt lassen sich Kaffeesträucher identifizieren, eine Beerntung wäre hier unter diesen Umständen jedoch nicht möglich und ökonomisch ineffizient. Zudem ist jegliche Nutzung der Kernzone untersagt. Das Verbot wird relativ streng überwacht, wenngleich der lokalen Bevölkerung, die den Wald teilweise 200 Jahren nachhaltig genutzt hat, jegliches Verständnis für ihre Ausgrenzung fehlt, zumal hierfür offensichtlich keine Entschädigungen erfolgt sind. Der Wald indessen hat sich binnen fünf Jahren so regeneriert, dass eine frühere Nutzung nicht mehr erkennbar ist.

Urwaldriese

Urwaldriese

In deutlichem Gegensatz dazu stehen die angrenzenden Flächen der so genannten Pufferzone nördlich und südlich des Flusses: Das Kronendach der bis zu 40 Meter hohen Urwaldbäume ist deutlich aufgelichtet und beschattet durchschnittlich nur 30-50 % des Waldbodens. Asfaw erzählt, dass die Kaffeebauern mindestens fünf Baumarten gezielt eliminieren, sei es, weil sie Ameisen und andere für den Kaffeeanbau ungünstige Insekten beherbergen, sei es, weil ihre Kronen bzw. die Ast- und Blattstrukturen zu lichtundurchlässig sind und daher vermeintlich den Kaffeeertrag mindern. Durch die erhöhte Sonneneinstrahlung ist der Waldboden an vielen Stellen stark ausgetrocknet, aber auch, weil Kaffeebauern die mit Kaffee konkurrierende Sträucher und krautige Pflanzen zwei Mal im Jahr entfernen.

Je nach Pflegeintensität und Know-How der Bauern stehen die Kaffeesträucher in der Dichte von 3.000 bis über 22.000 (!) Pflanzen pro Hektar. Bei intensiver Pflege hat der Bestand eine deutlich regelmäßige, hexagonale Pflanzstruktur mit einer optimalen Bestandsdichte von 4.000 Pflanzen pro Hektar. Meist werden dann auch selektierte, ertragsreiche Sorten verwendet, die sich im Wuchs und Alter deutlich von Wildkaffee-Sorten unterscheiden. Sie wurden im Rahmen des EU-finanzierten, mehrstufigen Coffee-Improvement-Programmes an die Bauern verteilt und haben vielerorts die lokalen Wildsorten verdrängt oder kreuzen sich mit diesen, was langfristig zu einer genetischen Verarmung führt.

Alte Semi-Waldkaffee-Pflanzung

Alte Semi-Waldkaffee-Pflanzung

Wildkaffee weist meist eine weitere Krone auf, die Wuchsform ist ungleichmäßiger und der Ertrag deutlich geringer. Während die wenigen Flächen extensiver Bewirtschaftung, die wir als Waldkaffee bezeichnen, nur Erträge von bis zu 100 kg Rohkaffee pro Hektar erlauben, sind auf den mit verbesserten Sorten bestückten, aufgelichteten Semi-Wald-Kaffeeplantagen Ernten bis zu 800 kg möglich. Allerdings hat der Wald dort auch wesentliche ökologisch wichtige Funktionen wie die des Feuchtespeichers sowie einen Teil seiner Biodiversität einbüßt.

Wie wichtig dieser Wald für die Biodiversität ist, zeigt sich an einem kleinen, aber spektakulären Fund: Eine kleines käferartiges Insekt, kaum 2 Zentimeter lang, das aussieht, als hätte es der Schöpfer persönlich von Hand bemalt. Wie sich erst dieser Tage herausstellte, wurde dieselbe Art fast zeitgleich am unerforschten Mount Mabu in Mosambik entdeckt. Es handelt sich, wie mir die Wissenschaftler von Mount Mabu bestätigten, um eine vermutlich bisher wissenschaftlich nicht beschriebene Wanzenart – also quasi die Entdeckung einer neuen Spezies! Ich taufe sie Miró-Wanze. Wie viele Arten wohl mit der rasch fortschreitenden Waldzerstörung in Äthiopien auf immer unentdeckt bleiben werden?

Die 'Miró-Wanze' - vermutlich eine neu entdeckte Art!

Die 'Miró-Wanze' - vermutlich eine neu entdeckte Art!

Insgesamt 10 repräsentative Untersuchungsflächen begutachten wir in diesen Tagen. Echte Wald- oder sogar Wildkaffeenutzung finden wir praktisch nirgends. An manchen Stellen treffen wir auf geschlossene, noch blühende Kaffeebestände, ein Zeichen dafür, dass hier eine spezielle Sorte eingesetzt wird. Die weißen Blüten verströmen einen herrlich süßen, jasminartigen Duft.

Kaffeeblüten

Kaffeeblüten

Meist werden wir aus den Baumwipfeln von den hübschen, schwarz-weißen Colobus-Affen oder aus dem Gebüsch von Pavianrudeln beäugt, doch nur selten begegnen wir in diesen Tagen Kaffeebauern bei der Arbeit. Einer jedoch macht sich mit dem Hackmesser am Gehölz unmittelbar an der Schutzzonengrenze zu schaffen. Unsere Anwesenheit ist ihm sichtlich unangenehm. Asfaw könnte ihn problemlos wegen eines Vergehens gegen die Schutzbestimmungen mit auf die Polizeiwache nehmen, wo ihm sogar mehrere Monate Haft oder ein Bußgeld drohen würden. Er belässt es jedoch bei einer Ermahnung.

Unterwegs mit Asfaw

Unterwegs mit Asfaw

Wieder andernorts passieren wir auf dem Weg in den Wald einen Steinbruch. Etwa zehn Männer werden hier von einem lokalen Unternehmer beschäftigt, um Haus- und Straßenbaumaterial zu gewinnen. 8 bis 10 Birr, etwa 1 Dollar ist der Tageslohn, für den ohne technische Ausrüstung oder Schutzmaßnahmen geschuftet wird. Doch viel andere Alternativen bleiben in dieser Gegend nicht. Viele junge Männer entschließen sich daher, in die Städte abzuwandern.

Tagelöhner im Steinbruch

Tagelöhner im Steinbruch

Nach nun 5 anstrengenden Tagen im Wald neigt sich unser Besuch dem Ende entgegen. Eigentlich wollen wir noch etwas mehr sehen als nur Kaffeewald. Wir fragen unseren Fahrer Wondo, der sich in der Gegend auskennt, nach möglichen Sehenswürdigkeiten. Es gäbe da eine noch unerforschte, möglicherweise historisch bewohnte Höhle, weiter südlich im Wald versteckt. Und einen großen Wasserfall südwestlich von Metu. Wir entscheiden uns für den Wasserfall, aber das ist dann Inhalt der sechsten und letzten Episode.

Bisherige Folgen:
Teil 4
Teil 3
Teil 2
Teil 1

5 Kommentare

  1. Veröffentlicht am 16.01.2009 um 00:01 | Permanenter Link

    Beeindruckend. Da trinkt man seinen Kaffee gleich viel bewusster. Glücklicherweise kann ich dies auch mit gutem Gewissen, da meine Kaffeepads für die Senseo aus fairem Handel stammen.

  2. Veröffentlicht am 19.01.2009 um 09:40 | Permanenter Link

    wunderschöne Bilder und ein toller Bericht.Und zum Thema Steinbruch sieht mann wieder mal wie gut es uns doch geht. Wir stehen morgens auf, genießen unseren leckeren Kaffee und der Tag kann kommen. Im übrigen Rudi…Kaffeepads hat nichts mit Kaffee zu tun:) LG

  3. Veröffentlicht am 19.01.2009 um 09:52 | Permanenter Link

    wow….
    excellent geschrieben!!!!
    http://www.kaffee4all.com

  4. Karo
    Veröffentlicht am 20.11.2010 um 11:12 | Permanenter Link

    Nicht schlecht! Danke für diesen wundervollen und ausführlichen Beitrag. Ganz besonders sind die Bilder und Fotos :) .

  5. Kaffee Trinker
    Veröffentlicht am 25.07.2012 um 12:57 | Permanenter Link

    sehr schöner informativer bericht. da konsumiert man seinen kaffee gleich bewußter. 1 dollar tageslohn ist echt ein witz, ich hoffe durch fair trade kaffee hat sich da inzwischen schon einiges getan.

Ein Trackback

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