Jemen: Kaffeeschälmaschine in einem Felsenkeller
Was den Kaffee-Konsum im Jemen betrifft, so ist die im "Kaffee Blog" des in St Gallen ansässigen "Premium Handelswaren GmbH" gemachte Aussage “… So verzichten sie (Anm.: die Jemeniten, der Autor) auf die edlen Arabica-Kaffeebohnen und benutzen anstelle dieser nur die Schale der Bohne …" nur bedingt richtig. Selbstverständlich wird im Jemen, wie es aus dem Reisebericht, auf den sich der "Kaffee Blog" bezieht, hervorgeht, Gisher getrunken, aber keineswegs ausschließlich! Gisher, zubereitet aus den aufgebrochenen, stundenlang gekochten Schalen des im Jemen üblichen sonnengetrockneten Kaffees, ist ein bliebtes Getränk und wird - reichlich süß - zuhause häufig in den Morgenstunden genossen.
Daneben trinken die Jemeniten und Jemenitinnen aber auch ganz normalen, in der Regel frisch gerösteten und aufgekochten Kaffee, Qahwa, und zunehmender Beliebtheit erfreut sich, besonders im städtischen Bereich, natürlich, wie soll es anders sein, Nescafé.
Doch es gibt Versorgungsprobleme beim Qahwa: Die Jemeniten und Jemenitinnen konsumieren, worauf ich an anderer Stelle bereits hingewiesen habe, mehr Kaffee als das Land selbst produziert Deshalb wird Kaffee importiert: aus Äthiopien, Kenia, Indien, Brasilien …! 18.330 t waren es im Jahr 2006 (PS: neuere Zahlen liegen nicht vor); die Eigenproduktion betrug demgegenüber nur rund 11.000 t. Das sind die offiziellen Zahlen. Wie viel Kaffee zusätzlich illegal importiert wird … wer weiß das schon. Aber nicht aller ins Land kommende Kaffee dient dem einheimischen Konsum …!
Warum aber importiert der Jemen, das nach Äthiopien zweitälteste Kaffeeanbauland der Welt, überhaupt Kaffee? Der erste Grund liegt darin, dass die eigene Produktion auf Grund limitierender Faktoren wie veraltete und ineffekive Anbaumethoden, inadäquate Pflege der Bäume, zu geringe Regenmenge, zunehmender Anbau von Khat und vielem mehr den Bedarf nicht mehr deckt, und die Preise in Folge dessen in den vergangenen Jahren drastisch in die Höhe gingen. Mit den Importen von vergleichsweise billigeren Kaffees versucht man, die Bedarfslücke zu schließen.
Der zweite Grund ist ebenfalls wenig erfreulich. Ein Teil der (illegal) importierten Kaffees dient zum "Strecken" des Exportkaffees und ein quanitativ nicht zu bestimmender Teil des letztlich von den Konsumenten teuer bezahlten Mattari, Sana´ai oder Isma´ili ist, davon muss leider ausgegangen werden, vermischt mit den billigen Importen. Mir wurden, als ich mich 2006 im Jemen aufhielt, in der Yemen Coffee Processing Company Muster von gerade eingetroffenen keniaschinen Kaffees gezeigt, versehen mit der Anfrage, ob sie zum Beimischen geeignet seien! Wer als Importeur oder Röster die sehr teueren, exklusiven jemenitische Kaffees kauft und dabei reine jemenitische Kaffees haben möchte, der sollte sich gut mit der Materie beschäftigen!
Wer im Jemen Gisher trinkt, der kann sich sicher sein, dass die verwendeten Schalen aus dem Jemen stammen, denn ungeschälte Kaffees werden wegen des viel zu hohen Gewichts und des Platzverlustes nicht importiert. Bei einheimischem gerösteten Kaffee, dem Qahwa, dürfen schon Zweifel über die 100% heimische Herkunft angebracht werden (es sei denn, man trinkt den Kaffee bei einem Bauer zu Hause). Was den Nescafé betrifft, so will ich die Herkunftsfrage erst gar nicht stellen. Zweifel sind aber ebenfalls anzubringen bei jemenitischen Kaffees, die in den Röstmaschinen der Spezialitätenröster landen; es muss sich nicht in jedem Fall um "unerwünschte" Blends handeln, das Risiko ist aber gegeben.
Auf Grund meiner Erfahrungen im Jemen arbeite ich ausschließlich mit einem Importeur meines Vertrauens zusammen, und dieser wiederum mit ganz wenigen Exporteuren resp. Produzenten. Dieser Importeur ist zugleich der erste Importeur überhaupt, der auf eigene Kosen ein Verkostungslabor in Sana´a eingerichtet hat. Die gesamte Handelskette kann überprüft werden, so dass ich sicher sein kann, dass z.B. der "Hufashi", den wir in unserem Online Shop anbieten, tatsächlich ein echter "Hufashi", ein 100 %iger jemenitischer Kaffee ist.







3 Kommentare
“Gishr” ist ein beliebtes Getränk im Jemen und in Äthiopien, vorzugsweise im östlichen Äthiopien, im Anbaugebiet des Harar-Kaffees. Sowohl die Harar- als auch die jemenitischen Kaffees werden ausschließlich sonnengetrocknet, und sonnengetrocknete Kaffees sind die Voraussetzung für die Zubereitung von “Gishr”.
Nach dem Trocknen der frisch geernteten Kaffeekirschen (im Jemen meist auf den flachen Hausdächern, in Äthiopien auf speziellen Lehmböden, auf Matten oder seltener auf erhöhten Trockengestellen) müssen die trockenen, harten Schalen entfernt werden. Das geschieht mit sog. Schälmaschinen, die im Besitz von Händlern oder (allerdings nur in Äthiopien) von Kooperativen sind, meist, wie auf dem Bild des Beitrags zu sehen, ein “höheres Alter aufweisen” und viel Ausschussware produzieren.
Die aufgebrochenen Schalen, eigentlich ein Abfallprodukt in der Kaffeeverarbeitung, kommen aber in den Handel und sind die Grundlage für den “Gishr”. Die Schalen werden mehrere Stunden lang gekocht, oft von den Frauen am frühen Morgen, wenn sich die Männer zum Gebet in der Moschee aufhalten (die im Jemen für Frauen tabu ist). Je nach Bedarf kann Ingwer, Kardamom und/oder Zimt hinzu gegeben werden - und natürlich (viel) Zucker. Fertig ist das Getränk und kann zum Frühstück oder zu einer anderen Gelegenheit des Tages getrunken werden.
Ich finde den Bericht sehr gut. Kann man gut lesen und informativ ist er dazu auch noch.
Hallo Stefanie,
vielen Dank für Deinen Kommentar! Hat mich sehr gefreut!
Langenbahn
Ein Trackback
[...] Spannender Bericht über Kaffee aus dem Jemen: Was ist eigentlich Gisher? [...]