Äthiopien: AMARO GAYO-Kaffee – eine ungewöhnliche Frau vor dem internationalen Durchbruch (2)

Eine Frau mischt Äthiopiens Kaffeeszene auf! Die Prämierung von Asnakech Thomas’ erstem Kaffee durch eine internationale Jury (siehe erster Teil) bringt eine Reihe neuer Herausforderungen.
Zunächst muss die Erntemenge gesteigert werden, um die plötzliche Nachfrage bedienen zu können. Da die eigenen Anbauflächen nur langsam ausgeweitet werden können und frühestens drei Jahre nach der Bepflanzung eine erste Ernte einbringen, ist Thomas darauf angewiesen, ihr Einzugsgebiet anderweitig zu vergrößern. Für die Kleinbauern der Region eine willkommene Möglichkeit, ihren Kaffee lokal verkaufen zu können, anstatt ihn ins 60 Kilometer entfernte Arba Minch zu tragen, wo sie vom jeweiligen Tagespreis abhängig und der Willkür der Händler ausgeliefert wären.

Kaffeebauern lernen Marktmechanismen kennen
Da sich inzwischen durch USAID-Unterstützung auch weitere private Kaffeeunternehmen mit ihren Verarbeitungsanlagen angesiedelt haben, entwickelt sich in Amaro eine gewisse Konkurrenzsituation, ein Buhlen um die Kleinbauern und ihre Ernten, ein Wettbewerb mit Haken und Ösen, nicht nur über Preis und Qualität ausgetragen wird. Letzteres ist neu, denn die insgesamt fünf Konkurrenten mit ihren Verarbeitungsanlagen haben – im Gegensatz zu Asnakech – bisher noch jede Kaffeekirsche genommen, ob unreif oder schon halb vergoren.

Asnakech geht andere Wege: Sie möchte ihren Nachbarn auf Augenhöhe begegnen. Das erfordert vom einen Partner sich aufzurichten und von seinem Gegenüber sich auch etwas herunterzubeugen, bildlich gesprochen. Praktisch heißt dies Aufklärung über Marktmechanismen und Preise sowie Erziehung zu Konsequenz und Ehrlichkeit. Die sonst üblichen kleinen Betrügereien zwischen Händlern und Bauern, wie manipulierte Waagen oder mit Steinen aufgefüllte Kaffeesäcke unterbleiben zunehmend. Thomas ermutigt jeden Bauern, den Markt zu beobachten und entsprechend Angebot und Nachfrage die besten Konditionen auszuhandeln.

Kompromisslose Qualität
Auch in punkto Qualität leistet Asnakech Thomas Pionierarbeit. Sie kauft ausschließlich rote Kirschen auf, denn sie weiß, dass sich Qualität auszahlt. Unterstützt wird sie dabei von einem extern finanzierten Berater des Landwirtschaftsministeriums, der über die Dörfer zieht und Hunderte von Kleinbauern in Anbau und Verarbeitung schult. Dennoch ist sie ständig selbst gefragt: Oft tragen Kinder oder Jugendliche die Tagesernte herbei, die von ihnen selbst oder den Müttern gesammelt wurde, meist sind es nur wenige Kilogramm. Bis zu 5 Birr je Kilo, entsprechend etwa 32 Cents, können damit verdient werden – wenn die Qualität stimmt. Nicht selten werden jedoch ganze Äste mit unreifen Kirschen abgerissen oder überreife Früchte vom Boden aufgesammelt. Dann geht die gesamte Lieferung zurück, nicht ohne eine ausführliche Belehrung und die Aufforderung, das nächste Mal die Eltern mitzubringen. Eine für die Familie ärgerliche, aber letztlich hilfreiche Lektion.

Über 1180 Bauern hat Thomas inzwischen bei sich als Zulieferer registriert, was wichtig ist für die von ihren Kunden geforderten Qualitätskontrollen und Zertifizierungen, in diesem Fall Bio , Fair und Utz. Was für den einzelnen Bauern in Äthiopien nicht sinnvoll und auch kaum finanzierbar ist, ist für ein Privatunternehmen mit Eigenkapital und Zugang zu Krediten jedoch machbar.

Einzigartige Geschmacksprofile für regionale Identität
Gleichzeitig wird weiter an Produktpalette und Geschmacksprofilen gearbeitet. Neben Kaffees aus der klassischen, in Äthiopien traditionell angewandten Sonnentrocknung, die sensorisch Nuancen von Erdbeere, Apfel, Schokolade und unreifen Bananen entwickeln, wurde die halb-nasse Verarbeitung durch eine Kurzzeitfermentation der vom Fruchtfleisch befreiten Bohnen im Wasserbad ergänzt. Dieses Verfahren verleiht dem Kaffee einen einzigartig seidigen Körper mit floralen Aromen und Beeren-Noten.

Mehrfach international ausgezeichnet, ist es der Unternehmerin nun gelungen, ihren Kaffee, der zunächst als Sidamo klassifiziert wurde, als Marke und Herkunftsbezeichnung „Amaro Gayo“ zu etablieren, ein Umstand der nicht nur Thomas, sondern die ganze Region mit Stolz erfüllt und die lokale Integration und Identität stärkt.

Erfolge und Rückschläge
Erfolg hat bekanntermaßen schnell und viele Väter. So ist Amaro Gayo inzwischen zum Vorzeigeunternehmen des Landwirtschaftsministeriums avanciert und wird auf internationalen Fachmessen wie der BIOFACH oder ANUGA rumgereicht. Eine zunehmende Zahl von Besuchern aus dem In- und Ausland geben sich in Amaro, dem vormals vergessenen Flecken Erde, ein Stelldichein, ob Entwicklungsexperten, Banker oder Biokraftstoff-Unternehmer.

Aber auch Rückschläge bleiben nicht aus. Als auch nach fünf Jahren noch relativ unerfahrener Kaffee-Novizin unterlief Asnakech der fatale Fehler, Kaffee in einer Flussaue anzupflanzen, was prompt zum Totalverlust von 25.000 Bäumen infolge einer Überflutung führte.

Dennoch war sie in der Lage, ihre Export-Produktion auf inzwischen mehr als 80 Tonnen zu steigern. Selbst Kaffee, den sie selbst als Ausschuss separiert, wird von den Aufsichtsbehörden noch als Exportqualität eingestuft. Wen wundert’s, denn auch private Deviseneinnahmen sackt zunächst der Staat ein, um sie dann in lokaler Währung auszuzahlen.

Wirtschaftlicher Erfolg = soziale Verantwortung!

Mit dem Erfolg wachsen auch Verantwortung und Einfluss: So macht Thomas sich für die Gründung einer lokalen Genossenschaftsbank stark, die endlich Zugang zu Kleinkrediten ermöglichen würde, setzt sich für die Integration ansonsten isolierter HIV/AIDS-Infizierter ein und fordert mit Nachdruck den Bau medizinischer Einrichtungen und Schulen. Der Einsatz tut Not, denn etwa 77 % der Bevölkerung Amaros sind Analphabeten, nur 10 % der 7-12 Jährigen können eine Schule besuchen und nur 9% der Haushalte haben Zugang zu sauberem Trinkwasser.

Eine erste Lieferung Amaro Gayo nach Deutschland im Rahmen des Coffee Hunting könnte also auch einen kleinen Beitrag zu Aufschwung und nachhaltiger Entwicklung in Amaro leisten. Die ersten Muster sind inzwischen bei uns eingetroffen und werden in Kürze verstostet. Entspricht der Kaffee unseren hohen Erwartungen, gilt es für uns allerdings, ein großes Problem zu lösen: Auf Grund der nach wie vor undurchsichtigen und schwierigen Gesamtsituation auf dem äthiopischen Kaffeemarkt haben wir bisher noch keinen Importeur gefunden, der uns eine kleinere Sackmenge beschaffen würde. Das Kaffeegeschäft mit Äthiopien ist und bleibt derzeit ein schwieriges! Aber wir geben die Hoffnung nicht auf.

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