Abenteuer im Kaffee-Land. Tagebuch einer Forschungsreise in Äthiopien (Teil 3).

Die auf dem Blechdach des Gästehauses von “Menschen-für-Menschen” herumtollenden Krähen reißen mich aus dem Schlaf. Nach einer kalten Dusche – der Strom war um 10 Uhr des Vorabends abgestellt worden – schlüpfe ich in meine Feldmontur. Noch ist es frisch draußen, was sich aber rasch ändern würde. Till, mein Projektpartner sitzt schon bei offener Zimmertür am Laptop, um mit den letzten Akku-Ressourcen nochmals seine Fragen, mit denen er die Kaffeebauern löchern würde, zu überarbeiten.


Wenige Minuten später steht Wondo mit dem Wagen im Hof, um uns in die Stadt zu bringen. Hierzulande vermeidet man es zu laufen, wenn möglich. Es kann auch niemand nachvollziehen, warum wir reichen Europäer, die sich jede Art der Fortbewegung leisten können, freiwillig zu Fuß gehen oder gar längere Strecken wandern… Wir halten an einem der zahlreichen Cafés entlang der Hauptstraße, wo bereits das Leben pulsiert.

Kleinbusse und überladene LKWs hüllen die Passanten in Wolken aus Staub, Dieselruß und Lärm ein. Fußgänger retten sich dazwischen von einer Straßenseite auf die andere. Tagelöhner warten auf eine Gelegenheit, sich irgendwo ein paar Birr mit Hilfsarbeiten verdienen zu können. Wir setzen uns auf die staubige Terrasse des Lokals und bestellen Rührei und Macciato. Immer wieder vertreiben die Angestellten Bettler, die sich mehr oder minder aufdringlich den Gästen nähern, um ein paar Cents oder die Reste des Frühstücks zu ergattern.

Bevor es los geht, muss Till noch Fragebögen in einem der wenigen Computershops ausdrucken. Immer noch ist kein Strom da und der Sprit scheint zu kostbar zu sein, um den protzigen Generator vor der Eingangstür anzuwerfen. Derweilen versuchen die zwei adretten Angestellten mit Putzlumpen und etwas Wasser dem Dreck der Straße Herr zu werden. Irgendwann ist der Strom dann tatsächlich da, der Dreck immer noch und die Fragen sind ausgedruckt, so dass wir uns endlich auf den Weg machen können.

Nach knapp 45 Minuten haben wir Yayu erreicht. Inzwischen ist es später Vormittag. Die Sonne knallt vom Himmel, und hier und da bilden sich schon Blumenkohlwolken. Als Nächstes steht eine Odyssee durch die Amtsstuben der lokalen Administration an. Die lokalen Hierarchien zu übergehen, würde eine Behinderung unserer Arbeiten bedeuten oder diese gar unmöglich machen. Im Bezirkslandwirtschaftsbüro bekommen wir schließlich Asfaw zur Seite gestellt. Er leitet die Abteilung Ressourcenschutz und soll uns an den folgenden Tagen bei unseren Arbeiten im Wald unterstützen – und überwachen. Asfaw spricht gutes Englisch und kennt sich hervorragend mit der lokalen Ökologie aus. Vor allem kennt er jeden Kaffeebauern hier und ist die Gewähr dafür, dass uns die Menschen hier überhaupt Auskunft geben, denn aus Erfahrung begegnet man allem Fremden zunächst mit Misstrauen.

Wir haben seit Addis noch zwei weitere Begleiter, die ich bisher unterschlagen habe: Heran, eine äthiopische Holländerin oder holländische Äthiopierin, Tropenlandwirtschaftsstudentin und auf Entdeckungsreise nach Wurzeln ihrer Identität. Ihr Begleiter ist Kirubel, ein Computerexperte aus Addis, der sich mit Übersetzungsjobs ein Zubrot verdienen muss und Till in den kommenden Tagen bei seinen Interviews unterstützt.

Heute, am ersten Feldtag wollen wir uns einen Überblick über die Region verschaffen. Von Yayu aus fahren wir in Richtung Norden. Kaum haben wir die letzten Häuser passiert, wird die Straße von Wald umschlossen. Das Kronendach ist aufgelichtet, und das Unterholz besteht praktisch ausschließlich aus gepflanztem Kaffee. Wir befinden uns im Geba-Dogi Forest Reserve, einem wichtigen Wildkaffeeschutzgebiet. Während hier in der Pufferzone die Nutzung des Waldes erlaubt, ja sogar gefördert wird, ist in der Kernzone, die durch charakteristische einheimische Bäume du einen schmalen Trampelpfad demarkiert ist, jegliche Nutzung und sogar der Zutritt untersagt. Die Straße ist ein schlechterer Feldweg und führt nun steil hinab zum Fluss Geba, dann auf der anderen Seite genauso steil wieder auf den nächsten Bergrücken. Die Kernzone des Schutzgebietes umfasst einen etwa ein bis zwei Kilometer breiten Streifen beiderseits des Flussufers und ist im Satellitenbild als charakteristisches C erkennbar. Bald verlassen wir auch die Pufferzone und durchqueren ein unübersichtliches Buschland – ein Gebiet, das mit Hilfe von Karl-Heinz-Böhms ‚Menschen für Menschen’ nach und nach wiederbewaldet wird.

An diesem nördlichen Talhang des Geba leben nur wenige Menschen in sehr ärmlichen Strohhütten. Nach einem steilen Anstieg erreichen wir einen Bergrücken, dessen abgegraste Weiden nur von einigen wenigen Schirmakazien und Gehölzen geziert werden. Von hier aus hat man einen grandiosen Überblick über den südlichen Teil des Schutzgebietes.


Nach weiteren 5 Kilometer Schotterweg erreichen wir Elemo, die nördlichsten Gemeinde des Distriktes. Auch hier müssen wir den Bürgermeister über unser Vorhaben informieren. Trotz des allgemeinen Misstrauens gegenüber fremden Aktivitäten sind die Menschen hier gleichzeitig auch neugierig und überaus gastfreundlich. So werden uns bei jeder Gelegenheit Kaffee oder auch lauwarme Softdrinks angeboten, auch wenn der Vorrat an derartigen Luxusgütern meist beschränkt ist. Bestenfalls ein Isuzu-Kleinlaster pro Tag schafft es bis zu diesem entlegenen Ort, der nicht einmal Strom und bestenfalls ein Telefon besitzt. Umso überraschter bin ich, als mein mit einer lokalen SIM-Karte bestücktes Handy läutet: Es ist meine Frau aus Deutschland, die sich nach meinem Befinden erkundigt. Ich bin immer wieder erstaunt, wenn Entwicklungsländer ganze Technologiestufen überspringen. Wie lange würde es wohl dauern, bis hier ein reguläres Telefonnetz aufgebaut wäre?

Der Bürgermeister von Elemo ist sehr gebildet und besonders an unseren Arbeiten interessiert. Besonders spannend findet er unsere großformatigen Satellitenbilder, und es ist erstaunlich, dass er sich darauf halbwegs orientieren kann. Mit seiner Hilfe legen wir die Gemeinden für unsere Felduntersuchungen fest. Nach einem obligatorischen Buna (Kaffee) geht es zurück nach Yayu-Town, natürlich nicht ohne alle Sitzgelegenheiten des Geländewagens auszuschöpfen, denn die fast 15 Kilometer bis zur Marktstadt bedeuten für die Menschen hier ansonsten einen Tagesmarsch.


Gegen 15 Uhr sind wir zurück aus Yayu und sehr hungrig. Die Besitzerin eines kleinen Straßenrestaurants freut sich, uns noch einen kleinen Imbiss bereiten zu können. Das Ganze kostet inklusive Getränke kaum 3 Euro – für fünf Personen.

Zum Abendessen in Metu treffen wir uns im Restaurant am Ortseingang, unweit des Gästehauses. Es ist gleichzeitig Fernfahrerhotel und das einzige Freiluftkino der Stadt: An einer Mauer sind drei zusammengeflickte Bettlacken auf einen Stacheldraht gespießt. Mit Beamer und Laptop wird kaleidoskopartig ein Musikvideo mit diversen äthiopischen Popstars in die Nacht projiziert – eine schlechte Raubkopie wohl. Die Interpreten – sie leben ausnahmslos in den USA – gaukeln ein Leben in Luxus und Glamour vor. Am nächsten Morgen werden wieder alle drei verfügbaren Internetzugänge des Ortes mit jungen Männern belegt sein, die dann an Greencard-Verlosungen teilnehmen – wenn denn Strom da ist….

In Kürze geht es weiter.

Hier finden Sie Teil 1 und Teil 2.

2 Kommentare

  1. Kayleen Carriger
    Veröffentlicht am 05.01.2011 um 12:04 | Permanenter Link

    Die Seite ist super, leider sind bei mir die Ladezeiten ziemlich lang. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass es an meiner Leitung liegt, andere Web pages sind sehr schnell. Haben andere Leser auch bereits diese Erfahrung gemacht?.

  2. Veröffentlicht am 05.01.2011 um 17:42 | Permanenter Link

    Nein, diese Erfahrung haben weder wir noch andere bisher gemacht.

    Hans

3 Trackbacks

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