Abenteuer im Kaffee-Land. Tagebuch einer Forschungsreise in Äthiopien (Teil 4).

Nachdem wir am Vortag die Zielgebiete für unsere Kaffeewaldforschungen ausgekundschaftet hatten und ortskundige Begleitung engagiert war, kann es heute richtig losgehen. Zielort ist die Gemeinde Henna, im westlichen Teil des Schutzgebietes gelegen, erreichbar von Elemo, unserem gestrigen Zielort, über einen mehr oder minder breiten Pfad entlang eines weitgehend entwaldeten Bergrückens. Die Siedlungen der Gemeinde verteilen sich locker in Form von Ansammlungen kleiner, stroh- oder blechbedachter Hütten über den gesamten Bergrücken, während die Bewaldung zum Fluss hin immer dichter wird. Im ersten Hüttendorf informieren wir den Bürgermeister über unser Vorhaben. Sogleich gibt er uns einen Boten mit zum nächsten Dorf, um den offiziellen Wächter des Schutzgebietes zu bitten, uns in den Kaffeewald zu begleiten.
Die Sonne brennt erbarmungslos vom Himmel und ich bin skeptisch, ob wir unsere heutige Aufgabe noch vor einem in dieser Jahreszeit häufigen Gewitter erledigen können, zumal das Zielgebiet zu Fuß noch einige Kilometer entfernt liegt. Wondo, unser Fahrer legt jedoch den Allradantrieb ein und rumpelt in rasender Fahrt den Fußweg entlang zum nächsten Dorf. Sollte es später regnen, wäre eine Rückkehr in die Stadt wegen der dann seifigen Wege praktisch ausgeschlossen. Doch daran verschwenden wir zunächst keinen weiteren Gedanken. Das letzte Dorf von Henna liegt auf einem Bergsporn oberhalb des Zusammenflusses der Flüsse Geba und Dogi. Der Schutzgebietswächter ist schnell ausgemacht und begleitet Heran und mich in den Wald zu den Kaffeeparzellen einiger Bauern.

Tukul am Waldrand

Tukul am Waldrand

Da Land in Äthiopien dem Staat gehört, muss seine Nutzung durch die Behörden legitimiert sein, ein Nießbrauch, der vererbt werden kann. Gleichzeitig besteht aber jederzeit auch die Gefahr der Enteignung im Falle eines wie auch immer gearteten, ‚übergeordneten’ Interesses. Diese Unsicherheit bezüglich der Landnutzung verhindert vielerorts Investitionen, aber auch eine nachhaltige Bewirtschaftung. Für Wald hingegen gibt es gar keine offiziellen Nutzungsrechte – sie liegen ausschließlich beim Staat. Inoffiziell jedoch existieren fast überall über Generation hinweg verankerte traditionelle Nutzungsrechte, die ein Ältestenrat sehr detailliert festlegt und überwacht. In ihnen ist geregelt, wer wo wieviel Holz schlagen darf, welche Medizinalpflanzen gesammelt werden dürfen, und wer welches Waldstück zum Anbau von Kaffee nutzen darf. Diese traditionelle Nutzung gerät jedoch vielfach in Konflikt mit externen Eingriffen, sei es durch die Ausweisung eines Waldschutzgebietes, die wie hier plötzlich traditionelle Nutzungsrechte untersagt, sei es durch die Ansiedlung externer Bevölkerungsgruppen (insbesondere in den Jahren 1984/85 wurden Tausende aus Hungergebieten im Norden in den Südwesten, also auch nach Yayu, zwangsumgesiedelt), oder die Implementierung gut gemeinter partizipativer Waldnutzungspläne durch die Entwicklungshilfe, die eine Neuordnung der Nutzungsrechte durchsetzen wollen und dadurch traditionelle Strukturen untergraben.

Mit unserem einheimischen Führer Tadesse machen wir uns auf den Weg ins Tal, vorbei an den mit Hecken eingefriedeten Parzellen der Bauernfamilien, die uns aus sicherer Entfernung neugierig beäugen. Mit halblauter Stimme informiert Tadesse im Vorbeigehen jeden Haushalt über unsere Absichten, und so haben sich bald drei, vier Männer unterschiedlichen Alters mit Macheten bewaffnet zu uns gesellt, um uns auf dem Weg zu begleiten. Nach etwa 30 Minuten und 200 Höhenmeter tiefer erreichen wir die Grenze des Schutzgebietes. Der Wald linker Hand ist dicht und undurchdringlich, während rechter Hand immer wieder kleine Parzellen mit offensichtlich gepflanztem Kaffeebestand unter die hohen Schattenbäume eingestreut sind.

Tadesse hält plötzlich an, um aus dem Wald eine wilde Limone zu pflücken, was er eigentlich gar nicht dürfte – es ist ja ein Schutzgebiet. Das Fleisch ist fest, sauer, wenn auch wenig saftig und dennoch gut gegen den trockenen Mund. Tadesse fragt uns überraschend, warum niemand mehr den Wald nutzen dürfe, auf den er aufpassen soll. Ich bin zunächst mehr als erstaunt über die Frage. Schnell wird mir jedoch klar, dass in dieser hierarchisch strukturierten Gesellschaft für gewöhnlich von oben verordnete Maßnahmen einfach durchgesetzt werden, ohne den Betroffenen ausreichend deren Sinn und Notwendigkeit zu vermitteln. So ist dann auch die Wirksamkeit einer Schutzgebietsausweisung stark zu bezweifeln, insbesondere dann, wenn Menschen ungefragt und ohne Kompensation ihrer tradtionellen Rechte beraubt wurden.

Weitere 30 Minuten und 200 Höhenmeter tiefer (die wir im Laufschritt zurückgelegt haben), erreichen wir den Kaffeebestand eines uns begleitenden Bauern. Mittels eines eigens entwickelten Bewertungsverfahrens erfassen wir den Waldzustand an dieser Stelle. Das Verfahren umfasst u.a. die Bestimmung der Dichte des Kronenschlusses, also die Beschattung, die Vielfalt der Schattenbäume sowie Struktur und Dichte der Bodenvegetation und des Kaffeebestandes. Hierfür werden auf einer abgegrenzten Fläche die Zahl der Kaffeebäumchen ermittelt, eine Arbeit, in die die jeweiligen Waldnutzer mit einbezogen werden. Auf diese Weise kann ich zumindest andeutungsweise den Sinn und Inhalt der Arbeit vermitteln und die Angst nehmen, dass es hier um eine Steuerbemessung gehen könnte. So zählen unsere Begleiter dann fleißig Kaffeebäume und können am Ende ihren eigenen Bestand selbst errechnen. Aufgrund der Erhebungen lassen sich die Kaffeebestände hier als Semi-Waldkaffee klassifizieren, d.h. dass der Bestand aus lokalen Sprösslingen ergänzt wird und gleichzeitig konkurrierende Sträucher, die Krautschicht und vereinzelt auch Schattenbäume gezielt eliminiert werden. Wild ist der Kaffee lediglich in Bezug auf seine genetische Abstammung.

Wir nehmen den Rückweg in Angriff. Es ist immer noch brennend heiß und unsere Wasservorräte gehen zur Neige. Trotz des dichten Waldes queren wir keinen Wasser führenden Bach. Doch die Einheimischen wissen sich zu helfen: Tadesse springt kurzerhand in den Wald. Für eine Minute ist er verschwunden, und wir hören nur die Schlaggeräusche seiner Machete. Kurz drauf erscheint er wieder mit einer circa 2 Meter langen, armdicken Liane in der Hand. Mit drei gekonnten Hieben teilt er diese nun in vier Teile. Senkrecht gehalten sprudelt nun aus jedem Stück ein gutes Trinkglas voll Lianensaft mit leicht tonic-artigem Geschmack. Wir sind begeistert, was die Natur hier alles zu bieten hat! Der Durst ist gelöscht für den Rest des Kräfte zehrenden Aufstiegs.

Wasser spendende Liane

Wasser spendende Liane

Wondo wartet, umgeben von einer Schar Kinder und Jugendlicher im Schatten des Autos. Unsere leeren Wasserflaschen verschenken wir. Sie sind in dieser noch plastiklosen Gesellschaft kein Wegwerfprodukt, sondern von hohem Nutzwert. Tadesse lädt uns noch kurz in seine Hütte ein. Im schmucklosen, nur mit Lehm ausgekleideten und fensterlosen Wohnraum, der ein Blechdach trägt, nehmen wir Platz auf einem Bett und einem Holzhocker. Viel hat er nicht, was er uns anbieten kann, aber die Honigwaben, die er uns reicht, sind köstlich. Sie werden so lange gekaut, bis nur noch das Wachs übrig bleibt. Honigsammeln zählt, neben Kaffee zu den wichtigen Erwerbsquellen der Menschen hier. Die röhrenförmigen Bienenstöcke werden meist hoch in die Bäume des Wald gehängt und nur ein Mal im Jahr beerntet, wobei das Volk aber meist stark geschädigt wird.

Tukul mit Bienenkörben. Im Vordergrund übt sich ein kleiner Junge in der Feldarbeit.

Tukul mit Bienenkörben. Im Vordergrund übt sich ein kleiner Junge in der Feldarbeit.

Till beendet derweil sein letztes Interview im Nachbargehöft, das ausschließlich von umgesiedelten Amharen bewohnt ist. Obwohl die Menschen schon seit 25 Jahren hier leben, sind sie darüber ebenso wenig glücklich wie ihre Nachbarn, die ursprünglich hier beheimateten Oromo, deren Sprache sie nicht sprechen. Ebenso wenig sind sie mit den traditionellen Landnutzungspraktiken vertraut, ein Umstand, der die Degradierung der Landschaft beschleunigt. Aber ernsthafte Konflikte gibt es deswegen offensichtlich (noch) nicht.

Amharische Familie

Amharische Familie

Bei einbrechender Dunkelheit erreichen wir wieder unser Quartier in Metu. Trotz Stromabschaltung und Wasserrationierung ein vermeintlicher zivililisatorischer Quantensprung gegenüber Henna!?

In Kürze geht es weiter.

Hier finden Sie Teil 1, Teil 2 und Teil 3.

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