Harrar – einer der weltbesten Kaffees vor dem Aussterben!

Heute geht es weiter mit dem 4. Tag der “Harrar Kaffee Caravan” in Äthiopien, an der ich seit dem 14.03. 2010 teilnehme. Den vor einigen Tagen im ost-äthiopischen Dire Dawa geschriebenen ersten Teil können Sie hier nachlesen.

Kaffeebauern sind in Ost-Äthiopien meist weiblich

Kaffeebauern sind in Ost-Äthiopien meist weiblich

Tag 4 der Karavane führt uns tief nach Ost-Hararghe, dorthin, wo die besten Harrar-Kaffees gedeihen.
Sechs schwere 8-Zylinder Landcruiser setzen sich gegen 8 Uhr morgens in Bewegung. Eine geteerte Landstraße windet sich entlang ausgetrockneter Flussbetten durch halbwüstenartige, teilweise terrassierte Hänge 20 Kilometer in die Harrar-Berge hinauf, vorbei an umgestürzten oder liegen gebliebenen LKWs einer Verladestation für Schlachtkamele. Dann verlassen wir den Highway und rumpeln mit 30 Stundenkilometern fast 80 Kilometer entlang beeindruckender, über 3000 Meter hoher Berge mit Resten beeindruckender Steineiben-Baumwacholderwälder und traumhaften Aussichten auf die Täler Ost-Haraghes bis in eine kleine Distrikthauptstadt, in der uns ein Stoff-Banner ‚Welcome Ethiopian Cupping Caravan’ entgegenweht. Schnell strömen Hunderte von Schaulustigen jeden Alters, Frauen, Männer, Kinder zusammen, um die Fata Morgana aus einer anderen Welt zu empfangen.

Staunende Harrari

Staunende Harrari

Harrar Kaffee vor dem Aussterben
Was soll das Ganze? Nun, für viele Verbraucher ist Kaffee immer noch ein anonymes Massenprodukt. Nicht für die Teilnehmer dieser Karawane und schon gar nicht für die Bewohner dieser Gegend. Nach wie vor stellt Kaffee eine der wichtigsten Einkommensquellen dieser Region dar – noch. Denn der Kaffeeanbau begann sich dramatisch zu verändern, als die Bauern aus Harrar entdeckten, dass man mit einem anderen Produkt, das sich in Äthiopien, aber insbesondere in den arabischen Ländern immer größerer Beliebtheit erfreut, wesentlich mehr Geld verdienen kann: Quat – gesprochen Chat – heißt seit 20 Jahren das Zauberwort.

Quat ersetzt Kaffee; im Hintergrund Olivenbäume

Quat ersetzt Kaffee; im Hintergrund Olivenbäume

Quat ist eine amphetaminhaltige Droge, die leichte Rauschzustände und Euphorie erzeugt, aber auch Hunger stillend wirkt. Quat-Konsum ist in Äthiopien legal, man darf damit sogar Auto fahren – sollte man aber nicht. Vier von fünf Männern und drei von fünf Frauen konsumieren in dieser Region Äthiopiens täglich Quat, oft während der Arbeit oder ruhend im Liegen. Es entsteht daher oft der Eindruck, die Menschen hätten nichts Besseres zu tun und würden sich, statt zu arbeiten, lieber in Lethargie suhlen. Das täuscht – zumindest teilweise. In Harrar herrscht weithin Mangelernährung – aus unterschiedlichen Gründen. Fakt ist in jedem Fall, dass Menschen, die mit einer Mahlzeit am Tag, oder 1200 Kilojoule auskommen müssen, nicht das leisten können, wozu Menschen in der westlichen Welt mit dem Doppelten oder Dreifachen an Energie in der Lage sind – sie müssen schlichtweg mehr ruhen.

Fakt ist auch, dass ein Kaffeebauer, der mit einem Kilo Quat – je nach Qualität- zwischen einem und 100 (in Worten Hundert) Dollar verdienen kann, mit Kaffee hingegen derzeit etwa 2,50 Dollar, ohne zu zögern die wirtschaftlichere Option wählt. Es bedarf daher kaum Fantasie sich auszumalen, warum die Kaffeeanbaufläche in diesem Distrikt in den letzen 20 Jahren um 75 % zurück gegangen ist. Harrar-Kaffee könnte in 10 Jahren der Vergangenheit angehören!

Quat-Konsum

Quat-Konsum

Während ich abschweife, hat sich unsere “Karawane” den Bewohnern des Städtchens vorgestellt. Warum sind wir also hier? Wir sind hier, um zu erklären, wie der internationale Kaffeehandel traditionell funktioniert und wie direkter Handel mit den Bauern der Region aussehen könnte – zum Vorteil aller Beteiligten. Dazu gehört u.a. ein kleines Schauspiel über die Funktion von Wertschöpfungsketten und – eine Kaffeeverkostung.

Und warum eine Kaffeeverkostung?
Äthiopien gehört zu den wenigern Erzeugerländern, in denen Kaffee auch getrunken wird. Die äthiopische Kaffeebäuerin im Allgemeinen weiß in der Regel nicht, was mit dem Kaffee, den sie mühsam, Kirsche für Kirsche pflückt, und den sie zur Hälfte selbst konsumiert, nach dem Verkauf an den Zwischenhändler oder die Kooperative verkauft, passiert. Vielleicht hat sie gehört, dass er irgendwo in einem fremden Land aus den Tassen von ihr unbekannten Menschen getrunken wird. Vielleicht nimmt sie an, dass die Frauen dieser Länder den Kaffee, wie sie selbst, in einem Holzmörser mit dem Stößel zerstampft, ein einer Eisenpfanne auf dem Feuer schwarz zu rösten, um ihn dann in einer Tonkanne auf Holzkohle mit trübem Flusswasser und etwas Salz, oder vielleicht Zucker aufbrüht und den Gästen ihres Mannes zum Nachmittagspalaver serviert. In jedem Fall weiß sie nicht, was für uns einen guten Kaffee ausmacht, für den manche Menschen bereit sind, etwas mehr Geld zu bezahlen.

Besuch bei einem Modellfarmer

Besuch bei einem Modellfarmer

Wir sind daher auch hier, um ihnen zu vermitteln, wie wir Kaffee zubereiten und trinken. Es mag dem geneigten Leser befremdlich erscheinen, mit welchem Aufwand das geschieht. Es mag der Kaffeebäuerin befremdlich erscheinen, wenn wir in einem an die Autobatterie angeschlossenen Heißluftröster Kaffee rösten, elektrisch mahlen, um ihn dann zu beschnuppern und laut schlürfend zu verkosten, um ihm hinterher einer Zahl zuzuordnen, die letztlich besagt, wie gut der Kaffee ist. Es würde ihr aber auch befremdlich erscheinen zu wissen, dass vielleicht Sie lieber Leser/liebe Leserin zu Hause ihre Tasse Kaffee für ein paar Cents aus einer Maschine zubereiten, die mindestens das Doppelte eines hiesigen Jahres-Familieneinkommens kostet. Dennoch haben wir den Eindruck, dass die Menschen verstehen und schmecken, wenn wir ihnen einen guten und einen schlechten Kaffee in der Stempelkanne zu Verkosten geben. Und sie wissen jetzt vor allem, wer die Leute sind, die ihnen vielleicht einen guten Kaffee zu einem besseren Preis abkaufen.

Kaffeeverkostung vor Publikum

Kaffeeverkostung vor Publikum

Lerneffekte
Mit Sicherheit aber ist der Lerneffekt auf unserer Seite ungleich größer. Nicht nur, dass wir lernen, warum Kaffees gut oder weniger gut verarbeitet werden, wie Kaffee hier auf fruchtbaren Vulkanböden gedeiht und um welche Sorten es sich handelt, dass die gelben Amber-Bohnen ihre Farben und den fabelhaften Geschmack besonderen Bodenverhältnissen zu verdanken haben. Wir lernen auch, dass sich Kinder um jede unserer leeren Wasserflaschen reißen, die wir zurück lassen, weil der nächste Brunnen oder Fluss eine Fußstunde entfernt liegen, und dass Schulen, Aufforstungen oder medizinische Versorgung nicht ganz ohne unsere Unterstützung zu bewerkstelligen sind. Und wir sind in der Lage, diese Erkenntnisse durch Nutzung unserer Medien mit Millionen von Menschen zu teilen, vorausgesetzt es interessiert sie….

Wenn ich einige der Eindrücke optische mit Ihnen teile, darf ich Sie beruhigen, dass auch wir als “Karavanisten” auf zahlreichen einheimischen Mobiltelefonen verewigt sind. Mobiltelefone zählen nämlich auch hier seit kurzer Zeit zu den technischen Errungenschaften, die die Leute hier mit der Welt da draußen verbinden.

Nach einer beeindruckenden Verkostung von überwiegend hochwertigen ‘die muss man haben’ Kaffees sind wir in unserem Zeltlager auf der Schulwiese “die Stars in der Manege” – nie waren wir wohl so populär – und gerne genießen wir die überwältigende Gastfreundschaft der Dorfbewohner, auch wenn die Gesellschaft von 500 Menschen auf die Dauer etwas anstrengend werden kann. Am nächsten Morgen ist die Fata Morgana so schnell verschwunden, wie sie gekommen ist – vermutlich aber nicht zum letzten Mal….

Zeltlager auf dem Schulcampus

Zeltlager auf dem Schulcampus

Traditioneller Tanz zu Ehren der HARRAR CUPPING CARAVAN

Traditioneller Tanz zu Ehren der HARRAR CUPPING CARAVAN

Bleiben Sie gespannt auf weiter Erlebnisse der Harrar Cupping Caravan – coming up soon.

Die vorangehenden Folgen finden Sie wie erwähnt hier.
Die Ethiopian Cupping Caravan auch auf Facebook.

4 Kommentare

  1. Veröffentlicht am 22.03.2010 um 20:05 | Permanenter Link

    Hallo Jörg,

    sehr schöner Bericht. Spannende Infos aus der Harrar Region. Wieder neue Eindrücke, die zum Teil meinen aus dem Sidamo Gebiet ähneln, aber dennoch neue Informationen bereitstellen.

    Danke dafür.
    Dominik

  2. Veröffentlicht am 23.03.2010 um 10:42 | Permanenter Link

    Hallo Jörg,

    danke für den ausführlichen Bericht. Das ist ja alles sehr spannend, aber auch bedrohend was das Aussterben des Harrar-Kaffee betrifft. Gibt´s denn noch Hoffnung, oder war es das dann in 10 Jahren?!

  3. Flüge
    Veröffentlicht am 25.03.2010 um 11:05 | Permanenter Link

    Ich gehe mal davon aus, dass sich die Bauern nicht dazu bewegen lassen werden, Harrar-Kaffee anzubauen. Die Menschen müssen ja von irgendwas leben…
    Die Info mit dem täglichen Ruhen fand ich sehr interessant. Das habe ich gar nicht gewusst.

  4. Veröffentlicht am 25.03.2010 um 19:10 | Permanenter Link

    @ Dominik: Wir tauschen uns später mal genauer aus, ggf. nebst Verkostung…
    @ Manuel und Flüge: Na klar, Hoffnung gibt es schon. Immerhin trinken die Äthiopier ihren Kaffee ja mindestens so gerne wie wir. Es werden sich u.U. aber der Prioritäten in Sachen Qualität verschieben – Überalterung der Bestände, weniger Sogrfalt in der Verarbeitung. Da müssen wir dran bleiben.