Abenteuer im Kaffee-Land. Tagebuch einer Forschungsreise in Äthiopien (sechster und letzter Teil).

Nach nun 5 anstrengenden Tagen im Regenwald neigt sich unser Besuch dem Ende entgegen. Die ganze Zeit über waren wir ausschließlich auf Wildkaffee fokussiert, weshalb uns der Sinn jetzt nach etwas Abwechslung steht. Wir fragen unseren Fahrer Wondo, der sich in der Gegend auskennt, nach möglichen Sehenswürdigkeiten. Es gäbe da eine noch unerforschte, möglicherweise historisch bewohnte Höhle, weiter südlich im Wald versteckt. Und einen großen Wasserfall südwestlich von Metu. Wir entscheiden uns für den Wasserfall. Als wir Metu in Richtung Südwesten durchqueren ist es bereits nach 16 Uhr. Wie überall in den inneren Tropen, geht auch hier die Sonne ganzjährig gegen 18 Uhr unter. Die Dämmerung ist extrem kurz, so dass es bereits nach kurzer Zeit finster sein kann, vor allem dann, wenn der Himmel bewölkt oder der Mond nicht zu sehen ist. Hinzu kommt, dass aufgrund fehlender Elektrizität öffentliche Beleuchtung und somit das Streulicht von Ortschaften fehlt. Die Nächte sind oft so sternenklar, wie man es bei uns nur aus dem Hochgebirge kennt. Heute jedoch mischt sich das Abendlicht mit den schwarzen Wolken der herannahenden kleinen Regenzeit.

Abendstimmung bei Bechu

Abendstimmung bei Bechu


Wir sind skeptisch, ob wir den Wasserfall überhaupt vor Einbruch der Dunkelheit erreichen. Wondo gibt sein Bestes. Der Wagen zieht eine rote Staubfahne hinter sich her, als wir über die neue Allwetter-Piste rumpeln. Nach einer halben Stunde erreichen wir die kleine Ortschaft Becho, überqueren die große Dorfwiese, dann einen kleinen Bachlauf und folgen einem Maultierpfad, der durch Kaffeepflanzungen und abgeerntete Felder an den Waldrand einer Schlucht führt. Unsereins wäre spätestens hier ausgestiegen und zu Fuß gelaufen. Aber die Autos sind für derartiges Gelände gebaut, also werden auch schmale Pfade befahren, selbst wenn nicht klar ist, ob später noch eine Wendemöglichkeit vorhanden ist.

Mittlerweile zieht der Wagen keine Staubfahne, sondern eine Horde von ca. fünfzehn bis zwanzig halbstarker, johlender Jungs hinter sich her. Endlich parkt Wondo den Wagen im Unterholz. Die Jungs begrüßen uns mit dem üblichen „Ferenji, Ferenji“ oder „You-you“. Der Anführer stürmt gleich voran, um uns den Weg zum Sor River zu weisen. Einige wenige Kinder sprechen ein paar Brocken Englisch, aber wir scheinen nicht die ersten Weißnasen zu sein, die dieses touristische Highlight in dieser entlegenen Gegend besichtigen. Nach 10 Minuten steilen Abstiegs haben wir den Wasserfall erreicht. Der Fluss stürzt über den Rand eines breiten, mit Farnen, Taro und Gras bewachsenen Basalt-Amphitheaters 20 Meter in die Tiefe.

Die Sor-River Wasserfälle

Die Sor-River Wasserfälle

Ein feiner Tröpfchennebel schwebt über dem Tal. In den Bäumen über uns nimmt eine Gruppe von Affen ihre Abendmahlzeit ein, und ein Pärchen imposanter Nashornvögel begibt sich schwerfällig auf die Suche nach einem Schlafplatz. Die Jungs scheinen zu Recht mächtig stolz auf ihren Wasserfall zu sein und bleiben in unserer Nähe, um uns auf das ein oder andere kleine Detail aufmerksam zu machen.

Eine kleine Spinne

Eine kleine Spinne

Trotz der Verständigungsschwierigkeiten entsteht schnell eine freundschaftliche, erwartungsvolle Beziehung. Wir haben absichtlich keine Bonbons oder Kugelschreiber dabei, die wir großzügig verschenken könnten, aber dennoch bin ich etwas beschämt und hilflos, als wir, die wie Außerirdische unvermittelt erschienen waren, genauso plötzlich wie das Tageslicht wieder aus dem Leben dieser Jungen verschwinden, vermutlich ohne mehr hinterlassen zu haben, als eine unbestimmte Sehnsucht nach dem Wohlstand jenseits dieser kleinen Welt hier.

Am nächsten Morgen treten wir die Rückreise nach Addis Abeba an. Diesmal wählen wir die südliche Route über Bedelle und Jimma. Es ist Samstag und der Strom ist abgeschaltet, was sich als Problem entpuppt, denn wir brauchen dringend Diesel, und Diesel lässt sich in moderneren Tankstellen nur mit Strom pumpen. Keine der drei Tankstellen verfügt über eine Handpumpe und auch die Mitarbeiter der städtischen Stromversorgung zeigen kein Verständnis für unsere Situation. Wie überall bei zwangsweise verknappter Versorgung gibt es aber auch in Äthiopien einen blühenden Schwarzmarkt, praktischerweise meist direkt neben der Tankstelle. Deren Akteure – oft stehen Sie in engen verwandtschaftlichen Beziehungen mit dem Tankstellenbetreiber – profitieren von dieser Situation. Meist werden von der offiziellen Lieferung ein paar Fässer abgezweigt, etwas mit Wasser gestreckt und dann in kleinen Mengen mit vergleichsweise geringem Aufpreis in Mangelsituationen wieder verkauft. Wondo bleibt dennoch geizig und besorgt nur so viel, dass es gerade bis ins 100 Kilometer entfernte Bedelle reicht. Zum einen spekuliert er darauf, dass dort a) Strom und b) Diesel vorhanden sind, zum anderen lässt zu viel Wasser im Sprit den Motor leiden.

Diesel vom Schwarzmarkt

Diesel vom Schwarzmarkt

Wir haben Glück in Bedelle: Frisch aufgetankt und auf neuer Straße geht es weiter nach Jimma, in die aufstrebende Regionalhauptstadt mit großer Universität und Zentrum des Kaffeeanbaus im Südwesten. Wir freuen uns auf eine warme Dusche im Central Hotel, das wegen seiner schöner Restaurantterrasse und des vorgelagerten Swimmingpools bei Ausländern wie wohlhabenden Einheimischen gleichermaßen beliebt ist.

Breakfast at Tiffany's?

Breakfast at Tiffany's?

Nach dem Frühstück nehmen wir die letzten 350 km nach Addis Abeba in Angriff. Nach mehr als fünf Jahren Bauzeit ist die neue Teerstraße nach Addis nun endlich fertig gestellt. Damit verkürzt sich nicht nur die Fahrzeit von neun auf sechs Stunden, sondern auch die Versorgungslage der Bevölkerung entlang der Straße und im gesamten Südwesten. 350 Kilometer Teerstraße heißen aber auch 350 Kilometer ‘Der 7. Sinn’: Spielende Kinder, die aus dem Gebüsch springen, mit Steinen abgesicherte, liegen gebliebene LKWs, umgestürzte Busse, Schafherden und durchgehende Maultiere. Und sie bedeuten 350 Kilometer Einkaufsmeile für Holzkohle, Bananen, Mango, Papaya, Hühner, Eier, Ziegen und Schafe, Möbel oder Küchenaccessoires. Es sind nur noch wenige Tage bis zum orthodoxen Osterfest. Noch mehr als sonst saugt die Hauptstadt einen Großteil der Produktion des weiteren Umlandes förmlich in sich auf, und die Preise steigen umgekehrt proportional mit der Annäherung an die 5 Millionen-Metropole. Auch Wondo will diese Gelegenheit nutzen, weshalb sich die Rückfahrt etwas in die Länge zieht: In jeder Kurve warten Jungen oder Mädchen mit einem Bündel Federvieh. Zu gerne würde er ein Huhn, festgezurrt auf dem Dachgepäckträger nach Addis mitnehmen. Doch weder die Preise noch die Qualität der zukünftigen Osterbraten sagen ihm zu.

Hühnerverkauf an der Straße

Hühnerverkauf an der Straße

In Wolliso halten wir ein letztes Mal zum Mittagessen und auf einen köstlichen Buna. Der Ort besitzt ein fast historisches Thermalbad, das in ein hübsches Hotel- und Freizeitareal mit traditionellem Charme integriert ist und als Wochenendziel etliche Hauptstädter anzieht.

Traditionell gebauter Ferienbungalow in Wolliso

Traditionell gebauter Ferienbungalow in Wolliso

Zwei Stunden später hat uns der Moloch Addis Abeba wieder verschlungen. Leider hat die ‚Neue Blume’, so die Übersetzung des amharische Namens, in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten viel von ihrem einstigen Zauber verloren: Der rasende Strudel des post-kommunistischen Fortschritts verschmilzt unkontrolliert Moderne und Tradition – für die einen der Vorhof zur Hölle, für die anderen Leiter zum Paradies, für mich nur deshalb faszinierend, weil ich mich als Gast nur so weit darauf einlassen muss, wie ich will und mich jederzeit wieder wegbeamen kann.

Einzug der Osterlämmer

Einzug der Osterlämmer

Sicher gäbe es von meinen vorangehenden Reisen in andere äthiopische Kaffeeregionen auch noch Spannendes zu berichten, so etwa von der Fahrt in den Harenna Forest über die 4500 Meter hohen Bale Mountains mit ihren Riesenlobelien und den Äthiopischen Wölfen. Aber davon ein ander’ Mal mehr, vielleicht….

Bisherige Folgen:
Teil 5
Teil 4
Teil 3
Teil 2
Teil 1

3 Kommentare

  1. Veröffentlicht am 21.01.2009 um 09:54 | Permanenter Link

    Wow, so ein toller und ausführlicher Blog! Ich liebe Kaffee! Ich habe selbst einen Blog eröffnet- der ist aber noch nicht so schön und ausführlich wie Ihrer. Deshalb wollte ich fragen, ob ich Ihren Link in meine Blogroll mitaufnehmen darf? Das wäre super! :)

  2. Veröffentlicht am 21.01.2009 um 14:39 | Permanenter Link

    Hallo Kaffeemann,

    vielen Dank für Dein großes Kompliment! Ich hoffe, Dir ein solches auch bald machen zu können! Ich finde es hervorragend, dass mehr und mehr Enthusiasten über Kaffee zu schreiben beginnen. In diesem Sinne “2 thumbs up!”

    Selbstverständlich kannst Du unseren Link in Deine Blogroll aufnehmen. Das würde mich sehr freuen. Lass´ uns auf jeden Fall in Kontakt bleiben!

    Viele Grüße,

    Hans

  3. Veröffentlicht am 16.04.2009 um 19:14 | Permanenter Link

    Hallo,
    Ich bin in den Endzügen meiner Kaffeekaffee Diplomarbeit und habe während meiner Bearbeitung ab und zu mal den Blog gelesen. Als ich vor ein paar Tagen noch mal reinschaute, war ich höchst erfreut, von dieser Tour zu lesen. Ich habe sie im Oktober gemacht, aber andersrum. Erst nach Jimma und dann Yayu und zurück über Bedele. Wir haben auch den Wasserfall besucht, dessen Umgebung so geschändet war, weil ein wichtiger Politiker dort ein Fest abhalten mußte. Dann haben sie oberhalb vom Wasserfall alles abgeholzt, obwoh an dieser Stelle der wald noch ziemlich in Takt ist.
    Ich kenne auch das Lokal, was so gelb-rot-st.George. gestrichen ist. Da gab es zum Frühstück gebratenen Blätterteig mit Honig. Schön, mich daran zu erinnern.
    Schöner Blog!
    Herzliche Grüße sendet Christiane

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