Seit Sonntag bin ich mit der Harrar Cupping Karawane in Äthiopien unterwegs. Täglich verkosten und bewerten wir zahlreiche Kaffees verschiedener Kooperativen und diskutieren mit den Bauern Aspekte der Qualitätsverbesserung. Und selbstverständlich sind alle Teilnehmer auf der Suche nach den Top Harrar-Kaffees. Hier ein erster Zwischenbericht …
Ankunft in Addis Abeba
Tag 1: Ankunft in Addis Abeba nach Flug in einer der älteren Maschinen der Ethiopian Airlines mit “maximalem Ryanair-Komfort”. Die Teilnehmer der Karawane tröpfeln nach und nach in einem Hotel der Hauptstadt ein, aus den USA, Mexiko, Schweden, Dänemark und ich aus Deutschland. Daniel, der Tourmanager von Boot-Coffee, empfängt jeden Einzelnen mit großer Fürsorge.
Beim traditionellen äthiopischen Abendessen findet das erste zaghafte Beschnuppern statt: Die Gruppe ist eine Mischung von Freaks mit bunten Lebensläufen: Ehemalige Profi-Snowboarder und -Fotografen, Championbaristi oder Agrarwissenschaftler – alles echte Coffee-Geeks, mit dem Hang zum Extravaganten. Kein Wunder, dass Etliche ihre eigenen Kaffees mitgebracht haben, nebst Frenchpress und Baristamühle - man weiß nie, was einen erwartet…
Flug nach Dire Dawa im Osten Äthiopiens
Tag 2: Nach erster Lagebesprechung steigen wir in den Flieger nach Dire Dawa, der zweitgrößten Stadt Äthiopiens und Hauptstadt der Provinz East-Hararghe, am Rande der äthiopischen Trockensavanne gelegen. Dreirädrige Zweitakter-Taxis und Kamele prägen das für hiesige Verhältnisse ganz ansehnlich Straßenbild. Es ist schon fast dunkel, als wir im lokalen First-Class Hotel eintreffen.
Kaum eine halbe Stunde vergeht, das stehen schon die ersten Probenröster im Konferenzraum. Daniel teilt die Gruppe in Teams ein, die mindestens jeweils 35 Kaffees für die Verkostung des nächsten Tages vorbereiten - keine Sekunde Zeit darf vergeudet werden: Nummerieren, katalogisieren, abwiegen und rösten, 12 Minuten, dann manuelles Abkühlen im improvisierten Maschendrahtbeutel.
Verkostung von West-Harrar-Kaffees
Tag 3: Die Nacht verläuft eher unruhig: Die Klimaanlage scheppert, der alternative zu benutzende Deckenventilator nicht weniger. Nach zwei Stunden Schlaf summt der Handy-Wecker – es ist 6.30 Uhr. Um punkt 8 Uhr schaukelt die Karawane in das örtliche Büro der Oromiya Farmers Union, einem schmucklosen, vergitterten Flachdachbau im Gewerbegebiet der Stadt. Um 10 Uhr ist es schon fast 30 Grad im Verkostungsraum, der über keinerlei Kühlung außer geöffneten Fenstern verfügt.
Die am Abend gerösteten Kaffees werden gewogen und gemahlen, um anschließend in je 6 Tassen pro Muster auf zwei Tischen verteilt zu werden. Aus Platzgründen kommen zunächst nur 25 Kaffees zum Zuge – was aber immerhin auch 150 Tassen ergibt. Wasser wird gekocht, während die Coffeegeeks sich jede Tasse Kaffeepulver fast wie Koks durch die Nase ziehen und eifrig Notizen auf die Bewertungsprotokolle notieren.
Im zweiten Schritt wird das Wasser hinzu gegeben. Nach kurzer Wartezeit die nächsten Schnupperproben des mit feuchtem Pulver überkrusteten Kaffees, die nach genau 4 Minuten aufgebrochen wird, um dann erneut olfaktorisch begutachtet zu werden.
Im Anschluss ist der Kaffee soweit abgekühlt, dass die Kruste abgeschöpft und der Kaffee aus speziellen Verkostungslöffeln geschlürft werden kann. Wie das Schlürfen sich so anhört, ist auf einem unserer letzten Blogbeiträge zu sehen und zu hören. Alle Coffee-Cupper, so die internationale Bezeichnung, bewerten die Kaffees nach einem Standard des amerikanischen Spezialitätenkaffee-Verbandes SCAA, nach dem bis zu 100 Punkte vergeben werden können.
Fast alle Kaffees, in diesem Falle aus dem Westen von Harrar, erreichen mit mehr als 80 Punkten die Klassifizierung ‚Spezialitätenkaffee’, aber keiner kommt bisher an das Top-Niveau von 90 oder mehr Punkten heran, was für viele der Teilnehmer enttäuschend ist. Letztendlich aber auch nicht verwunderlich, handelt es sich doch ausschließlich um sonnengetrocknete Kaffees, die gerne leicht überfermentieren und dann eine zu säuerliche, leicht kompostige Note erreichen. Das Sonnentrocknen ist und bleibt stets eine verarbeitungstechnische Gratwanderung. Zugegeben, viele Kaffeeprofis vom neuen Kontinent bevorzugen gewaschene Kaffees, die jedoch in Harrar aufgrund der Wasserknappheit nicht zu finden sind.
Nachmittags zieht die Karawane weiter zu zwei privaten Kaffeehändlern, die im Gegensatz zu den Kaffeekooperativen keine Einzellagen, sondern ‚nur’ regionale Blends ohne Rückverfolgbarkeit anbieten. Auch hier stehen wieder mehr als 25 Kaffees auf dem Tisch. Zudem erhalten wir Gelegenheit, einer für uns arrangierten Kaffeezeremonie beizuwohnen, aber auch die industriellen Kaffeeverarbeitungsanlagen zu inspizieren, was sich vor allem durch die umwerfend hübschen, bunt gekleideten Frauen als sehr kurzweilig erweist und schnell über die nicht unbedingt modernen Arbeitsmethoden oder die dürftigen Tageslöhne von weniger als einem Euro hinwegtäuschen kann.
Beim Abendessen kann ich mich dann erstmals entspannt zurücklegen und bei einem „Hakkim Stout“, einem Dunkelbier aus Harrar, dem Fachsimpeln der Kollegen lauschen, die sich darüber austauschen, wie man den besten Espresso-Shot zubereitet – die Champions plaudern aus dem Nähkästchen.
Am folgenden Morgen wollen wir früh aufbrechen, in das entlegene Bedeno, von wo der beste Harrar Kaffee kommen soll: Kaffeeverkostung auf dem Dorfplatz mit anschließendem Camping. Wir sind gespannt. Bleiben Sie dran.












3 Kommentare
Das eine auf dem Bild oben (Proberösten). Ist das Sören Stiller Markussen?
Sehr interessant, das ganze!
das klingt ja klasse!
[Hallo "Miriam" - Linkspam und dazu sinnfreie Kommentare? Mögen wir hier nicht so gerne. Bitte unterlassen. Der Müsli-Affiliate-Link wurde natürlich entfernt.]
@ Matthias: Danke für den Kommentar. Du hast richtig gesehen!
Ein Trackback
[...] Den vor einigen Tagen im ost-äthiopischen Dire Dawa geschriebenen ersten Teil können Sie hier nachlesen. Kaffeebauern sind in Ost-Äthiopien meist [...]